Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-11-27 · Heft 48 (27.11.1883) · p. Seite 779

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 48 (27.11.1883)
Date
1883-11-27
Page
Seite 779 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227496--41295-3309760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

779_ sich denken, welches Aergerniß die orthodoxen Theologen! haben, aber es wird Jahrzehnte lang brauchen, bevor wir hieran nehmen. Man schreibt der „Voss. Ztg.":! wieder dastehen werden, wo wir vor einigen Jahren bereits „Biel schlimmer noch als der Heidelberger Ehrendirector ist die Erwählung eines Juden zum Rector der Kieler Universität. Einige Tage vor der Lutherfeier ist Professor Ladenburg, der als Chemiker sich einen hochgeachteten Namen erworben und dessen gesellschaftliche Position unbestritten, zum Rector erwählt worden. Da nun der Curator der Universität der Präsident des lutherischen Consistoriums vr. Mommsen ist, so nimmt man in orthodoxen Kreisen die Miene an, als gestanden sind. Specielles habe ich Ihnen von hier wenig zu berichten. Es stehen die Ergänzungswahlen für den Gemeindevorstand vor der Thüre, aber aller Wahrscheinlichkeit nach oder gewiß werden die zum Austritte bestimmten Mitglieder wieder gewählt werden. Bei Gelegenheit der jüngsten hohen Festtage mußten wie alljährlich Lokalitäten zu gottesdienstlichen Zwecken gewenn man glaube, daß die Kieler Universität Professor Ladenj miethet werden und da tauchte wieder die Frage wegen der bürg nur gewählt habe, um eine Demonstration gegen die Erbauung eines neuen Gotteshauses aus. Nun ist es gewiß, Orthodoxie zu machen. Darauf werden auch die Versuche daß während der hohen Festtage zwei oder auch drei neue begründet werden, das Rectorat Ladenburg zu Hintertreiben, j Gotteshäuser nothwendig wären, aber ebenso gewiß ist es. Seine Wahl aber hat nichts mit feindseligen Demonstrationen! daß sonst während des Jahres die bestehenden Gotteshäuser zu thun, sie beweist nur, daß die Kieler Hochschule das Princip j nicht nur ausreichen, sondern häufig klaffende Lücken ausdcr Gleichberechtigung, der Gerechtigkeit und Duldung anerweisen. So viel jedoch ist gewiß, daß über kurz oder lang kennt. Wer das Recht zum Profestor hat, hat es auch zum eine Reform des Gottesdienstes wird eingeführt werden Rector." — [ müjien, da der weitaus größte Theil der Besucher, zu schwei- Bekanntlich hatte noch das Gesetz vom 23. Juli 1847! gen von dem weiblichen Geschlechte, des Hebräischen nicht 2 die Juden ausdrücklich vom akademischen Senat, von kundig ist und daher theilnahmslos dem Gottesdienste beiden Aemtern des Rectors, Prorectors und Decans ausge-! wohnt und zumeist sich von demselben sernhält. geschlosten. Drei Jahrzehnte sind verflosien, und zweipreuß. Pest, 11. November. (Privatmitth.) Am 6. d. M. bellniversitäten haben Juden zu ihren Rectoren gewählt-! gann vor dem Gerichtshof zu Raab der Strafprozeß gegen trotz des Antisemitismus! j die Individuen, welche an den blutigen Judenkrawallen, — _ . .! deren Schauplatz Nyulas im October v. I. war, theilge- ^esterrelcy-ungarn.! nommen, beziehungsweise dieselben heraufbeschworen haben. Wien, 1ö. Nov. (Privatmitth.) Das Urtheil des aka-j Die Verhandlung nahm drei Tage in Anspruch. Das Beweisdemischen Senates der Prager Universität in Betreff der verfahren bezüglich des Raubes, der Erpressung und der Disciplinaruntersuchung gegen Professor Rohling ist den Lesern! Gewaltthätigkeit wurde vollkommen hergestellt; der Mord, bekannt und was mich betrifft will ich offen bekennen, daß welchen ein gewiffer I. Holzschuster an der Frau Steiner mir das Urtheil, die Schriften Rohling's seien verdammenswerth, vollkommen genügt. Ein Profestor, der ein derartiges Urtheil über sich provocirt, ist gerichtet, wenn ihn auch sonst beging, konnte nicht erwiesen werden, da Holzschuster behauptete, daß er total betrunken und seiner Sinne nicht mächtig gewesen sei, als er das Gewehr aus die Steiner ankeine Strafe trifft. Die giftstrotzenden Artikel, die derselbe . setzte. Der Staatsanwalt Hlavathy geißelte in anderthalbin einem hiesigen Journal veröffentlicht, haben diesem nicht! auf die Beine geholfen. Es geht also denn doch daraus hervor, daß das Publikum für dieses Genre nicht zu gewinnen ist. Ich täusche mich jedoch nicht darüber, daß der Antisemitismus große Verheerungen angerichtet und die Culturarbeit von Jahrzehnten vernichtet hat. Es hat wohl nie an Judenfeinden gefehlt, aber früher schämte man sich in Gegenwart gebildeter Leute sich als Judenfeind zu bekennen, denn man fürchtete ausgelacht zu werden. Heute ist diese Scham nicht vorhanden. Was aber die große Masse des Volkes betrifft, die nicht denkt, da bewährt sich aufs Neue das semxer aliquid haeret. Es ist mir um das Ende und den Ausgang nicht bange und zwar um so weniger, da an der Spitze der Antisemiten Personen einherschreiten, die mit dem Gesetze bereits in Conflict gerathen und dafür gebüßt stündiger Rede in scharfer Weise die Unthätigkeit der Gemeindevorsteher, welche allein es ermöglicht habe, daß die Gemeinde Nyulas durch nahezu zwei Monate der Schauplatz solch verabscheuungswürdiger Exzeffe sein konnte. Der Gerichtshof verurtheilte I. Holzschuster zu sechs Jahren Zuchthaus; die übrigen Angeklagten wegen Gewaltthätigkeit und Diebstahl zu Zuchthausbezw. Kerkerstrafe von 3V_,, 3 und 2 Jahren, 8, 6 und 2 Monaten. Fünf der Angeklagten wurden freigesprochen. Demnächst beginnen vor dem Kaposvarer Gerichtshöfe die Verhandlungen gegen die Theilnehmer an den im August d. I. im Semogyen-Komitatc stattgefundenen antisemitischen Unruhen. Wie verlautet, soll der Präsident des Gerichtshofes zu Nyiregyhaza, der aus der Tißa-Eßlarer Affaire bekannte Franz Kornis, pensionirt werden. 48

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.