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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-12-04 · Heft 49 (4.12.1883) · p. Seite 794

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 49 (4.12.1883)
Date
1883-12-04
Page
Seite 794 (sequence 8)
Language
German
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794 durch dessen Selbstmord abgespielt hat. Der Schleier ist jetzt gelüstet und es ergiebt sich ein Familiendrama von Ehebruch und Verzweiflung, das auch nicht im Entserntesten mit irgend einem confessionellen Momente in Berührung stand. Der Verstorbene wollte großmüthig das Trauerspiel verdecken und fingirte ein amerikanisches Duell. Dies benutzten die Antisemiten, um die Schuld auf einen jüdischen Asseffor, der gar nichr existirte, zu wälzen und eine großartige Hetzerei daraus zu machen. Aber gerade dies regte dazu an, der Sache auf den Grund zu kommen; die Wahrheit wurde auf-! gedeckt und hiermit zugleich wieder an einem Beispiele erwiesen, welch' Lug und Trug von Seiten dieser erbärmlichen Gegner getrieben wird. Neustettin, 23. November. In dem Synagogenbrand- Proceß ist Seitens der Vertheidigung die Revision eingelegt und in einem umfangreichen Schriftstück begründet worden. Kaste!, 15. November. Der Redakteur des dahier erscheinenden antisemitischen Blättchens „Geldmonopol", C. Hennies, ist im Laufe letzten Jahres wegen grober Beschimpfung hiesiger und auswärtiger Israeliten nachgerade unzählige Mal bestraft worden, so daß schließlich die Geld- und Gefängnißstrafen eine gewaltige Höhe erreichten. Als nun die Spenden aus antisemitischen Kreisen zur Zahlung der Strafgelder immer spärlicher flössen und endlich ganz ausblieben, auch der Antritt der verschiedenen Freiheitsstrafen sich nicht mehr weit hinausschieben ließ, wandte sich Hennies mit einem Gnadengesuch an den Kaiser, in dem er den gänzlichen Erlaß oder die Milderung der erkannten Strafen erbat. Es ist dieses Gesuch indessen jetzt von dem Monarchen in allen Theilen abschlägig beschieden worden. Thorn, 16. November. (Danz. Z.) Heute ist vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichts ein gegen mehrere Angehörige der jüdischen Gemeinde anhängiger Proceß zum Austrage gebracht worden, der zunächst die Betroffenen seit Monaten ziemlich beunruhigte, aber auch in den weitesten Kreisen, weil das allgemeine Gerücht über den Hergang selbst und besonders über die Anklage sich unerklärlich aufgebauscht, eine große Spannung verursacht hatte. Ein Postwagen war in das in Bewegung befindliche Gefolge eines jüdischen Leichenzuges ohne alle Rücksicht hineingefahren und die Leidtragenden waren, nur um nicht überfahren zu werden, gezwungen, den Pferden in die Zügel zu fallen und das Gefährt in andere Richtung abzuwenden. Trotzdem und nachdem der Postwagen schon eine Strecke in der Nebenstraße seine Tour fortgesetzt hatte, kehrte derselbe um und fuhr nochmals in schnellem Trabe in den Zug hinein. Dabei kam es nun zu einigen Stößen und Püffen, der Postillon schlug auch mit der Peitsche auf die Folgenden und diese, sich mit den Regenschirmen deckend, sollen auch mit denselben auf Schaffner und Postillon, wie die Anklage behauptete. losgeschlagen haben. Es waren denn auch an Strafen sechs Monate, fünf Monate und drei Monate Gefängniß beantragt. Die Zeugenaussagen aber waren derart, daß von den fünf Angeklagten nur einer des Schlagens auf den Postillon schuldig befunden und mit 14 Tagen Gefängniß dafür bestraft, die Anderen aber freigesprochen wurden, indem der Gerichtshof als constatirt annahm, sie hätten sich in der Nothwehr befunden. — Man fragt hier unwillkürlich: Und was ist dem Postillon geschehen'? Die Antwort kennt man bis jetzt noch nicht. Posen, im November. Vom Jahre 1825 bis zum Jahre 1871 hat sich die Bevölkerung der Provinz Posen um etwas mehr als 50 Proc. vermehrt. Hierbei zeigt sich die eigenthümliche Erscheinung, daß, während 1825 die katholischen Einwohner 65,61 Proc.. die evangelischen 28,07 Proc., die Juden (65,131) 6,31 Proc. betrugen — im Jahr 1871 die Katholiken nur noch 63,72 Proc., die Evangelischen dagegen 32,36 Proc. und die Juden (61,437) nur noch 3,91 Proc. der Gefammtbevölkerung ausmachten. Die Zahl der Juden hat also nicht nur im Berhältniß zu den beiden übrigen Confessionen abgenommen, sondern ist auch absolut zurückgegangen. Der Grund hierfür liegt einerseits in einer starken Auswanderung, früher besonders nach Amerika, seit 1848 auch nach den übrigen preußischen Provinzen, vorzugsweise nach Berlin — die jüdische Bevölkerung in Berlin ist in dem genannten Zeiträume von 3000 auf 53,000 gestiegen — andererseits in dem Mangel an Einwanderung, die nachweislich seitens der Juden in die Provinz verschwindend klein gewesen. Hieraus ergiebt sich auch die Falschheit jener antisemitischen Behauptung, welcher auch v. Treitjchke einen beredten Ausdruck gab, daß die Ostprovinzen des Reiches von russischen Juden überschwemmt werden. Münster, 25. November. (Privatmitlh.) Wir wissen, daß, wo es gilt, ein gemeinnütziges und weithin wirkendes Werk zu fördern, die „A. Z. d. I." gern ihre nachdrückliche Unterstützung gewährt. Ein solches Werk ist es aber im vollsten Sinne des Wortes, das jetzt zu schaffen unsere Aufgabe ist. Aus pädagogischen und gesundheitlichen Ursachen ist es längst ein Bedürfnis geworden, für das hier seit 60 Jahren bestehende von Professor Haindorf begründete jüdische Lehrer-Seminar ein eigenes geräumiges Gebäude zu errichten. Hierzu kommt, daß. die königliche Staatsregierung, die dem Seminar einen jährlichen Zuschuß von 6000 Mark gewährt hat, die Errichtung eines solchen Gebäudes zur Bedingung für die weitere Zahlung dieses Zuschusses gemacht hat, ohne welchen die Fortexistenz des Seminars sehr bedroht wäre. Auf einen desfallsigen Ausruf vom 14. Dezember 1880 erfolgten Spenden, welche jetzt ca. 30,000 Mark erreicht haben. Es sind aber noch 25,000 Mark nothwendig, um auf dem bereits erworbenen Bauplatz das Gebäude angemessen her-

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