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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-11-27 · Heft 48 (27.11.1883) · p. Seite 774

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 48 (27.11.1883)
Date
1883-11-27
Page
Seite 774 (sequence 4)
Language
German
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774 gelegt, die „Judenfrage" gar nicht berühren zu wollen. Aber Lordmayor Fowler erfuhr denn doch bei dieser Gelegenheit, wen er eigentlich vor sich habe, den Urheber der antisemitischen Bewegung in Deutschland, und aus diesem Grunde, wie er in seinem, in vor. Nr. mitgetheilten Schreiben erklärte , nahm er die Gestattung des Saales im Mansion House förmlich wieder zurück. Selbstverständlich verhinderte dies den Bortrag Stöckers nicht; man suchte nach einem anderen Saal und Stöcker wird sich wohl nunmehr seines Versprechens enthoben glauben, die Juden in seinen Reden in Ruhe zu lassen. Zur Erklärung dieses Vorgangs muß man sich erinnern, daß die Engländer, so lange sich der Antisemitismus in Deutschland auf Reden und Pamphlete beschränkte, keine Notiz von ihm nahmen; sobald aber seine Folgen sich in den Exceffen in Pommern und noch unseliger in Rußland kundgaben, erhoben sich die edelsten Männer aus allen Classen und Confessionen, die höchsten kirchlichen Würdenträger der anglikanischen und der katholischen Kirche, die angesehensten und einflußreichsten Lords, Staatsmänner und Industrielle, Orthodoxe und Freidenker, um gemeinsam den Antisemitismus zu verurtheilen und zu brandmarken, und dieselben Männer, den Lordmayor an der Spitze, traten im Mansion House zu einem Comite zusammen, den Verfolgten und Flüchtlingen Hülfe zu schaffen. Was sich hier so im Großen manifestirte, das halte seine Consequenz und fand seinen Ausdruck, da Stöcker persönlich in London erscheint. Er hat sich gewiß verwundert, daß der Lordmayor ihn nicht einmal dem Namen nach kannte und sich, als dieser erfuhr, wer Stöcker sei, voll Entrüstung von ihm abwandte. Das ist eben England, wie wir es oben aus der Geschichte charakterisirt haben. Mag nun eine Anzahl Deutscher auch in London sich um ihn schaaren und er ihnen seine Reden zum Besten geben: auf einen weiteren Erfolg hat er nicht zu rechnen. Ob aber sein Auftreten in London den Deutschen zu Ehre und Bortheil gereicht, ist eine andere Frage. Wenigstens schreibt selbst die „Köln. Z." aus London vom 13. November: „Der Hofprediger Stöcker hätte seinem Ruf (y!) mehr genutzt, wenn er zu Hause geblieben wäre, denn in England ist es mit ihm nach dem Briefe des Lordmayors vorbei." Die „Times" geht noch weiter und verwarnt die Deutschen in London, es sich nicht einfallen zu lassen, ein bischen „Judenhetze" versuchen zu wollen. Sie sagt: „Wenn die Engländer keine Abneigung gegen das Boycotten (Berruferklären) von Individuen, Männern und Glaubensbekenntnissen hätten, so könnte es einigen unter uns einfallen, daß die Predigt eines antisemitischen Kreuzzuges in London durch einen Deutschen eine sehr gefährliche Anwendung in London finden dürfte, wo cs eine Bevölkerung von 80,(j0ü Deutschen giebt, die alle mit uns um das tägliche Brod streiten. Tritt der Fall ein, so werden wir unzweifelhaft den Gesetzen des Freihandels getreu bleiben, aber nichtsdestoweniger drückt der Schuh zu viele wunde Füße." Daran schließt sich weiter folgendes Schreiben von Karl Blind an den Redacteur der „Times": „Mein Herr. Erst heute hatte ich Gelegenheit, eine Mittheilung über die bevorstehenden Borträge des Berliner Hofpredigers Herrn Stöcker einzusehen. Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß, soweit meine Erfahrung geht, das Interesse, welches man angeblich an ihm nimmt, unter Männern der deutschen Gemeinschaft, die auf Bildung irgend welchen Anspruch haben, sich auf ein Gefühl der tiefsten Indignation beschränkt gegen diesen Priester des Haffes und der Unbarmherzigkeit gegen unsere Mitbürger des jüdischen Glaubens. Dies ist ganz gewiß mein eigenes Gefühl. Es ist, wie ich zuversichtlich glaube, auch das der großen Majorität der arbeitenden, mittleren und gelehrten Klassen, die ohne Unterschied des Glaubens oder der Parteipolitik eine Lehre verabscheuen müssen, welche die nur zu wohlbekannten Früchte schamloser und selbst blutiger Verfolgung gezeitigt hat. Solche Früchte sehen wir wieder in einem Telegramm von heute, das .Einzelnheiten eines schrecklichen Vorgangs in Ungarn giebt. Sicherlich wird Herr Stöcker sowohl im Auslande wie hier voll und ganz „verstanden", und Jedermann mit einem Funken von Menschlichkeit (humanity) in sich sollte gegen seinen verabscheuungswerthen Kreuzzug protestiren. Ihr rc. 10. November. Karl Blind.') (S. Weiteres Zeitungsnachrichten aus London.) Zu dem Aeukettiner Syuagogeubrand-Proceß. Man wird es uns nicht verdenken, daß wir auf diesen unseligen Proceß, welcher in seinem Ausgang noch mehr dunkle Partien bietet als in seinem Verlaufe, noch öfter zurückkehren und den Charakter desselben festzustellen suchen. Wir geben deshalb heute folgende Correspondenz der „Weser- Zeitung" aus Cöslin: „Etwa acht Tage nach der Berurtheilung Lesheim's hatte ich amtlich im hiesigen Centralgefängniß zu thun und war genöthigt, auch deffen Zelle zu betreten. Auf der gewöhnlichen Lagerstätte sah ich eine bleiche, abgezehrte Gestalt, welche ich kaum als die normale und kräftige wieder erkannte, die mir während der Verhandlung im Schwurgerichtsfaal begegnet war. Der Gefängnißwärter theilte mir mit,! daß Lesheim außer etwas trockenem Brod und Wasser jede Nahrung verweigere. Auf meine Frage, weshalb er nichts 1) Ein Telegramm vom 14. November besagt: „In Exeter Hall fand gestern Abend eine Lutherfeier statt, welche durch ein geistliches , Cvncert, ausgeführt von Chören deutscher Kirchen und Schulen Lon i dons, eingelötet wurde. Herr Stöcker hielt zwei Ansprachen, welche! sich auf den Einfluß und das Wirken Luther's beschränkten.

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