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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-11-20 · Heft 47 (20.11.1883) · p. Seite 767

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 47 (20.11.1883)
Date
1883-11-20
Page
Seite 767 (sequence 13)
Language
German
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767 London, 12. November. Der ««gekündigte Vortrag Dir. Stöcker's im Mansionhouse findet nicht statt. Bereits vor einigen Tagen schrieb, wie gemeldet, Alderman Jsaacs an den Lordmayor und machte ihn auf die hervorragende Rolle aufmerksam, welche der Herr Hofprediger in der judenfeindlichen Bewegung spiele; er bezeichnete es als eine Schändung des Mansionhouses, einem solchen Manne zu gestatten, im Stadthause zu sprechen und bat, die ertheilte Bewilligung zurückzunehmen. Der Lvrdmayor lehnte es damals ab, dieser Borstellung Gehör zu geben und motivirte dies damit, daß es sich nur um eine Lutherfeier handle und daß er die feste Zusage erhalten, daß die Judenfrage ganz unerwähnt bleiben solle. Gestern erhielt aber der an der Spitze des zur Veranstaltung der Stöcker'schen Vorträge errichteten deutschen Ausschusses stehende Herr C. H. Feldmann das nachfolgende Schreiben des Lordmayors, in welchem die früher ertheilte Bewilligung zurückgezogen wird. Dasselbe lautet: „Mansionhouse, 10. November. Sehr geehrter Herr! Als ich die Erlaubniß zur Abhaltung des Meetings im Mansionhouse ertheilte. stand ich unter dem Eindrücke, daß dasselbe einfach in Verbindung mit der Luther- Erinnerungsfeier und unter dem Protectorate jenes Comitäs stände, welchem Lord Shaftesbury präsidirt. Ich finde jedoch, daß der Hauptredner ein Herr Stöcker sein soll, welcher das Haupt der antisemitischen Partei in Berlin ist und den die Juden als Denjenigen betrachten, der in Deutschland das Uebelwollen gegen sie erregt hat. Unter diesen Umständen muß ich bitten, das Meeting anderwärts abzuhalten, da Herr Stöcker eine Person ist, die kein Lordmayor im Mansionhouse gern sprechen hört. Die jüdische Gemeinde ist eine der größten in der City und zählt viele unserer hochverehrtesten Mitbürger zu ihren Mitgliedern. Ich brauche kaum den ehrwürdigen Philanthropen zu erwähnen, dem in diesem Augenblicke das ganze Gemeinwesen — Juden und Christen — ihre Verehrung bekunden. Ein Lordmayor darf die Gefühle solcher Männer nicht dadurch verletzen, daß er eine Persönlichkeit in den Vordergrund treten läßt, welche zu Feindseligkeiten gegen sie ausreizte; da ich in der City und; im Parlamente die Verfolgungen, welche die Juden zu erdulden haben, entschieden verdammt habe, so bin ich nicht der Mann dazu, solches zu gestatten." Rußland. Berlin, 6. November. Die „Köln. Ztg." läßt sich von hier aus schreiben: „Der Eifer, mit dem gleichzeitig in Paris und in Petersburg dem Gerüchte einer beabsichtigten russischen Anleihe widersprochen wird, kann die Thatsache nicht verwischen, daß die Russen äußerst geldbedürftig sind und, wenn auch mit gebotener Vorsicht, schon an verschiedene Thüren geklopft haben, um Geld zu bekommen. Aber Niemand war für sie zu Hause, weder in London, noch in Paris, noch in Berlin, und dies wird wohl auch so lange dauern, bis auf irgend eine Weise das gute Berhältniß zwischen Rußland und der mächtigen Banquiergruppe wiederhergestellt ist, die in früheren Zeiten die neuen russischen Anleihen aus den europäischen Geldmärkten einzuführen pflegte, seit den Judenverfolgungen in Rußland aber den russischen Finanzen gegenüber eine feindliche Haltung angenommen hat." Petersburg, 7. November. Der „Köln. Ztg." schreibt man: In Kriwoi Rog, im Gebiete von Jekaterinoslaw, haben am 28. Oktober ernstere Judenverfolgungen stattgefunden, über welche der Berichterstatter der Siowremennija Jswestija noch unter Eindruck der Ereignisse folgendes meldet: Betrunkene Eisenbahnarbeiter begannen Abends einen jüdischen Laden im Bazar zu zertrümmern. Die Polizei erwies sich als ohnmächtig, der herbeieilende Pristaw (Polizeioberst) Deboy wurde durch einen Beilhieb niedergestreckt, der Land- ■ gendarmenälteste war gänzlich betrunken; bald betheiligten sich auch Bauern an den Ruhestörungen, denen das Publikum theilnahmslos zusah. Der Schnapsladen eines gewissen Karotschomsky wurde zerstört, ferner wurden sieben jüdische Kaufläden und eine jüdische Schänke heimgesucht; auch die Christen wurden nicht verschont; das Haus des französischen Unterthanen Ingenieurs Achetop wurde gestürmt, der russische Priester Rybaltschenko auf offener Straße zu Boden geschlagen. Endlich konnte die Ruhe einigermaßen durch Einschreiten von Einwohnern und italienischen Eisenbahnarbeitern hergestellt werden. Verhaftungen wurden vorgenommen; die Verhafteten sollen sich geäußert haben, daß sie ebenso straflos ausgehen würden, wie die Ruhestörer von Jekaterinoslaw." — Bedarf man nun noch einer weiteren Erklärung? Koretz (Volhynien), im Oktober. Bon hier wird der „Sarja" folgende schreckliche Gewaltthat gemeldet: „Bor ungefähr sechs Wochen fuhr der Orts-Friedensrichter P. an dem Mehlwagen des Juden Wolf Charbosch vorüber und schlug dem Juden mit der Peitsche ins Gesicht, ohne daß dieser zu solcher Beleidigung den geringsten Anlaß gegeben hatte. Der resolute Mehlfuhrmann zahlte in derselben Münze heim. Anfangs bildete dieser Vorfall das Stadt- , gespräch und dann vergaß man ihn. Für den armen Juden kam aber noch der Tag der Vergeltung — und zwar zu den jüdischen Feiertagen. Der Friedensrichter ließ den Juden durch den Landgendarm zu sich bringen, wo ihm Folgendes . widerfuhr: Der Richter legte die Amtskette an und erklärte,; daß er für die ihm persönlich widerfahrene Beleidigung den! Wolf Charbosch zur Prügelstrafe verurtheile. Dem Juden wurde der Mund verbunden, desgleichen band man ihm die i Hände mit Stricken und warf ihn zu Boden. Der Kutscher , des Richters setzte sich dem Juden auf die Beine und der

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