Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 781 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227496--41297-3309762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
781 önnte, wie schlecht und unpolitisch die Magyaren die Zeit mud öfter vor, bezeichnet einen „Schatzmeister", und stand benutzt haben, die jetzt seit dem Ausgleich mit Oesterreich ein solcher selbst dem gewöhnlichen Priester voran. Jer. verflossen ist. Hör. III, 48b. Was unsre Meinung über den obigen Fall Agram, 10. November. Die heute stattgefundene Ge-' meinderathswahl war insofern von Interesse, als der israel. Candidat Max Stern bei verhältnißmäßig lebhafter Betheiligung nahezu einstimmig gewählt wurde. Frankreich. Paris, 8. Nov. In Algier und der dortigen Presse hat ein Vorgang großes Aufsehen erregt, welchen die Aich, isr. folgendermaßen erzählen: Am 21. Oktober d. I. verstarb in Algier Juda Minum Sasfar, ein Ehrenmann in des Wortes strengster Bedeutung, der aber in der jüngsten Zeit dadurch, daß er seine Ansichten als Freidenker (librs x>6v56nr) zur Schau trug — er war ein solcher Sonderling, daß dies auf seinen Visitenkarten erwähnt war — mit den jüdischen Gebräuchen gebrochen zu haben schien. Diese antireligiöse Haltung stand mit seinen früheren Gefühlen sehr in Widerspruch. Der verstorbene Saffar hatte in der That vor ungefähr zehn Jahren mit 500 Fr. sich den Titel Gizbar gekauft, welcher demjenigen, der ihn besitzt, zu gewissen Ehren in der Synagoge berechtigt und nach dem Tode zu einer besonders reservirten Stätte auf dem israelitischen Friedhofe. Wir wollen noch einmal betonen, daß Saffar vor seinem j Tode nicht mehr die religiösen Ansichten bekannte, die ihn? erfüllten, als er die eben erwähnte große Ausgabe machte. Es! ist notorisch bekannt — die Lokalblätter sprechen es bestimmt! aus — daß er den letzten Jomkippur nicht gehalten hat.! Unter diesen Verhältnisien brachte seine Beerdigung die! rabbinische Behörde, die in solchem Falle allein competent ist, in große Verlegenheit. Es schien schwierig, der Leiche eines notorischen Freidenkers die Ehren zu gewähren, welche ausschließlich für die Frommen bestimmt sind. So entschieden der Großrabbiner und seine Beisitzer in! einer besonderen Sitzung, daß die Bestattung nicht mit den üblichen Ceremonien stattfinden sollte und daß in Betracht der notorischen Ansichten des Verstorbenen, er in dem Theil des Friedhofes beerdigt werden sollte, der für die Selbstmörder und Ketzer bestimmt ist. Diese Entscheidung der Rabbiner rief eine große Aufregung hervor. Man that beim Consistorium Schritte, um deren Ausführung zu verhindern, aber diese rein administrative Körperschaft verweigerte, sich in eine Frage zu mischen, deren religiöser Charakter unbestreitbar sei. Jedoch — eine wichtige Concession — wurde Herr Saffar nicht als Schismatiker beerdigt, sondern wurde nur der seiner Würde als Gizbar zukommenden Ehren beraubt. (Die Würde eines „Gizbar" ist im Abendlande nicht gebräuchlich. Der Ausdruck oder -Qr; kommt im Talbetrifft, so scheint uns das Unrecht auf Seiten des Großrabbiner und seiner Beisitzer zu liegen. Wenn sie Ehrenbezeugungen verkaufen, und zwar für große Summen, so haben sie sich hiermit des Rechtes begeben, diese Ehrenbezeugungen vorzuenthalten oder sie mußten wenigstens die bezahlte Summe zurückerftatten. Mögen diese Herren den Mißbrauch abschaffen, der mit dem Verkauf von Ehrenbezeugungen getrieben wird, die sie nur Frommen und um die Gemeinde verdienten Männern zuerkennen; dann erst haben sie das Recht der Entscheidung, diese znzugestehen oder zu verweigern). Redakt. d. A. Z. d. Jud. Großbritannien. London, 16. November. Im Anschluß an den zweiten! Leitartikel in dies. Nr. geben wir hier weitere Mittheilungen über den Verlauf der Stöcker'schen Angelegenheit in London. Die „Daily News" vom 13. d. schreibt: „Der Lordmayor : hat sich geweigert dem Herrn Hofprediger Stöcker das Mansioni haus einzuräumen, um dort möglicherweise gegen die Juden! zu predigen, und der Lordmayor hat recht daran gethan. Es! ist möglich, daß Herr Stöcker nichts gegen die Juden gesagt j haben würde, allein man weiß, daß er gerade in dieser Frage am beredtsamsten ist. Er ist das Haupt der antisemitischen Partei in Berlin, welches den Racen- und Religionshaß wieder beleben und organisiren will. In England bestehen keine solchen Gefühle. Die Juden find uns gleichgestellt, und wenn wir an ihnen etwas auszusetzen haben, so ist es dies, daß sie manchmal beinahe zu patriotisch sind. Dies ist ein in unserer Zeit seltener Fehler. Die jüdische Gemeinde zählt, wie der Lordmayor sagt, viele unserer hochverehrtesten Bürger zu ihren Mitgliedern. Es wäre eine Beleidigung für sie gewesen, Herrn Stöcker zu gestatten, im Mansionhause zu sprechen. Wenn er seinen Gefühlen über j die moderne semitische Race freien Lauf lassen will, dann muß er nach seinem freien Vaterlande zurückkehren." — Das i Londoner Stöcker-Comitö hat das nachfolgende Schreiben an! den Lordmayor gerichtet: „Mein Lordmayor! Mit großer j Ueberraschung und großem Bedauern sahen wir in den Monj tagsblättern den Brief veröffentlicht, welchen wir am Samstag; Nachmittag von Euer Lordschaft erhielten, ehe uns noch Gelegenheit geboten war, die Unrichtigkeiten aufzuklären, die der Entscheidung Euer Lordschaft zu Grunde liegen. Nachdem wir bei zwei verschiedenen Anläßen die Bewilligung Euer ' Lordschaft zur Abhaltung des deutschen Meetings im Mansionhouse und weiter die Zusage erhalten hatten, daß Sie den i Vorsitz führen wollten, sind wir außer Stande, zu begreifen, j was seit dem ersten Briefe Euer Lordschaft an Alderman 48*