Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- Seite 768 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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768 Landgendarm auf den Kopf. Letzterer wollte seine Theilnahme an der Exekution anfangs allerdings versagen, aber der Richter schrie ihm zu: „Ich als Richter übernehme die Verantwortung!" zugleich ergriff er die Flinte, richtete den Lauf auf die Brust des Landgendarmen und fügte hinzu: „Und wenn Ihr nicht gehorcht, erschieße ich Euch!" Die« Exekution dauerte über zwei Stunden. Halbtodt wurde der Jude dann wieder in die Polizei gebracht; er kann nicht sprechen und ist außer Stande, Nahrung zu sich zu nehmen. Der Ortsarzt hat starke Verletzungen constatirt. Die Frau des Mißhandelten hat an den Prokurator und an den Gouverneur Klagen gerichtet und um Einleitung einer Untersuchung gebeten." Diese scheußliche Geschichte macht jetzt die Runde durch alle Blätter, aber einer Widerlegung oder Berichtigung sind wir noch nirgends begegnet. Turek, 2. Nov. (Privatmitth.) Sind die politischen Berhältniffe unserer Glaubensgenossen in Stillstand gerathen und wollen aus der traurigen Lage, in der wir uns besinden, nicht heraus, so ist es doch ein gutes Zeichen, daß in unseren, namentlich den kleineren Gemeinden, der Geist der Selbsthilfe erwacht ist, und wenn er weiterhin gepflegt wird, gewiß gute Früchte Hervorbringen wird. Gestatten Sie mir ein kleines Beispiel von hier mitzutheilen; vielleicht dient es anderen Orten zum Vorbild. Es hat sich hier ein Credit - verein für die ärmere Klaffe gebildet; derselbe zählt gegenwärtig 60 Mitglieder und besitzt von 500 Rubeln. Jeder kann von demselben gegen ein gleichwerthiges Pfand bis zu 2h Rubel zinslos geliehen erhalten, gegen die Verpflichtung, wöchentlich 30—50 Kopeken zurückzuzahlen. Werden diese nicht gezahlt, so wird das Pfand nach Verlauf eines Jahres verkauft. Der Verein, unter der Leitung des Vorstehers Israel Plotka, hat in der ärmeren Klaffe unsrer Gemeinde großen Anklang gefunden und wird hoffentlich recht segensreich wirken. Bonn, 11. November. (Notizen). Man schreibt aus Speier vom 6. Nov.: Heute feiert der israelitische Lehrer L. Schloß seinen 70jährigen Geburtstag in Verbindung mit dem 50jährigen Amtsjubiläum. Das gesammte Lehrerpersonal brachte dem greisen College» gestern Abend ein Ständchen, wobei zwei Chöre vorgetragen wurden. — Herr E. Cohen ist zum Justizminister in Neu-Süd^Wales ernannt worden. — Herr Lazar Poliakoff, der zum türkischen General-Consul in Moskau ernannt worden, hat vom russischen Kaiser das Exequatur erhalten. — Aus Italien berichtet man über folgenden traurigen Vorfall: Morse Latti-s, in Venedig als Sohn eines bedeutenden Rabbiners geboren, hatte in allen Zweigen der menschlichen Wissenschaft die ausgedehntesten Kenntnisse; Besitzer eines großen Ver» i mögens hatte er die jüdische Theologie studirt, aber ohne ein | Amt zu bekleiden; als Ehrenrabbiner versprach er eine Zierde i unserer Religion zu werden, da er nur für das Studium! und die Wissenschaft lebte; gegen Ende des Monats Juli! hielt er sich in einer der malerischsten Gegenden der Lombardei auf und verunglückte auf einem Ausfluge in das feli sige Gebirge. Man fand seinen Leichnam im Gesträuche,! sicher als Opfer eines Falles den Abgrund hinab; seine j Mutter und sein Bruder erwarteten ihn zum Frühstück . . . und erst nach drei Tagen des Suchens fand man seinen j Leichnam. Begünstigt von den Gaben der Intelligenz wie! des Vermögens starb Morse Lottes im Alter von 37 Jahren. Ieuillelon. Vermischtes. Eine jüdische und eine aristokratische Familie in Ungarn. Auch der jüdische Publizist ist nicht berufen, lediglich die duftenden Blüthen und die süßen Früchte zu sammeln, welche der Baum seiner Zeit hervorbringt. Er muß auch die krankhaften Auswüchse einer, bei einem großen Theile der Juden über Nacht herein gebrochenen Cultur ins Auge soffen, um vor ihnen zu warnen und gegen sie zu protestiren, wenn man sie als wirkliche Erzeugnisse des Judenthums ansehen wollte. Gemeine Leidenschaften, niedrige Meinungen und Eigenschaften zeigen sich hüben und drüben und wo sie von beiden Seiten Zusammentreffen, giebt es ein häßliches Produkt. Hierzu ist die Schoßberger-Batthyanyi-Tragödie, die in diesen Tagen so großes Aufsehen gemacht, zu rechnen. Das Nähere hierüber ist Folgendes: Abgesehen von dem blutigen Ausgange fesselt der Name des einen Betheiligten, der sein ungentlemanmäßiges Verhalten mit seinem Leben hat bezahlen müssen, so wie der ganze romantische Hergang Jntereffe erregt und die Affaire ein getreues Spiegelbild moderner, wohl nicht blos ungarischer Sitten- und Ehezustände bildet. Graf Stephan Batthyanyi, den die Kugel des israelitischen Advokaten vr. Rosenfeld in den Staub gestreckt, ist der Sohn des Grafen Sigmund, der ein Vetter des unter Haynau justificirten Grafen Ludwig ist. Der Vater ist der Typus eines verkommenen ungarischen Magnaten: sein Gut ist exequirt; er selber als Berwaltungsrath einer ungarischen Biehversicherungs-Gesellschaft mit Noth und Mühe auf der Bank der Angeklagten der Verurtheilung entgangen. Der Sohn mußte sich daher, trotz seiner neunzackigen Krone, bequemen, rn der Provinz den unpopulären und schlecht bezahlten Posten eines Steuer-Executors zu bekleiden. Hier