Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1883)
- Date
- 1883-12-11
- Page
- Seite 805 (sequence 3)
- Language
- German
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805 sich der unbefangenen Beurtheilung heraus, daß wir es hier j mit Andeutungen zu thun haben, die den Charakter des Thatsächlichen, allgemein genommen, in sich tragen. Und vergleicht man nun die fernere Entwickelung des Opfercultus und neben diesem des Gebetes, bis das letztere zu einem selbstständigen Cultus geworden, wie uns diese Entwickelung in den folgenden Büchern der heiligen Schrift ebenfalls faktisch angedeutet wird: so können wir auch hier nicht verkennen, daß wir in den fünf Büchern Moses das Fundamentale haben, auf welches sich die weitere Entwickelung aufbaut, daß mit einem Worte die Thora das Vorangehende ist, die anderen Bücher Nachfolgen, nicht aber umgekehrt. Wir wollen nunmehr in einem zweiten Artikel diese Entwickelung Nachweisen. Der Gesetzentwurf über -ie Ehe zwischen Juden und Christen im ungarischen Abgeordnetenhause. in. Die bekannte Redseligkeit der ungarischen Abgeordneten hat auch für diese Verhandlung einen Zeitraum von sechs Tagen in Anspruch genommen. Im Allgemeinen drehte sich der Streit zwischen denen, welche die obligatorische Civilehe fordern, und den Gegnern derselben. Bon den ersteren wollte jedoch die Mehrzahl vorläufig dem vorliegenden Gesetzentwurf zustimmen; die letzteren sprachen sich theils entschieden als Vertheidiger des kirchlichen Rechts, theils aus vermeintlichen Opportunitätsrücksichten gegen die obligatorische Civilehe aus. Neben dieser Frage war es nun der Kampf gegen oder für den Antisemitismus, der die meisten Reden ausfüllte. Wir werden uns deshalb begnügen, die charakteristischen Momente hervorzuheben. Am 21. November eröffnete der wüste, immer noch vom Strafrichter bedrohte Onody die Verhandlung und wir brauchen nicht zu bemerken, daß er seine antisemitische Galle genügend ausleerte, ohne jedoch mehr als Langeweile hervorzurufen; denn denen, welche in ihrem Handeln eine rohe Energie bethätigen, steht nicht immer eine gleiche Beredtsamkeit zu Gebote. Er beantragte die Verwerfung der Vorlage und hatte hierzu die Unterschrift der ganzen Antisemitenfraktion aufgerufen, die jedoch zusammen mit ihm aus — 5 Personen besteht. Ein vierter geistlicher Redner, Harits, verwarf die Vorlage aus religiösen Gründen, da die Differenzen zwischen der jüdischen und christlichen Religion durch solche Ehen ins Familienleben übertragen werden, wobei war nichts als ein Feldzug gegen die obligatorische Civilehe und wußte er die Vorlage nur aus dem Grunde zu vertheidigen, weil solche Ehen in Oesterreich unter dem Vorwände der Confessionslosigkeit geschloffen werden dürfen und dadurch die Religionslosigkeit vermehrt werde. Diese Rede setzte das Haus in großes Erstaunen, da sich Pauler hiermit eigentlich als Gegner der Vorlage erwies, so daß eine Spaltung im Ministerium daraus hervorzugehen schien; und nur von rechts erhielt er eine dürftige Zustimmung. Bald nach ihm ergriff Jstoczy das Wort, der sich einen wahren Wuthausbruch gegen die Juden gestattete und sich selbst zu der Behauptung verstieg: „Die Christen sind des Lebens ihrer Kinder nicht mehr sicher" — wobei sich eine so große „Unruhe" im Hause erhob, daß der Präsident den Redner „bat, sich zu moderiren." Auch Iwan Simonyi kam zum Wort und versprach „sich nur auf einige kurze Bemerkungen beschränken zu wollen", wofür er einen „lebhaften Beifall" erhielt. Gleiches geschah seinen antisemitischen Auslastungen nicht. Die Vorlage sei nur „ein Produkt der Machination, der Macht und Findigkeit der Judenschaft." Jedermann weiß, daß dies völlig unwahr ist. Der bedeutungsvollste Verhandlungstag war der 22. November. Zuerst sprach der Abgeordnete Mandel (jüdischer Religion), der den vorliegenden Gesetzentwurf, selbst als Anhänger der obligatorischen Civilehe, nach allen Seiten hin zu vertheidigen sucht. Unter anderem weist er auf die große Anzahl von Christen hin, die zu Eheschließungszwecken in Oesterreich zum Judenthume übertraten (in Wien allein 1880: 27, 1881: 7, 1882: 11, 1883 bis August 18). Zum Schlüße sagt er: „Und doch will ich als Jude ein Wort hier sprechen; ich will diese Gelegenheit ergreifen, der ungarischen Legislative meinen tiefgefühlten Dank für ihre Freisinnigkeit auszusprechen. Sofort nach Wiedereinführung der Constitution beeilte sich (?) die ungarische Legislative, die Juden zu emancipiren. Mit diesem Gesetzentwürfe soll die Grundlage zur socialen Amalgamirung gelegt werden. Es soll das Werk der Emancipation vollendet werden. Hierfür spreche ich als Jude der ungarischen Legislative meinen tiefgefühlten Dank aus. Heil Ungarn! Heil seiner Legislative! Ich nehme den Gesetzentwurf an." (Lebhafter Beifall rechts.) — Pulßky spricht sich entschieden gegen den Antisemitismus aus und meint, daß gerade die antisemitischen Agitatoren und die bedauerlichen Unruhen, die sie im Lande hervorgerufen, auch diejenigen zur Annahme der Vorlage nöthigten, welche die obligatorische Civilehe allein für das Richtige halten. Nach i ihm sprach der entschiedenste Bekämpfer Jstoczy's, Abg. Otto Er bekämpft die geistlichen Abgeordneten theils „auch die noch bestehenden Reste religiöser Gefühle erstickt werden und die Erziehung der Kinder eine verderbliche sein ^Herman. werde." Nach ihm ergriff der Justizminister Pauler das mit ironischen, theils mit faktischen Gründen. Zu bedauern Wort. Seine lange und mit vielen gelehrten Brocken aus-i ist, daß dieser Mann, sobald es das Judenthum betrifft, gestattete Rede — Pauler war früher Professor der Rechte — i sich einer argen Unkenntniß und einseitigen Starrheit schuldig so*