Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1883)
- Date
- 1883-12-04
- Page
- Seite 797 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227497--41314-3309780- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
797 Großbritannien. London, 19. Nov. Bon den Deutschen so nachdrücklich zurückgewiesen, sucht Stöcker bei den Engländern eine Zuflucht und bemüht sich, bei ihnen Gehör zu erlangen. Es ist ihm dabei mohl am meisten darum zu thun, nicht so ganz ohne scheinbaren Erfolg nach Deutschland zurückzukehren. Ein Telegramm besagt hierüber: „Stöcker hielt gestern im Saint- Stephensclub einen englischen Vortrag über die konstitutionelle Stellung der Juden in Deutschland. Die Anschauungen des Redners stießen zuweilen auf den heftigsten Widerspruch der anwesenden eingeladenen Engländer. „Daily News" beschuldigt Herrn Stöcker der Intoleranz und sagt, den Juden in England drohe durch seinen feindseligen Bortrag keine Gefahr." — Jedenfalls ist England kein Absatzmarkt für die Einfuhr Stöcker'scher Waare. — Nach dem Berichte der „Köln. Z." bestand dieBersammluug aus höchstens 40 Köpfen, und der St. Stephensclub ist ein untergeordneter conservativer. Es heißt weiter: „Meine frühere Behauptung, daß Stöcker am besten seinem Rufe gedient hätte, wenn er zu Hause geblieben wäre, ward durch seinen Bortrag völlig bestätigt. Denn es gibt heute, so viel ich sehe, weder ein conservatives noch ein liberales Blatt, welches ihm beipflichtet. Dagegen bemerkt die conservative St. James' Gazette: „Wenn Stöckers Rede nicht in schamloser Weise entstellr ist, so hat er seinen Zweck, uns zu beweisen, daß die Juden eine Politik und eine Sittlichkeit für sich hätten, vollständig verfehlt. Die sämmtlichen englischen Zeitungen sprechen sich über Stöcker's Reden und Tendenzen theils verspottend, theils verurtheilcnd aus. Die „Daily News" meinen, daß Stöcker von jedem ernsthaften Engländer mißachtet werde, und gerade die conservative Presie tadelt ihn am schärfsten. Die „Morning Post" sagt, daß Herr Stöcker's Verhalten gegenüber den Juden schon früher in der gesammten englischen Presse ohne Ausnahme seine Abfertigung gefunden habe; es sei daher zu erwarten gewesen, daß sein Erscheinen hier mit einer Gegendemonstration seitens der englischen Juden begrüßt werden würde. Merkwürdigerweise aber habe gerade die hebräische Gemeinschaft sich gar nicht um ihren Gegner gekümmert. Die „Morning Post" bezeichnet dann das Verhalten der englischen Juden als correkt, denn nichts werde dadurch gewonnen, durch wüsten Lärm Herrn Stöcker Schweigen aufzulegen; dagegen tadelt sie die deutschen Socialisten in London, „denn," sagt sie, „gerade der beste Weg, öffentliche Sympathien für den entschlossenen Judenhaffer zu schaffen, ist der, ihn in den Stand zu setzen, sich als ein Opfer zu geriren. Die deutschen Socialisten haben dies gethan, als sie die Redner-Tribüne in der MemorialHall erstürmten." Die hochconservative „St. James' Gazette" schreibt u. A.: „Der deutsche Hofprediger ist nicht genau mit demselben Maße als der hebräische Gewerbetreibende behandelt worden. Er sah nicht sein Haus demolirt und seine Familie beschimpft, aber er hat wieder in einer Weise gelitten, welche eine so beredte Person empfinden muß: er wurde zum Schweigen gebracht. Die Juden thaten es nicht. Sie scheinen nach der Memorial-Hall gegangen zu sein, um zu protcstiren, falls sich eine Gelegenheit dafür gezeigt hätte, aber die aktiveren Socialisten nahmen ihnen die Sache aus den Händen. Es ist schade, daß die so wohlmeinenden Personen, die Herrn Stöcker eingeladen haben, über Luther sich zu verbreiten, seine gemischten Antecedentien nicht etwas bedacht haben. Hätte der Tumult viel länger gedauert, so hätte die rothe Fahne jetzt auf den Ruinen der Memorial Hall wehen können." Jndeß hat Stöcker insofern seinen Zweck erreicht, daß er wieder einmal recht viel hat von sich reden machen. Auch soll selbst England von antisemitischen Bewegungen nicht frei bleiben, wenn anders Berichte aus Leicester richtig sind. Es sollen dort die in den sehr bedeutenden Schuhwaarenfabriken beschäftigten Arbeiter verlangen, daß keine Juden zur Arbeit zugelaffen werden sollen, weil sie geringere Arbeitslöhne nehmen. Einige versuchten bereits gewaltsame Einschüchterung. Die Bevölkerung ist jedoch hierüber sehr entrüstet, und dies um so mehr, als einige der namhafteren Arbeitgeber Juden sind, deren einer im Stadtrath eine hervorragende Stellung einnimmt. Man kann sich hierbei der Frage nicht entziehen, was wohl die Juden thun sollten, um nicht getadelt und mißhandelt zu werden. Stellen sie kein Contingent zu den sog. Arbeitern, so klagt man sie der Arbeitsscheu an; gehören sie aber der Arbeiterklasse an, so reagiren die christlichen Arbeiter gegen ihre jüdischen Genossen und wollen sie aus der Arbeit verdrängen. (Die Sache scheint übrigens nicht von Bedeutung zu sein, da wir außer in der „Köln. Ztg." in anderen Blättern nichts darüber fanden.) London, 20. November. Der Bortrag des Hofpredigers Stöcker im St. Stephen's Club erfährt noch ein Nachspiel. Der Ausschuß des Vereins erklärt in den Zeitungen, daß dies ohne seine Wiffen und ohne seine Bewilligung geschehen sei und bedauert, daß es Herrn Stöcker gestattet wurde, im Club zu sprechen, da er im Falle eines Gesuches, einen Vortrag abhalten zu dürfen, ohne Weiteres abweislich befchieden worden wäre. Das Ausschußmitglied, welches die Schuld an diesem bedaucrnswerthen Vorkommnisse trägt, hat in Folge dessen resignirt. Ein vollständigeres Fiasco ist nicht denklich! Rußland. Petersburg, 20. November. (Privatmitth.) Wieder einmal hat unser Minister des Innern Graf Tolstoy be- 49*