Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 780 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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In Angelegenheit der Führung der Matrikeln theilt „Egyl" mit, der Kultusminister habe seine ursprüngliche Vorlage dahin abgeändert, daß die in Aussicht gestellten Maßregeln nicht auf die gesammten ungarischen Juden, sondern nur auf jene jüdischen Gemeinden Anwendung finden sollen, in welchen bezüglich der bisherigen Matrikelsührung Unregelmäßigkeiten konstatirt wurden. Zala-Egerszeg, 8. November. Wie wir bereits gemeldet, ist es die hiesige Gegend, in welcher die Gährung, die sich unter dem Deckmantel der Judenverfolgung verbirgt, und die in nichts Anderem als in der gemeinsten Raub- und Plünderungssucht des ländlichen Pöbels ihre Nahrung findet, noch immer nicht zu Ende. In der vergangenen Nacht wurde in Zala-Lövö ein neuer Versuch gemacht. Gestern Morgen nämlich meldete eine dortige Bauernfrau dem Kaufmann Salomon Kohn, daß für Abend größere Banden aus umliegenden Dörfern erwartet würden. Kohn benachrichtigte den Stadtrichter, der die gewöhnliche Nachtwache verstärkte. Außer den Wächtern waren die Juden ebenfalls alle wach. Gegen 12 Uhr nachts kam ein Haufen von etwa dreißig Kemenyfaer und Budafaer Bauern, mit Aexten und Schießgewehren bewaffnet, vor das Deutsche Haus. Die Wache forderte die Leute auf, ruhig nach Hause zu gehen; diese aber stellten sich der Wache entgegen und nahmen eine drohende Stellung an. Es fielen sogar Schüße auf die Panduren, diese sahen den Ernst der Lage und gaben ebenfalls Schüsse aus die Ruhestörer ab, von denen zwei auf dem Platze blieben. Drei wurden verhaftet; sie gestanden ein und nannten auch zwanzig der Betheiligten. Ihr Führer war der Chikos der Zala-Pataker Herrschaft. Von der Wache wurde niemand verwundet. Die Bauern waren eingerußt und verkleidet. Die Gemüther sind sehr erregt. Die Wache zählt bloß vier Mann. Bon der Theiß, 11. Novbr. (Privatmitth.) Bekanntlich war es schon Constantin der Große — wie er nun einmal in der Geschichte genannt wird —, welcher bald nach seiner Bekehrung zum Christenthume die Ehen zwischen Christen und Juden verbot, die Ehen zwischen Christen und Heiden gestattete. Er ging dabei offenbar von der Voraussetzung aus, daß in den Mischehen erster Art der christliche Theil den Heiden zu seinem Bekenntniß, zweiter Art der jüdische Theil den Christen zum Judenthume führen würde. Die folgenden Concilien erneuerten und verschärften dieses Verbot der Ehe zwischen Christen und Juden, und so galt dasselbe über 15 Jahrhunderte, und besteht noch heute in Rußland, Ungarn und den Donauländern. In Deutschland ist es erst seit 1848 aufgehoben, in Oesterreich noch seit wenigeren Jahren. In Ungarn hält man so fest an diesem Verbote, daß selbst eine solche im Auslande geschlossene Mischehe in Ungarn keine Rechtsgültigkeit hat. Am 17. d. wird nun im Abgeordnetenhause die Verhandlung über den von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf, durch welchen jenes Verbot aufgehoben werden soll, beginnen. Allein man sieht bereits voraus, daß er durchfallen wird, da es der Regierung selbst gar kein Ernst damit ist. Aus der Mitte des Ministeriums wird der Gesetzentwurf nur durch den Ministerpräsidenten Tißa vertheidigt werden, während Pauler, der offenbare, und Trefort, der verkappte Antisemit, sich schwerlich darum Mühe geben werden. Deshalb ist auch der Regierungspartei die völlige Freiheit des Votums in dieser Abstimmung gewährt worden, so daß das Schicksal des Projektes vorauszusehen ist. So wenig man nun innerhalb der gläubigen Kreise des Judenthums die Mischehen mit günstigem Auge ansieht und ansehen muß, so ist doch an diesem Vorgang das Princip der Religionsfreiheit, über welches von ungarischen Abgeordneten schon so große Worte gemacht worden, stark betheiligt, und abermals zeigt sich, wie gründlich die Judenfeinde lügen, wenn sie von der Ausschließlichkeit der Juden sprechen, während anderthalb Jahrtausende diese von den Christen gegen die Juden verübt worden und sich die hochherzige magyarische Station noch heute nicht entschließen kann, diese Ausschließlichkeit gegen die Juden, soweit sie noch besteht, irgendwie zu beseitigen. Jedenfalls aber werden diese Verhandlungen wieder die. Vielen willkommene Gelegenheit bieten, auf die Juden wacker loszuschimpfen und dadurch die Propaganda des Antisemitismus, die ins Stocken gerathen ist, neu zu beleben. Fürwahr, wenn die Regierung nicht willens war, ihren Gesetzentwurf durchzusetzen, so hätte sie gerechter und weiser gehandelt, ihn nicht einzubringen. Auf diese Weise macht sie sich zum Mitschuldigen derer, die in den vielgespaltenen magyarischen Staat immer mehr Zündstoff hineinbringen. Wollten die Magyaren die von ihnen so oft auf den Schild erhobene „ungarische Staatsidee" wirklich zur Geltung und Herrschaft bringen, so mußten sie ruhiger, besonnener, versöhnlicher zu Werke gehen, um die ihnen affilirten Völker sich allmählich näher zu bringen. Auf dem im letzten Jahrzehend cingeschlagenen Wege säen sie nur Haß und werden deshalb Sturm ernten. Gerade die halbe Million Juden in Ungarn hatte sich dem Magyarenthum mit allen Kräften angeschloffen und würde so eine gewiß nicht zu unterschätzende Stütze desselben geworden sein. Aber wie mit Blindheit geschlagen, thun die Magyaren Alles, um alle Juden in ihren innersten Gefühlen aufs Tiefste zu verletzen und sie von sich abzustoßen. Ist es doch nicht bloß Feindschaft, die sie ihnen bezeugen, sondern auch Verachtung, während sie sich andrerseits stellen, als ob die Juden eine große Macht und einen bedeutenden Einfluß besäßen und deshalb bekämpft werden müßten. Ja. die Zerrüttung und innere Zerklüftung ist groß im Magyarenreiche, und Franz Deak würde ebenso entrüstet und erschreckt sein, wie es Kossuth ist, wenn er gewahren