Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- Seite 761 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227495--41276-3309740- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
761 schätzenswerther Akt, wenn er auch nach den Verhältnissen! jenes barbarischen Staates bald der Vergessenheit anheimsiel.! Kaiser Nicolaus empsing den Sir Moses mit vieler Liebenswürdigkeit, ohne sich in der Behandlung seiner hebräischen Unterthanen zu ändern. Auf allen diesen Reisen war Sir Moses von seiner Gattin, Lady Judith aus der Familie Cohen, begleitet, bis sie ihm 1862 durch den Tod entrissen ward. Sie hat ein Tagebuch über eine ihrer Orientreisen j veröffentlicht, das ein dauerndes Zeugniß von dem edlen! Geiste und der scharfen Beobachtungsgabe dieser Dame giebt. Auf seiner Reise nach Petersburg besuchte Sir Moses auch Magdeburg und wir hatten eine längere Unterredung mit > ihm, nach deren Schluß er uns um ein Memoire über die Verhältnisse der russischen Juden ersuchte, das wir ihm auch nach Berlin nachsandten. Wir hatten hierbei auch Gelegenheit , Lady Judith kennen zu lernen, und ihre ungesuchte Liebenswürdigkeit und ihr außergewöhnlicher Verstand erweckten in uns die wärmsten Gefühle der Verehrung. Späterhin hatten wir keine weiteren Beziehungen zu Sir Moses, was aus der Verschiedenheit unserer religiösen Ansichten erklärlich ist. Die Ehe des Sir Moses blieb kinderlos. Der Tod seiner edlen Gattin versetzte ihn in gerechte Trauer. Nach dem, was berichtet wird, genießt der verehrte Greis verhältnißmäßig noch eine große Frische. Möge die allgütige Vorsehung ihn noch lange erhalten! Literarischer Wochenbericht. Brüssel, im November. In diesen Blättern ist öfters mit Bedauern darauf hingewiesen worden, daß in Belgien, nach dem Muster Frankreichs, fast alle, die nicht dem ultramontanen Katholicismus huldigen, sich dem krassesten Materialismus in die Arme geworfen haben. Derselbe herrscht unter den Stimmführern der liberalen Partei ganz unverhüllt vor, und die große Mehrheit der studircnden Jugend ist ihm ergeben. Mit vielem Muthe, aber geringem Erfolge sucht seit lange der wackere Profeffor der Philosophie an der Brüffeler Universität, G. Tiberghien, dieser Strömung Widerstand zu leisten. Sein Wirken wird freilich durch die Thatsache beeinträchtigt, daß er dem durchaus idealistischen Systeme Krause's anhängt, welches sowohl mit der Kant'- schen Schule wie mit der induktiven Methode der Erfahrungswissenschaften in unversöhnlichem Gegensätze steht und dadurch vielfach Widerspruch hervorruft. So ist es denn doppelt erfreulich, einen der Führer der vorgeschrittenen freisinnigen Partei und zugleich einen bewährten Forscher auf dem Gebiete der Ethnographie, den Abgeordneten Grafen Goblet d'Alviella mit ebensovieler Bestimmtheit wie Begabung und Geschicklichkeit für die Berechtigung der religiösen Ideen und Gefühle auf den Kampfplatz treten zu sehen. Nachdem er schon mehrere Studien über die rationalistischen Gemeinden in den Ländern anglosächsischen Stammes sowohl in der Revue des Deux Mondes als auch in der Revue de Belgique veröffentlicht, hat er soeben über diesen Gegenstand ein umfaffendes und sehr leseuswerthes Werk herausgegeben: L’Evolution religieuse contemporaine chez les Anglais, les Americains et les Hindous („Die religiöse Entwickelung bei den Engländern, Amerikanern und Hindu, Paris und Brüffel 1884). Der Verfasser erklärt sich darin für einen entschiedenen Anhänger der Bestrebungen, die darauf gerichtet sind, die moderne Wissenschaft mit der Religion auszugleichen und die letztere auf der Grundlage des modernen Geistes j wieder aufzubauen. Wenn er für seine eingehenden und ge-! wissenhasten Forschungen hauptsächlich England und Amerika j und die vom englischen Geiste beeinflußten höhern Klassen Indiens gewählt hat, so liegt der Grund darin, daß diese! Bemühungen nur bei den praktischen Angelsachsen sich in! zahlreichen Sekten und einzelnen Gemeinden verkörpert haben, I während bei den Völkern lateinischer Sprache sich säst nur! Unglauben und Aberglauben schroff gegenüber stehen, in! Deutschland aber der Subjektivismus und das praktische Un- -geschick die zahlreichen Rationalisten an jeder Vereinigung! und zusammenhängendem Wirken verhindern. Ueberraschend I ist zumal die Thatsache, daß der Unitarismus, die Verwerfung! der Dreieinigkeit in der christlichen Lehre mit starker Be-! tonung der vernünftigen Basis der Religion überhaupt, in i Nordamerika eine sehr weite Ausdehnung und eine fest zui sammenhängende Organisation in Hunderten von Gemeinden! gewonnen hat. Es ist überflüssig, zu bemerken, wie sehr diese Lehre sich dem Judenthum in seiner modernen Auffassung nähert. Der Vers, erkennt dies auch wiederholt (z. B. S. 246) unumwunden an. Um so mehr ist zu bedauern, daß er den Bestrebungen gerade des neueren Judenthums eine so geringe Aufmerksamkeit schenkt. Er kennt dasselbe fast ausschließlich aus dem wohlgemeinten, aber doch vielfach irrigen Aufsatze des jüngern Montesiore in der 6ontemporarv Review und einer Abhandlung von Miß Cobbe: Progressive Judaism, in derselben Zeitschrift (Nov. 1882). Er gesteht ein, daß dieses reformirte Judenthum den Rationalisten den besten, historisch begründeten Bereinigungspunkt bieten würde (S. 139 ff.), findet sich aber dann mit dem Einwande ab, daß dasselbe zu viele specisisch jüdische Aeußerlichkeiten und Ceremonien, besonders die Beschneidung, bewahrt habe. Ich habe nicht nöthig, den Lesern dieser Zeitung die Berechtigung des Festhaltens aller Juden an den alten Einrichtungen und Gewohnheiten ihres religiösen Lebens des weitern auseinanderzusetzen. Wenn der Verfasser später beklagt, daß die englischen Theisten, obwohl sie die Mehrheit der gebildeten