Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1883)
- Date
- 1883-11-27
- Page
- Seite 773 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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773 fragte dieselben niemals nach den politischen, religiösen oder' des Weltverkehrs zu erhalten. Und sollten unter diesen eine socialen Motiven ihrer Flucht. Die französischen Emigranten große Zahl verkommener oder verkommender Subjecte sein, fanden hier eine Freistätte und neben ihnen die Flüchtlinge so läßt er sie ruhig ihrem Untergänge anhcimsallen, so weit des Convents; Carl X., Ludwig Philipp und Napoleon III. Hülfe für sie unmöglich ist, ohne zu fürchten, daß dadurch eilten nach einander nach Britannien und waren glücklich, die Versumpfung der unteren Gesellschaftsschichten bedenklich die Küsten desselben zu erreichen; die der Inquisition entvermehrt werde. In allen diesen, gewiß nicht übertriebenen ronnenen Juden aus Spanien und Portugal kamen üierher Zügen steht Großbritannien den festländischen Staaten und und nahmen ihre väterliche Religion wieder an; die deut- Völkern vielfach gegenüber und könnte diesen zum Vorbildc schen, italienischen und russischen Flüchtlinge fanden hier ein dienen, wenn eben aus ihnen der kleinliche und beschränkte neues Heim. Man frägt nicht in England: Woher kommst Geist, der nach dieser Richtung hin in ihnen noch immer du? und weshalb kommst du? Man kennt dort keinen offen oder verdeckt obherrscht, gebannt werden könnte. Fremdenhaß, keinen Nationalhaß, keinen Confessionshaß. Und Dies hat denn auch Stöcker soeben in England erfahren, dies Alles, während der Engländer in seinem nationalen In London wurde unter Vorsitz des Lord Shaftesbury eine Selbstbewußtsein sich hoch achtet und weil er sich in dem- Gedächtnißfeicr am Geburtstage Luther's abgehalten und selben sicher und unangreifbar fühlt. Ihm erschiene einej diesem Beispiele folgte man in vielen Provinzialstädten. Furcht, von einem fremden Bolkselemente sich in seiner Naj Einige Deutsche in London glaubten aber auch bei dieser tionalität, in der Selbständigkeit und Unabhängigkeit der- Gelegenheit etwas Absonderliches für sich thun zu müssen selben gefährdet zu sehen, völlig unbegreiflich. Dabei ist im und luden zu diesem Zwecke den Hofprediger Stöcker zu Ganzen der Engländer in seinem Hause für Fremde schwer seinem Vortrage ein. Sie erbaten sich hierzu den sogenannten zugänglich und giebt seiner natürlichen Gastfreundschaft erst! Aegyptischen Saal im Mansion House und da dieser respecnach genauer Prüfung und nach der dringlichsten Empfehlung! tablen Gesellschaften, sobald der Gegenstand ein allgemeines nach. Daß auf solchem Boden der Gedanke, Menschen aus-! Interesse beanspruchen kann, nicht verweigert wird, so erzuschließen, weil sie einem gewisien religiösen Bekenntniß, einer bestimmten Abstammung oder irgend einem besonderen Stande angehören, nicht allein nicht erwachsen kann, sondern auch die entschiedenste Zurückweisung findet, ist ersichtlich. Dies hat denn auch der Antisemitismus erfahren. Auch in England giebt es Leute, welche dem Judenthum abhold, den Juden antipathisch gesinnt sind. Davon hat sich selbst der Führer der Liberalen, der Premier Mr. Gladstone, nicht frei gehalten, namentlich seitdem ihm die liberalen Juden in hielten sie vom Lordmayor die erforderliche Zusage. Daß diese Deutschen gerade Stöcker einluden, bezeichnet ihre Tendenz. Stöcker hat sein Glück in Deutschland seinem Eifer im Antisemitismus, in der protestantischen Orthodoxie und in einem nebelhaften, nur durch einige Schlagwörter bezeichneten Socialismus zu verdanken. Er hat sich hierdurch und durch seine Unermüdlichkeit, in allerhand Versammlungen seine Reden loszulassen, bei seinen Gesinnungsgenossen einen Ruf erworben, dem er auch seine Wahl in den Reichstag seiner Feindschaft gegen die Türkei und in seiner Freundschaft! zu verdanken hat. Allerdings in Berlin selbst, dem eigentfür Rußland nicht folgen wollten, und ein gewisser Smith! lichen Schauplatz seiner Thätizkeit, hat er dieses Ziel nicht hat es an Artikeln gegen die Juden nicht fehlen lassen. Aber dies ist eben nur ein geistiger Kampf und begnügt sich mit dem Ergufie aus dem Tintenfaß. Den Juden ihre wohlerworbene Gleichberechtigung beschränken oder gar eine Verfolgung insceniren zu wollen, ein solcher Gedanke kann einem Engländer, so lange er seine Sinne zusammen hat. erreicht, sondern er mußte seine Zuflucht zu einem Provinzialkreise nehmen. Daß diesem Glücke auch eine Schranke gezogen ist, erfährt er jetzt, da ihm die Pforten des evangelischen Oberkircheuraths, in welchem sein Vorgänger im Hofpredigeramte gesefien, verschlossen bleiben. Dem Rufe nach London folgte er natürlich gern. Außerhalb der Deutschen nicht einkommen, und würde es ein derartiges Individuum j mtfc der Juden kennt man ihn in England nicht, da er ja geben, so fände dieses nicht allein keinen Anhang, sondern! außer seiner antisemitischen Agentur noch nichts geleistet hat. würde sofort von dem allgemeinen Unwillen erdrückt werden. j Den dortigen Juden konnte es nicht gleichgültig sein, den Was kümmert es den Briten, wenn sich unter den vier Milj antisemitischen Helden durch den Eintritt in das officielle lionen Bewohnern seiner Hauptstadt über 100,000 Deutsche j Rathhaus der City eine gewisse Sanction einheimsen zu ansammeln! Er weiß, daß diese sich eher, wenigstens in den sehen; denn für eine solche hätten er und seine Freunde das folgenden Generationen dem britischen Nationalwesen amalj Zugeständniß des Aegyptischen Saales im Mansion House gamiren, als dieses irgendwie modificiren werden. Er weiß, ausgegeben. Ein Alderman machte daher den Lordmayor daß so viele emsige Hände und gescheidte Köpfe dem Welt-! auf den antisemitischen Charakter der Versammlung und des Handel und der Weltindustrie Englands nur nützlich sein zu erwartenden Vortrags aufmerksam; hiergegen wurde von können und dazu beitragen werden, London als Metropole! Stöcker und denen, die ihn beriefen, das Versprechen ab- 48*