Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- Seite 764 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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764 kommen nicht gewähren, kann ausgenommen und für einen Erwerbszweig des praktischen Lebens ausgebildet werden. Es ist dies das „Mädchenheim". Die Zahl der jungen Mädchen, welche aus den eigenen Mitteln des Stifters bis jetzt darin ausgenommen werden können, beträgt 20. Dieser Tage hat der Stifter einen weiteren Beweis seines warmen Herzens für das von ihm gestiftete Asyl dadurch bewiesen, daß er am Sonnabend gerichtlich das Stiftungshaus des „Mädchenheims" (Hallesche Straße 11) der Stadt Berlin für ewige Zeilen als Eigenthum überwiesen hat. An der Spitze des Curatoriums der Stiftung steht der jedesmalige Bürgermeister von Berlin. Bereits fanden bis jetzt 45 junge Mädchen in dem Asyl ein Unterkommen und es verdient dasselbe, da es erst als ein Grundstock für seine fernere Entwickelung zu betrachten ist, der wärmsten Theilnahme aller Menschenfreunde für weitere Zuwendungen dringend ans Herz gelegt zu werden." — Daß sich in die jüngsten Wahlen der Stadtverordneten und in die bevorstehenden Stichwahlen das gesammte vorhandene Berliner antisemitische Element hineingemischt, erkennt man besonders daraus, daß gerade in den beiden Wahlbezirken, 'in welchen Ludwig Löwe und Dr. Straßmann canditirten, bie heftigste Agitation und der erbittertste Wahlkampf stattfanden. Bekanntlich ist Löwe dennoch mit einer ziemlichen Majorität aus der Wahlurne hervorgegangen, Straßmann hingegen muß sich einer Stichwahl unterziehen. Obschon er in zwei anderen Wahlbezirken gewählt' ist, erklärte er in einer am 5. Nov. abgehaltenen Wählerversammlung, daß er, im Falle er aus der am 13. d. M. stattfindenden Stichwahl siegreich hervorgehen würde, die beiden anderen Wahlen ablehnen und in diesem 27. Communalwahlbezirke, in welchem er wohnt, die Wahl annehmen werde und zwar aus dem Grunde, weil hier, wie im ganzen Osten Berlins, das antisemitische Element am meisten verbreitet sei. Berlin, 6. November. In der von uns bereits in vor. Nr. besprochenen Angelegenheit schreibt die „Köln. Z.": „Der Cultusminister v. Goßler soll es mit gewisien Conservativen vollends dadurch verdorben haben, daß er in die durch Braun's Abgang erledigte Stelle im Oberkirchenroth nicht den Hofprediger Stöcker befürwortete. Wer so redet, hört die Glocken läuten, aber weiß nicht, wo sie hängen. Daß Stöcker keine geeignete Persönlichkeit für unsere höchste kirchliche Behörde ist, wurde schon bei einem früheren Falle entschieden und zwar nicht durch Herrn v. Goßler allein, sondern durch den Oberkirchenrath selbst. Das agitatorische Thun und Treiben des Hofpredigers ist keineswegs nach dem Sinne seiner meisten Amtsgenosien. Er selbst ist freilich von der Verdienstlichkeit seines Wirkens als Bolksredner mehr als je durchdrungen. Er erklärte noch soeben, er sei stolz darauf, der Führer der antisemitischen Bewegung zu sein. Wenn der Apostel sagt: „Das Heil kommt von den Juden!" so ist Stöcker umgekehrt der Meinung, daß das Unheil von den Juden komme." Man sieht hieraus, daß Herr Stöcker doch an der Grenze angelangt ist, über welche hinaus er wohl nicht gelangen wird. Berlin, 7. November. Die „Köln. Z." schreibt von hier: „Die antisemitischen Auswüchse der konservativen Presse, namentlich der „Reichsbote", bemüht sich auszustreuen, daß die „Alliance Israelite“ zu dem fortschrittlichen Diätenfond die Summe von 250,000 Francs hergegeben habe. Wir können verbürgt diese Angabe als eine tendenziöse Erfindung bezeichnen. Die „Alliance“ hat durchweg die ihr zur Verfügung stehenden Mittel ausschließlich zu Unterstützungshäusern rc. verwandt." — Was hier als „Unterstützungshäuser" bezeichnet ist, soll wohl „Unterrichts- und Schulhäuser" heißen. Es ist eines der antisemitischen Manöver, die „Alliance israelite universelle“ überall in politische Händel hineinzuschieben und ihr die abenteuerlichsten Geldmittel zuzuschreiben. Es wäre wirklich an der Zeit, diesen nicht wirkungslosen Lügen officielle Dementis entgegenzustellen, wozu sich aber bis jetzt trotz Aufforderung der Ausschuß des Centralcomites zu Paris noch nicht hat entschließen können. — Man wird sich erinnern, daß, als im Sommer der Dr. Stephan zu Puttlitz sich durch Erschießen den Tod gab und man dies einem amerikanischen Duell zuschrieb, die conservativ-antisemitische Presse einen „jüdischen Affesior" als Urheber dieses Duells vorschob und die Details des vorangegangenen Streites zu erzählen wußte. An mißliebigen Folgerungen ließ sie es natürlich nicht fehlen. Jetzt hat sich herausgestellt, daß der „jüdische Asiesior" nichts als eine Erfindung war, daß vielmehr der Selbstmord des jungen hoffnungsvollen Mannes in einem Familiendrama seine Ursache hatte. — Der Abgeordnete Dr. Lasker, welcher seit Monaten zu seiner Erholung in Nordamerika reist, hat sich vor Kurzem nach Galveston begeben, um längere Zeit bei seinem dortwohnenden Bruder zu verweilen. In San Francisco hatte man ihm 20,000 Dollars für 6 Vorträge geboten; er aber wies dieses Anerbieten ab. Bei dem würdigen staatsmännischen und selbstlosen Charakter dieses Mannes kann dies kaum verwundern. Wo jedoch bleiben die Verleumdungen der Antisemiten?! — Die „Voss. Z." schreibt: „Wir werden ersucht, die Thatsache zur öffentlichen Kenntniß zu bringen, daß der Holzhändler W. Heinrich gegen seinen Willen von der deutschen Bürgerpartei als Candidat für die Stadtverordneten- Versammlung aufgestellt sei. Wenn auch conservativ, so sei Herr W. Heinrich doch nichts weniger als Antisemit, wie sich daraus ergebe, daß er in seinem Hause einen jüdischen Buchhalter und eine jüdische Dienstmagd habe." — Ein anderes, noch charakteristischeres Schreiben enthält dasselbe Blatt: „Herr Barella leugnet in seinem an Sie gerichteten Schreiben