Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1883)
- Date
- 1883-12-11
- Page
- Seite 808 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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808 und die Sicherheit der Person und des Eigenthums durch die Gewalt der Bajonnette gestützt werden müsse. Redner, als Bürger eines constitutionellen Staates, könne sich damit nicht zufrieden geben. An die Stelle der Bajonnette müffe die Macht des Gesetzes treten, soll nicht schließlich das Ansehen des Hauses selbst eine Beute marktschreierischer Demagogen werden. Der Grund, der Redner zur Annahme der Vorlage bewege, sei also der Antisemitismus. Auf die Agitationen außerhalb der Legislative könne diese nur mit der Annahme dieses Gesetzes antworten. (Hört!) Redner kann sich nicht in das Seelenleben, in das geistige Wirken der Antisemiten hineindenken; wie es scheint, suspendiren diese Herren, sowie es sich um die Juden handelt, nicht allein die Gesetze des Staates und der Natur, sondern auch jene der Logik, des vernünftigen Denkens. Aus der Rede Jstoczy's habe Redner entnommen, daß derselbe im Unklaren sei über das Wesen des Menschen und der Nation und der Raffen. So nannte er die Juden eine Raffe von Parias, in welchen die Natur der befreiten Sclaven niemals erlöschen werde. Nun hat aber diese Paria-Raffe eine Moral geschaffen, welche sich geäußert in den Propheten und ihre Verkörperung gefunden hat in Jesus und welche auch heute noch ein kostbares Gut der gesammten Menschheit ist. Die Bekämpfer der jüdischen Moral vergeffen, daß die christliche Weltanschauung, dieses Gemeingut der europäischen Völker, dieser machtvolle historische Begriff, eine Tochter der jüdischen Sittlichkeitslehre und der jüdischen Geschichte ist. Die betreffenden Herren Abgeordneten verwechseln die Begriffe, wenn sie glauben, daß die Denkweise der arischen Völker und die christliche Moral der nämliche Begriff seien. Uebrigens wäre es vergebene Mühe, mit den Antisemiten eine ernste wissenschaftliche Diskussion pflegen zu wollen. Diese Herren haben für alle Beweisgründe nur eine Antwort, indem sie behaupten. Jeder, der nicht ihrer Ansicht ist, sei er Staatsmann oder Abgeordneter, stehe im Solde der Juden. Daher komme es, daß die Antisemiten über die Juden noch glimpflicher urtheilen als über die nichtantisemitischen Christen. Begeht Lin Jude einen Fehler oder gar ein Verbrechen, so hat er nur Dasjenige gethan, was von ihm vermöge seiner Raffe zu erwarten war. Unterfängt sich aber ein Christ, die Sache der Juden zu reden, so ist er gleich ein Berräther an seiner Nation, in der Gewalt der Juden stehend. Man sieht den Standpunkt des Antisemitismus am deutlichsten in seinen Manifestationen im Somogyer und Zalaer Komitat. Jstoczy sagt hierüber, sein Calcül habe sich bewahrheitet. Worin eigentlich? Darin, daß die Bauern aus den Dörfern mit Knütteln und Aexten in die Städte zogen und daselbst die Kaufläden plünderten? Nun, die Wirkung war würdig der Ursache. Am Tage vor Erstürmung der Bastille haben die Anführer des französischen Volkes zwölf Räuber, die die Pfaffen geplündert hatten, aufknüpfen lassen; dann erst machten sie sich wieder gegen die Bastille. Das konnten Jene thun, sie konnten sagen: „Da ist das politische Ziel, das wir zu erringen haben, allein der Raub ist nicht gestattet." So vermag der Socialismus zu handeln. Vom Socialismus sprechend, sagt Redner, er könne mit demselben nicht sympathisiren, aber schließlich kämpfe derselbe nicht gegen Menschen, sondern gegen gesellschaftliche Systeme. Eine Lehre aber, welche besagt, diese Menschen, die unter uns leben, sind von der Natur dazu bestimmt, das Verderben ihrer Nebenmenschen herbeizuführen, eine solche Lehre proponirt einfach die Vertilgung. (So ist's! rechts.) Die Herren sagen jetzt, sie hätten es nicht so gemeint, aber das Volk nimmt von ihren Lehren Dasjenige, was es davon einzig versteht. Der Herr Abgeordnete Jstoczy sagt, die Juden hätten provocirt. Wodurch denn? Er meint, daß eine Assimilirung zwischen Juden und Christen nicht möglich sei. Allein nicht umsonst sind die Juden seit lü Jahren emancipirt; eine neuere Generation ist seither ausgewachsen und gerade jetzt, da ihnen das Leben so verbittert wird, fühlen sie mit Stolz und Liebe die Bande, die sie an dieses Vaterland knüpfen. (Zustimmung.) Und wenn Jstoczy glaubt, daß es Zeiten geben wird, wo man die Juden aus der Nation excommuniciren, ihren Konnex mit dem nationalen Boden entzweireißen wird, so irrt er sich; denn die Juden werden antworten: „J’y suis, j’y reste!" Mißfällt dies Jstoczy und glaubt er, mit den Juden nicht beisammen leben zu können, so möge er auswandern'. (Langanhaltende lebhafte Heiterkeit.) Redner bittet das Haus um Verzeihung, wenn die Erbitterung aus ihm spricht; allein diese sei durch seine exceptionelle Stellung jedenfalls berechtigt; denn cs sei doch jedenfalls eine schwierige Position, wenn Einer, der durch seine ganze Thätigkeit sich die Achtung seiner Freunde und Bekannten erworben hat und im Aufträge eines ungarischen Wahlbezirkes in diesem Hause sitzt, ewig solche Jnvectivcn anhören muß, welche sein persönliches Selbstgefühl verletzen. Ueber den Antisemitismus lachte man ursprünglich; später trat eine vermittelnde Tendenz auf und man sagte: mit dieser Strömung müffe man paktiren. Was ist das sonst, als eintreten in die Strömung der Leidenschaften. Redner weiß zu würdigen, was in der Judenfrage berechtigt ist, doch hat er auf die gestrigen Ausführungen Hermanns etwas zu bemerken. Herman sagte: alle Confessioncn nehmen die Reformen an, nur die Juden nicht. Von einer Confession fordert man heute keine Reformen mehr. Diese Zeit ist vorüber. Man fordert heute, daß der Staat seine 1 Gesetze jedem Bürger gegenüber unbedingt zur Geltung