Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1883)
- Date
- 1883-12-04
- Page
- Seite 798 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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- Radom 1× ep/1000823
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798 wiesen, daß er ein Mann von Wort ist, daß er es mit seinem Persprechen ernst nimmt. Der Gouverneur von Jekatrinosslaw, wo die letzten entsetzlichen Krawalle stattfanden, ist gemäß dem bekannten Circular des Grafen Tolstoi von seinem Amte enthoben und an seiner Stelle ist Fürst Dolgoruky, Gouverneur von Radom, dem viel Gutes nachgerühmt wird, ernannt. Hoffentlich wird es anderen höheren Administratoren als Fingerzeig dienen, daß man auch den Juden gegenüber in seinen Pflichten nicht lässig sein darf. Man versichert, daß der Krawall zu Jekatrinofflaw bloß deswegen solche fürchterliche Dimensionen angenommen, weil sich der Herr.' Gouverneur in seinem Mittagsschlaf nicht hat stören lasten. Dem „Woschod" ist folgendes charakteristische Dokument zugestellt worden: „Indem die Polizeiverwaltung von Jelissawetgrad sich auf die betreffenden Punkte der Gesetzesbestimmung von 1876 beruft, fordert sie alle Einwohner mosaischer Confession der Stadt Jeliffawetgrad auf, welche zu ihrer Bedienung Christen verwenden, dieselben im Laufe eines Monats durch Leute mosaischen Glaubens zu ersetzen. Diejenigen, welche solches bis 25. Oktober d. I. nicht gethan haben, unterliegen einer Geldstrafe bis 50 Rubel. gez. Polizeimeister Zikubuko." Mit Recht bemerkt der Correspondent, der solches dem „Woschod" meldet, dazu: „Noch ein Tausend Menschen (Christen) sind an den Bettelstab gebracht: Das einfache Volk ist in Folge dieser Maßregel nicht nur gegen Polizei, sondern auch gegen die Gutsbesitzer aufgebracht. Sollte die Polizei diese Verfügung in Anwendung bringen, so kann man sich hier auf sehr traurige Folgen und nicht allein für die Juden gefaßt machen." Dem Herrn Wirklichen Staatsrath Lazar von Poljako ff in Moskau, .Bruder des bekannten Eisenbahnkönigs gleichen Namens, ist die Erlaubniß ertheilt worden, eine Synagoge auf dem Hofe seines Palais auf der Twerskaja- Straßc, dem Glanzpunkte dieser alten russischen Residenz, zu erbauen, um welche ähnliche Erlaubniß die Moskauer jüdische Gemeinde vergebens eine Reihe von Jahren nachgesucht hat. Tie heilige Synode konnte es unmöglich zulasten, daß neben den Hunderten „rechtgläubigen" Kirchen eine auch noch so bescheidene Synagoge sich befinden soll. Wahrscheinlich fiel es auch Herrn v. Poljakoff nicht gar zu leicht, diese Erlaubniß sich zu erwirken; um so größere Ehre macht es ihm. Wie durch sein ganzes Verhalten gegen seine Glaubensgenossen, so beweist er auch damit, daß er hierin stark von seinem älteren Bruder Samuel P. abweicht. Hoffentlich wird er es nicht zu bereuen haben und sicher wird er durch seine Splendität zu Gunsten seiner Glaubensgenossen größeren Dank ernten, als sein Bruder Herr S. P. für die 3 Millionen Rubel, die er fast ausschließlich nichtjüdischen Zwecken geopfert hat. Ja Herr S. P. hat es vor einiger Zeit nur allzu deutlich erfahren, daß wenn er mit feinen grandiosen Schenkungen zu nichtjüdischen Zwecken mitunter die Absicht gehabt hat, das Vorurtheil des Russen gegen die Juden zu schwächen, er sich darin bitter getäuscht hat und daß es nur die geringste Gelegenheit bedurfte, um an den Tag zu legen, daß auch Herr P. selbst gegen dieses Vorurtheil nicht geschützt ist. Eine solche Gelegenheit ereignete sich vor Kurzem in der Petersburger „Duma" (Rathhaus) und ist diese ganze Angelegenheit zu charakteristisch und zu belehrend, als daß sie mit Stillschweigen übergangen werden soll. Ich werde sie daher möglichst kurz registriren. Schon seit einigen Jahren kursirte das Gerücht, das auch in die Tagespreffe eindrang, daß Herr Samuel Poljakoff endlich sich seinen Brüdern zugewendet und nun die Absicht habe, die respektable Summe von 100,000 Rubeln zur Gründung eines Asyls für jüdische Invaliden auf dem jüdischen Friedhof zu Petersburg zu bestimmen. Es wurden sogar auch einzelne Details von den großartigen Vorbereitungen, die dazu getroffen würden, verbreitet; schließlich hat Herr P. selbst seine diesbezügliche Absicht in einer Sitzung der Gemeindeverwal tung, deren Mitglied er ist, kund gethan und man erwartete nun die baldige Realisirung dieser löblichen Absicht. Ist ja von Herrn P. schon aus vielfachen ähnlichen, mitunter weit größeren, allerdings nicht jüdischen Gründungen bekannt, daß er ein thatkräfliger Mann ist und daß die Summe von 100,000 Rubeln, wie bedeutend sie auch ist, bei diesem Crösus in Dingen der Wohlthätigkeit keine so große Rolle spielt. Hat er ja erst im vorigen Jahre 200,000 Rubel zum Besten eines Convicts an der hiesigen Universität und im lausenden Jahre 100,000 Rubel zum Besten einer „rechtgläubigen" Kirche (!!) in Jeletz gespendet, und ist es ja nicht alle Welt, wenn er auch 100,000 Rubel zum Besten eines jüdischen Asyls schenkt. Allein die Realisirung des Letzteren blieb lange aus, bis sie endlich ein schweres Familienunglück, nämlich der Tod einer jungen, vor ein paar Jahren glück lich verheiratheten Tochter, und der dadurch gereifte Entschluß, sich ein Familiengrab auf dem Petersburger Friedhof anzukaufen, förderte und Herr S. P. den Wunsch äußerte, durch die Gründung eines Asyls auf dem Familiengrab sich zu verewigen. Nur schmolzen die in Aussicht gestellten 100/OOu Rubel zu 25,000 Rubel zusammen und im September d. I wendete sich Herr P. mit einem Gesuch an die Stadtverwaltung , ihm den nöthigen Platz zum Anbau eines Asyls auf dem jüdischen Friedhofe zu schenken, und als ihm dies versagt wurde, für 5000 Rubel zu verkaufen. Man sollte glauben, es liege der Stadtverwaltung wenig daran, ob die Juden auch ein Jnvalidenasyl haben, deren die Russen so viele besitzen, und was könnte sie gegen ein solches Bestreben von Seiten eines Juden überhaupt und eines Herrn Polia-