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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-11 · Heft 50 (11.12.1883) · p. Seite 804

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 50 (11.12.1883)
Date
1883-12-11
Page
Seite 804 (sequence 2)
Language
German
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804 als eine Dankesspende und eine Sühne vor der Gottheit; das eigentliche Berständniß der symbolischen Akte in ihren Einzelnheiten kam ihm abhanden; desto mehr gewann der bloße Formalismus im Opfercr^tus die Oberhand, desto mehr erhielt er sich nur auf dem Grunde der Pietät und der gesetzlichen Einrichtung. Dafür entstand allmählich der eigentliche Gebetcultus, bis dieser den zu einer schattenhaften Existenz herabgesunkenen Opfercultus gänzlich entthronte. — Diesen Verlauf hat die Entwickelung auf religiösem Gebiete vorzugsweise bei den Israeliten genommen und wird er uns durchzahlreiche Thatsachen erwiesen. Wenn man Ansätze und ähnliche Anzeichen bei anderen Völkern findet, so ist es doch einsichtlich, daß jene Entwickelung sich bei dem Volke am klarsten manifestiren und zu wirklichen Schöpfungen erheben mußte, dessen einziges geistiges Lebenselement die Religion war. Sehen wir uns diese thatsächlichen Beweise näher an. Schon auf den ersten Seiten des 1. Buches Moses wird uns berichtet, daß Kain nnd Abel, jener den ansässigen Landbau, dieser.den nomadisirenden Hirtenstand vertretend, Gott nr,:c, „eine Gabe, Spende", jener aus dem Ertrage seines Bodens, dieser von den Erstlingen der Heerde und ihren Fettstücken darbrachten (4, 3. 4.). Ebenso bringt Noah, nachdem er die Arche verlassen, Gott ein Opfer (8, 20); aber es find bereits „Ganzopfer", also eine besondere Art der Opfer und zwar von „reinen Thieren", d. h. von Thieren, die allein zum Opfer geeignet erschienen, und er baut hierzu einen Altar. Hiernach erscheinen die Formen bereits vielfach entwickelt. Einen Altar baut Abraham auf seinen Zügen an verschiedenen Orten (12, 7. 8. 13, 18.) und ebenso Isaak (26, 25.) und Jakob (33, 20.), der demselben einen besonderen Namen gab: „Gott ist der Gott Jsrael's!" Selbstverständlich brachten sie auf diesen Altären Opfer dar. Aus 22, 9. kann man schließen, daß diese Altäre aus Erde und Rasenstücken, wie sie sich alsbald überall darboten, errichtet wurden. Daß aber auch bald die Altäre aus Steinen gebaut wurden, lehrt uns 35, 14. — Jndeß hatte die Menschheit schon bedeutende Schritte auf dem Wege der Entwickelung vorwärts gethan. Die Schrift berichtet uns hierüber in den ersten elf Kapiteln. Aus den Höhlenbewohnern wurden die ackerbauenden Geschlechter Bewohner von Häusern, Weilern, Dörfern, Städten (4, 17.), die nomadisirenden Hirtenstämme Zeltbewohner mit ihren Heerden (4, 20.). Von einem späteren Geschlechts wird uns die Erfindung der Musik und musikalischer Instrumente (4, 21.), die Bearbeitung des Kupfers und Eisens (4, 22.) und der dichterischen Form der Rede (4, 23.) berichtet. Weiterhin „begann man den Namen des Ewigen anzurufen"') (4, 26.). 1) Bekanntlich wird diese Phrase von den Targumim und vielen jüdischen Erklärern so verstanden: man habe den Namen Gottes ent- Man war also dahin gelangt, das dunke Fühlen in Worten auszudrücken. Diese Anrufung Gottes wird uns auch von Abraham, nachdem er den Altar erbaut hatte, bemeldet (12, 8. 13, 4.) und ebenso von Isaak (26, 25.). Dies find die ersten Spuren des Gebetes, das uns dann in einer individuellen Situation, vor der Zerstörung Sodoms, in den Worten entgegentritt, die Abraham an Gott richtet (18, 23. ff.), ebenso in den Worten Eliesar's, bevor ihn Rebekka am Brunnen trifft (24, 12. ff.) und im Gebete Jakob's, als er vor seinem heranziehenden Bruder sich fürchtete (32, 10.). So unterbricht auch Jakob den Segen, den er über seine Söhne spricht, mit dem kurzen Gebetwort: „Auf deine Hülfe hoffe ich, o Ewiger!" (49, 18.) Kommen wir nun zum mosaischen Gesetze, so werden im zweiten und dritten Buche Moses und an einigen Stellen der folgenden sehr ausführlich die Vorschriften über das in der Wüste zu errichtende Heiligthum, die darzubringenden Opfer und das Priesterthum mitgetheilt. Dieselben prägen entschieden diesen israelitischen Heiligthümern einen symbolischen Inhalt und Charakter auf, indem sie in ihnen die Ideen der geoffenbarten Lehre zu symbolischer Darstellung bringen und den ganzen Opfercultus auf diesen Standpunkt stellen, zum Unterschiede von allen heidnischen Opferculten. Es muß dies wohl jetzt als eine unzweifelhafte Thatsache angesehen werden und verweisen wir darüber auf unseren ausführlichen Commentar zu diesen Büchern, der gerade diesen Gegenstand einer sorgfältigen Prüfung unterzieht. In diesem Tag für Tag ununterbrochenen Opfercultus fand nun das Gebet gar keine Stätte. Wir begegnen keiner einzigen Vorschrift für das Gebet, wenn wir nicht den kurzen Priestersegen, das Bekenntniß bei Darbringung der Erstlinge und die ganz allgemein gehaltene Vorschrift des Schuldbekenntnisses auf die Sühnopfer ausnehmen wollen. Das Gebet wurde also hier nur als ein fteier Akt des Einzelnen aus seiner Gemüthsbewegung hervor betrachtet. So wird uns von Moses selbst ein Gebet überliefert (4. Mos. 12 , 13.), als er um Heilung seiner Schwester Mirjam flehte, und höchst charakteristisch besteht es nur in den wenigen Worten: n: neti n: „O Gott, heile sie doch!" Und doch erscheint hier wiederum der erste Hymnus in voller Kraft und Form, als Israel am Ufer des Rothen Meeres sich gerettet und den Feind untergegangen sah, ein „Sang", ohne Altar und Opfer, gesungen von „Moses und den Söhnen Israels" und wiederholt mit Pauken und Reigen von „Mirjam und allen Frauen" (2. Mos. 15.). Ohne in die Kritik des Einzelnen einzugehen, stellt es weiht, indem man ihn Menschen und Bildern beigelegt. Ader schon Septuag. (imxa/.tZad-ai zu ovofia zov xvqIov zov &eol), Aden Esra und Abarbanel fassen die Worte so, wie sie die Schrift selbst 12, 8. 13, 4. 21, 33. unzweideutig gebraucht, nämlich Gott anzurufen in den Leiden und bei den Werken des Lebens.

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