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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-04 · Heft 49 (4.12.1883) · p. Seite 796

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 49 (4.12.1883)
Date
1883-12-04
Page
Seite 796 (sequence 10)
Language
German
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796 unsres Rabbiners Herrn Dr. Klein Veränderungen erfreu-1 licher Art vor sich gegangen. In unsrer Gemeinde befindet sich unstreitig eine verhältnißmäßig große Intelligenz, aber der Jndifferentismus in religiösen Dingen machte auch hier sich so breit, daß — wer nicht auf die ewig unzerstörbare Macht unsrer Religion vertraute — mit banger Betrübniß ob der Zukunft des- Judenthums in Schweden erfüllt sein mußte. Freilich hat sich in unsrer Mitte stets ein echt jüdischer, aufopfernder Wohlthätigkeitsfinn bekundet, die Institutionen unsrer Gemeinde, wie Synagoge, Schulhaus, Begräbnißplatz, machen unbedingt den Eindruck, als wären sie von einer großen, zahlreichen Gemeinde geschaffen, an den hohen Festen war die Synagoge immer bis auf den letzten Platz gefüllt, aber es war viel von jenem sogenannten „Jomkippurjudenthum", es fehlten — selbst und ganz besonders in den gebildeten Kreisen — die rechten Anschauungen über die Ziele, die wir zu verfolgen haben, wie wir in religiöser Beziehung unsere besonderen Standpunkte wahren können und müssen, unbeschadet unserer Stellung im öffentlichen und socialen Leben. Welchen Aufschwung zum Besseren indeß unsre Verhältnisse genommen, das beweisen folgende Facta. In richtiger Erkenntniß, daß nur dem, der die Jugend für sich hat, die Zukunft gehöre, daß man mit der Heranwachsenden Generation beginnen müsse, will man ein für die jüdische Sache, begeistertes Geschlecht heranbilden, in dieser Erkenntniß machte sich Herr vr. Klein an die Reorganisation unsrer Religionsschule. Die Eltern schulpflichtiger Kinder wurden zu einem Bortrage in der Synagoge eingeladen, in welchem die Bedeutung und Nothwendigkeit des Religionsunterrichts dargethan wurde. Der Appell an die Eltern war so eindringlich, der Bortrag so warm und überzeugend, daß sogleich die Elite unserer Gemeinde, die sich bisher fern hielt, ein sehr bedeutendes Contingent für die Religionsschule stellte. Letztere zählt jetzt schon über 90 Schüler, ist in 6 Claffen eingetheilt und fungirt als Lehrer außer dem Rabbiner der erste Cantor der Gemeinde. Zu dieser Anzahl kommen noch 30 Confirmanden. Dem Unterrichte im Hebräischen wird viel Zeit gewidmet, denn — so betonte Herr Dr. Klein wiederholentlich — unsre Religion hat keinen größeren Feind als — die Unwissenheit. — Die geistvollen Predigten unseres Rabbiners, die frei von jeder Effccthascherei und Schönrednerei sind, dringen klar und verständlich aus dem Herzen in die Herzen, denn so überzeugend kann nur die eigene Ueberzeugung wirken. Auch in nichtjüdischen Kreisen erregt Herr vr. Klein als Redner großes Aufsehen, viele Zeitungen der Hauptstadt und der Provinzen brachten ausführliche Referate über die Jomkippur- und Suckothpredigten und wird letzterer erst der Landessprache mächtig sein, so wird er sicherlich von der Kanzel aus viel zur Verherrlichung des Judenthums wirken können, denn auch Nichtjuden besuchen häufig unfern Gottesdienst, der besonders weihevoll und erbauend während der letzten hohen Feste war. Von Herrn vr. Klein aufgefordert, bildeten nämlich die gesangskundigen Herren und Damen unsrer Gemeinde bereitwillig eine schätzenswerthe Verstärkung unsres Chores, welcher die herrlichen Synagogen-Compositionen unsres Meisters Deutsch in Breslau in musterhafter Weise exekutirte. Unter dem Vorsitze unsres Rabbiners arbeitet gegenwärtig eine Cultuscommission an einer Agende, da sollen auch zeitgemäße Verbesserungen unsres Cultus angebahnt werden. Um den Gemeindemitgliedern Kenntniß über Tagesfragen der jüdischen Welt zu verschaffen, hat vr. Klein auch einen Lesecirkel gebildet. Fm Gemeindesaale liegen zur Lectüre aus: die Zeitung des Judenthums, der Israelit/ Brülls Monatshefte und Jahrbücher, andre Schriften von jüdischem Jntereffe und von nun ab soll auch die Gemeindebibliothek alljährlich completirt werden. Drei Listen, unterzeichnet von den Herren vr. Klein, Abr. Hirsch, Vorstandsmitglied der königt. musik. Academie und Bankdircetor Heckscher, cirkuliren gegenwärtig in der Gemeinde, um Mitglieder für die Alliance zu werben. Bei einer jüngst stattgefundenen Festlichkeit zeichneten auf Herrn vr. Kleins Liste allein 20 Mitglieder mit einem jährlichen Beitrage von zusammen über 300 Kronen. Es liegt dem Schreiber dieses fern, Weihrauch streuen zu wollen, er zeichnet nur nach der Wirklichkeit und es sind Facta, die reden. — So zeigt sich denn aus allen Gebieten das segensreiche Wirken unsres Rabbiners, das jüdische Bewußtsein zu wecken ist sein Hauptziel; und bei seiner Begabung und seinem Eifer wird er cs in schönem Maße erreichen. Frankreich. Paris, im November. Das soeben versandte Oktober - bülletin der Alliance enthält folgende Erklärung: „Mehrere deutsche Journale haben nach einer Quelle, die sogleich ihr Mißtrauen hätte erwecken müssen, einen Appell wiedergegeben, der durch den sel. Ad. Cremieux bei Gründung der Alliance isravlite veröffentlicht sein sollte. Dieser Aufruf ist von Anfang bis zum Ende eine reine Erfindung. Weder Cr4mieux noch irgend ein anderer Israelit hat ihn geschrieben, weder zur Zeit der Gründung der Alliance, noch irgend einer anderen Zeit. Cremieux war selbst nicht einmal bei der Gründung der Alliance deren Mitglied." (Es wäre wohl nöthig, daß diese Erklärung von den Blättern wiedergegeben würde, welche jenes Falsum enthalten haben, durch das Preßgesetz wären sie gezwungen, cs an dem Platze abzudruckcn, wo das gefälschte Dokument gestanden. Red. d. A.-Z. d. I.)

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