Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-11 · Heft 50 (11.12.1883) · p. Seite 806

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 50 (11.12.1883)
Date
1883-12-11
Page
Seite 806 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227498--41324-3309791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

806 macht. Nachdem er Jstoczy als „gewesenen Stuhlrichter", der sich durch einige schlaue Israeliten hatte dupiren lassen und deswegen im eigenen Interesse den heiligsten Errungniffen der Menschheit den Krieg erklärt habe, bespöttelt, sagt er, daß er „bei allen Gelegenheiten die Reformirung des Judenthums verlangt habe und dafür von einem großen Theile der Judenheit unbarmherzig angegriffen worden sei". Er sagt: „Ich halte es für nothwendig zu erklären, daß man sich mit Christen über die Religion des Christen, sei er Katholik oder Reformirter', Klarheit verschaffen kann; doch wie es mit der Religion der Juden steht, darüber bleibt man stets im Dunkeln. Es ist ein Labyrinth, in welchem fich Niemand auskennt. Mir sendet vergeblich Dr. Kayserling sein „Moralgesetz des Judenthums", das solche Lehren enthält, die sehr gut annehmbar sind und mit der Morallehre der christlichen Confessionen übereinstimmen. Diese Lehren stehen jedoch im Widerspruche mit den Lehren des Talmuds und sind in den Quellen anderer angesehener jüdischer Lehrer nicht codificirt. Umsonst, die Ansicht Dr. Kayscrling's ist eben nur die Ansicht Dr. Kayserling's. Was Dr. Kayserling sagt, ist nicht allgemein anerkannt, hat keine bindende Kraft. Ich, geehrtes Haus, stehe auch heute dort, wo ich im Januar während der Debatte über die Tapolczaer Petition stand; mein Wahlspruch ist auch heute: ,Clara pacta, boni amici’.1- Das Judenthum möge Zusehen, wie es der Gesellschaft Aufklärung über seine Lehren giebt, in der Gesellschaft entstanden Zweifel, sie ist mißtrauisch geworden den Inden gegenüber. Die Juden sollen eine Synode abhalten und der Welt endlich sagen, was ihre Codices enthalten." Wir werden es niemals vielbeschäftigten Christen übel nehmen, wenn sie von der jüdischen Literatur des letzten Jahrhunderts keine Kenntniß besitzen. Aber wir verargen es jedem gewissenhaften Manne, ein Urtheil zu fällen, ohne sich die nöthige Kenntniß über die Sachlage erworben zu haben. Es ist wohl nicht nöthig daran zu erinnern, wie zahllose jüdische Religionslehren demjenigen zu Gebote stehen, der die Lehren des Judenthums kennen lernen will. Dies ist aber für diese Herren Alles nicht da, jedoch uttheilen darüber wollen sie ungenirt. Die Synoden zu Leipzig und zu Augsburg haben Erklärungen abgegeben, welche hinreichend über die allgemeinen politischen und socialen Lehren des Judenthums Aufschluß gaben. Bon deren Existenz weiß Herman nichts und verlangt deshalb eine Synode. Wahrlich, wir Juden können schaffen und veröffentlichen was wir wollen, es tteten immer neue Ignoranten aus, die, was von ihnen selbst gilt, nämlich, daß sie „über das Judenthum im Dunkel sind", dem Judenthume zur Last legen. Eine andere Schwäche, die aber nur die Stärke des Vorurtheils erweist, läßt sich Herman hinsichtlich der Schrift des Dr. Kayserling zu Schulden kommen, eine Schwäche, die man einem gewissenhaften Manne nicht Zutrauen möchte und die am Besten durch eine Zuschrift des Dr. Kayserling an den „Pester Lloyd" bezeichnet wird. „Der Herr Reichstags-Abgeordnete Otto Herman hat in seiner in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses gehaltenen Rede in Bezug auf die von mir verfaßte und als Manuscript gedruckte Schrift „Das Moralgesetz des Judenthums in Beziehung auf Familie, Staat und Gesellschaft", welche ich in Folge seiner Anfrage am 9. Januar d. I. ihm zugeschickt habe, behauptet, daß „dieses Moralgesetz solche Lehren enthält, die sehr gut annehmbar find und mit der Morallehre der christlichen Confessionen übereinstimmen", daß „diese Lehren jedoch im Widerspruche mit den Lehren des Talmud stehen." Was nun die letztere Behauptung betrifft, erlaube ich mir Herrn Otto Herman darauf aufmerksam zu machen, daß das in Rede stehende Moralgesetz aus dem Talmud geschöpft ist und daß für jeden Satz im Anhänge meiner Schrift Belegstellen aus dem Talmud im Originaltext angeführt sind. Im Uebrigen wird Herr Otto Herman und mit ihm Alle, welche über die Morallehre des Judenthums noch immer im Unklaren sind, demnächst die Ueberzeugung gewinnen, daß die in Rede stehende Morallehre nicht, wie er meint, „der Ausdruck meiner persönlichen Ansicht ist", sondern daß dieselbe von den Rabbinern und Lehrern Israels von jeher anerkannt und gelehrt wurde und als die Morallehre des Judenthums für alle Zeiten auch anerkannt und gelehrt werden wird. Budapest, 23. November 1883. Dr. Kayserling." Einen schweren Borwurf richtet Herman gegen den Ministerpräsidenten Tißa. Er hat historische Wichtigkeit genug, um hier wörtlich mitgetheilt zu werden: „Redner kommt nun auf die antisemitische Agitation zu sprechen und erklärt, daß dieselbe nicht von der äußersten Linken ausgegangen sei, sondern von jener Seite, wo der Ministerpräsident sitzt. (Rufe auf der äußersten Linken: Wahr ist's! So ist's!) Der Herr Ministerpräsident hat gedroht, er werde das und jenes thun, wenn diese Agitation in die Oeffentlichkeit hinausgettagen wird. Wo giebt es denn eine größere Oeffentlichkeit als im Abgeordnetenhause, und von wo kann man den Brandstoff leichter hinaustragen als vom Parlament? (Wahr ist's! auf der äußersten Linken.) Sobald Jstoczy wegen einer gewissen Angelegenheit die Partei verlassen hatte, fand mit einem Male der Herr Ministerpräsident, daß die „12 röpirat" nach dreijährigem Bestände gegen die Confessionen hetzen. Und die Sache hat triumphitt, so baß der Ausdruck des Bolksgewiffens, das Verdikt der Geschworenen die Betteffenden nicht verurtheilt. Und das ist ganz korrekt. Das politische System des Herrn Ministers zeigt sich am Besten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.