Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-11-27 · Heft 48 (27.11.1883) · p. Seite 772

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 48 (27.11.1883)
Date
1883-11-27
Page
Seite 772 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227496--41288-3309753
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

772 farfte, die Zersetzung, die ihr bereits gedroht hatte, über-^ Ringen, in das allgemeine Kulturleben einzutreten und sich wand, den Einfluß des Humanismus beseitigte und einen j zu versenken, hinzu. Da waren es schon die inneren Kämpfe großen Theil Oesterreichs und Deutschlands zurückeroberte.! zwischen der Reform und der Orthodoxie, welche das Juden- Auch die griechische Kirche, die sich in Byzanz durch ihren blu-! thum belebten, indem es den Trieb nach Umgestaltung der tigen Sektcnstreit erhalten hatte, durch das Schwert der Türken > alten Institutionen und nach Erneuerung des geistigen Jnaber iu Dienstbarkeit versank, erwarb sich durch die Kämpfe! Halts weckten und aller Orten Thätigkeit und Opfer forderten. mit den Mongolen und Tartaren die unbestrittene Herrschaft über das sich immerfort erweiternde Czarenreicki. Aber auch vor unseren Augen entfalteten sich ähnliche Erscheinungen. Wenn in Frankreich und Belgien die antikirchliche Partei gegenwärtig die Herrschaft in Händen hat, so haben sich die kirchlichen Anhänger um so energischer um die kirchliche Standarte geschaart und nähren einen so glühenden Eifer in sich, daß sie für die Zukunft noch immer von großer Bedeutung erscheinen. Auch mit den Maigesetzen ging im katholischen Deutschland eine starke Bewegung vor sich. Männer, die längst dem kirchlichen Wesen fremd geworden, schlossen sich ihm auf's Engste an, da sie die Kirche und ihre Institutionen bedroht sahen, und unter den obwaltenden politischen Constellationen brachte es die katholische Partei Nun kamen in den letzten Jahren die Hetzen und Verfolgungen, der selbst vor Verbrechen nicht zurückscheuende Antisemitismus hinzu und trafen die Juden nicht blos in ihrer religiösen Ueberzeugung, sondern in ihren tiefsten und berechtigtsten Empfindungen. Sie weckten die Gefühle der Zusammengehörigkeit von Neuem und riefen die Anhänglichkeit für die ererbte Religion aus ihrem Schlummer. Ja, in der Tiefe des menschlichen Gemüthes, in Zeiten, wie wir sie erlebt, schlummern die Keime der religiösen Erkenntniß, der religiösen Anschauung, der religiösen Empsindungswelt, schlummern in den Tiefen der Seele, während auf der Oberfläche dieser kaum noch ein Merkzeichen von dem vorhanden, was tief unten in ihr verborgen ist. Die Sonne, welche sonst die in der Erde schlummernden Keime durch ihre dahin, daß der Staat von Etappe zu Etappe zurückzuweichen Strahlen weckt und heraufzieht, die Sonne des Friedens sich bewogen fühlte. An Mittelparteien ist in allen diesen läßt diese religiösen Keime unberührt, daß ihr Dasein nicht Ländern nicht zu denken; sie treten entweder gar nicht hervor zum Bewußtsein dringt. Aber Sturm und Unwetter durch- oder bleiben in einer unbeachteten Minderheit. wühlen den Boden, reißen die Schale von den verborgenen Und nun erst das Judenthum! Lange Zeiten hindurch Keimen ab, zwingen sie zum Widerstande, und so hebt sich ging seine Existenz nur durch eine fortlaufende Kette von! in jenen das Leben wieder empor und sie werden befruchtet, Kämpfen, und stets gestärkt daraus hervor. Niemals rief i daß sie schießen und sprießen und zu neuem Blühen und das Volk sein: „Der Ewige ist Gott!" feuriger gen Himmel Früchtetragen sich vorbereiten. als nach dem schweren Kampfe, den Elijahu gegen die Baals-! _ Priester, gegen die Fürsten und Großen des eigenen Landes! durchgekämpft hatte. Wie schwer die Kämpfe waren, welche! £0tbBHM|0t tJOtl £on)ott. das Judenthum in dem babylonischen Exil zu bestehen hatte, j Es ist eine schöne Aufgabe für die Geschichte, zu zeigen ist uns in den Erzählungen von den Männern im feurigen wie es gekommen, daß der so leicht zu überschreitende Kanal Ofen, von Daniel in der Löwengrube u. s. w. angedeutet, zwischen Großbritannien und dem Festlande doch Länder Aus den syrischen Kriegen, ja aus dem Falle Jerusalems,! von einander trennt, die so große Verschiedenheiten bieten. Tiberias' und Sapphoris' ging die Entwickelung und unbe-! Wir wollen heute nur hervorheben, wie England, und zwar dingte Herrschaft des traditionellen Gesetzes hervor und die! schon seit Cromwell's Zeiten, die Freistätte für alle Ver- Hadrianische Verfolgung erzielte nur die um so festere Anbannten und Verfolgten aus dem Festlande gewesen und hänzlichkeit der Juden an ihrem Gesetze. Das Mittelalternoch heute ist, ohne Berücksichtigung der Motive, welche die liche Martyrium konnte die Juden nicht bezwingen, sondern; Flüchtlinge dahin getrieben, während in den festländischen erhielt in ihnen nur die Flamme der Begeisterung und Hinj Staaten die äußerste Aengstlichkeit und Beschränktheit gegen gebung um so lebhafter. — Auch hier betreten wir das Gei alle von außen kommenden Elemente obwaltete und selbst die biet der Neuzeit. Unverkennbar wirken die zersetzende Wissen-! Freizügigkeit der eigenen Staatsangehörigen in vielen derschast, das, wir scheuen uns nicht es zu sagen, bis zur Sitten-! selben erst jüngst Raum gewann und von den reaktionären losigkeit getriebene Raffinement der Künste, der Poesie, des Luxus, die Anstrengungen, welche das zu großen Bedürfnissen gesteigerte Leben kostet, das Getriebe der Industrie, des Handels, der Finanzen, der Kämpf der politischen und socialen Interessen nicht vortheilhaft für die positiven Religionen; für die Juden kam das alle Kräfte in Anspruch nehmende Parteien noch heute bestritten wird. Höchstens macht hiervon die Schweiz eine Ausnahme, die sich jedoch nicht selten gezwungen sah, das Asylrecht ftemder Flüchtlinge einzuschränken, und die Freizügigkeit zwischen den Cantonen auch erst seit 1648 zum Grundgesetz erhoben hat. England war dagegen seit Jahrhunderten die Zufluchtsstätte aller Verfolgten und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.