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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-11-20 · Heft 47 (20.11.1883) · p. Seite 759

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 47 (20.11.1883)
Date
1883-11-20
Page
Seite 759 (sequence 5)
Language
German
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759 kürzerer oder längerer Zeit zu Ende gehen wird. Der anti-' ein Jahrhundert hat er durchlebt! Fünf Jahre alt. als die semitische Geist aber ist leider viel weiter in den Gemüthern französische Revolution ausbrach, durchlebte er als Jüngling unserer christlichen Mitbürger verbreitet. Er will weder unj die Napoleonische Zeit, als Mann die Herrschaft der heiligen sere Gleichberechtigung antasten, noch Mißhandlungen und Allianz, die Revolutionen von 1630 und 1848, das zweite Excesse dulden, aber er ist antipathisch gegen uns gesinnt,1 französische Kaiserreich, die Umgestaltung des Festlandes durch stößt jede Annäherung und den geselligen Verkehr zurück/die Gründung des Deutschen Reiches und des geeinigten und macht sich natürlich fühlbar, sei es in der Verwaltung,: Italiens. Aber noch mehr, welche innere Wandlungen, Umin der Rechtspflege oder in irgend einer von Juden einge-j gestaltungen, welchen Neubau der Gesellschaft in der civilischlagenen Carriere, in der Verwendung jüdischer Kräfte und j sirten Welt von dem alten Rögime des unbeschränkten Abin allen derartigen Verhältnissen. Diesen antisemitischen > solutismus bis zur gegenwärtigen Verfassung und Gesetz- Geist auszurotten wird es wohl noch Jahrhunderte brauchen, > gebung der modernen Staaten! Selbst in seinem zweiten ihn zu mildern, ihn wieder zu dem Grade zurückzuführen, auf welchem er vor dem Beginn jener Hetzen sich befand, müssen wir von einigen Jahrzehnten erhoffen, und es ist allerdings an uns, hierfür mirzuwirken. Eine gewisse Zurückhaltung und Bescheidung, namentlich seitens der reicheren und wohlhabenden Juden, die Vermeidung jedes Prunkes, jeder öffentlichen Zudringlichkeit, alles dies wird sicherlich eine gute Wirkung hervorbringen, namentlich wenn es sich mit nützlichen Bestrebungen, ehrenfester Erfüllung des Berufs und unentwegter Betheiligung an allen patriotischen und gemeinnützigen Werken verbindet. Sir Moses Moutesiore. Am 24. Ottober, dem Feste der Gesetzesfreude, trat Sir Moses Montefiore in sein hundertstes Lebensjahr ein. Es war selbstverständlich, daß der ehrwürdige Greis an diesem Tage überaus zahlreiche Glückwünsche aus fast allen Welttheilen erhielt. Nicht blos seine Glaubensgenossen, sondern auch christliche und mohammedanische Freunde und Verehrer Drückten ihm ihre innige Theilnahme aus. Sämmtliche Mitglieder des königlichen Hauses erzeigten ihm Aufmerksamkeiten und der Prinz von Wales ehrte ihn durch ein eigenhändiges Schreiben. Es bezeugt dies die außergewöhnliche ehrenvolle Stellung, die Sir Moses in der öffentlichen Meinung einnimmt? Veranlassung genug auch für uns, etwas näher auf die bedeutsame Erscheinung einzugehen, welche Sir Moses in unserer Zeitgeschichte bildet. Im nächsten Jahre wird Montefiore nach Gottes Willen das hundertste Lebensjahr vollenden. In Livorno 1784 geboren, fünf Vierteljahre vor dem Tode Mendelssohns, welch' 1 Die erste Bekanntschaft mit der gegenwärtigen Königin, so erzählt die „Times", machte Sir Moses im Jahre 1834, als dieselbe, damals noch Prinzessin Victoria, mit ihrer ^Mutter, der Herzogin von Kent, in Ramsgate verweilte. Tie öuentlichen Promenaden wurden den hohen Damen der rücksichtslosen Aufmerksamkeiten des Publikums wegen zur Last. Als Sir Moses dies hörte, stellte er durch eine dritte Person den Damen seinen an Ramsgate stoßenden Park zur Verfügung. Ter Antrag wurde dankbar angenommen, und Sir Moses übersandte alsbald der Prinzessin einen kunstvoll ausgesührten goldenen Schlüssel zu der Nngangsthür des Parkes der dann fleißig benutzt wurde. Baterlaude, dem er seit früher Jugend mit ganzem Herzen angehört, und das sich von allen revolutionären Erschütterungen frei zu halten gewußt, die Emancipation der Katholiken, die Reformbill, der Freihandel, die Emancipation der Juden und so viele neue Institutionen und Institute eingreifendster Art, und allen diesen Errungnissen ein vorangehender schwerer Kampf des Neuen mit dem Alten, des Bestehenden gegen das Neuzugründende. Er erlebte die Erfindung und Herstellung der Dampffchiffahrt, der Eisenbahnen, der Telegraphie und so vieler, den ganzen Verkehr und die Lebensweise der Völker umgestaltenden Einrichtungen. Nicht minder bedeutsam war die Wandelung, die in diesem Jahrhundert in den Verhältnissen und der Stellung der Juden vor sich ging — bedeutsam nicht blos für diese, sondern für alle Welt, weil damit das Princip der Gewissensfreiheit und der Rechtsgleichheit aller Staatsangehörigen zur unbedingten Herrschaft gelangte. Aber wie viele Kämpfe kostete dieser Sieg, selbst in dem freiheitlichen Großbritannien, das sogar zu den letzten Staaten gehörte, in welchen dieses Princip auch für die Juden zum vollen Durchbruch kam. Aber auch welche Umwandlung im Geiste, im Külturzustande und im Leben der Juden! Wie sie während der Kindheit Montefiore's noch überall in die Ghetti gebannt, das öffentliche Leben in Staat und Gemeinde ihnen verschlossen, das gewerbliche auf wenige Zweige beschränkt war, so verharrte damals ihre geistige Existenz noch innerhalb des talmudischrabbinifchen Kreises und der unbedingten Uebung des tradirten Gesetzes und der herkömmlichen Bräuche. Eben erst war in Deutschland die Morgenröthe eines neuen Geistestages aufgegangen, und ihre Strahlen begannen nach allen Seiten hin Licht zu verbreiten. Schnell, schneller als geahnt worden, traten die Juden in das Kulturleben ein; aber dieser rasche Wechsel hatte Jahrzehnte lang für das Judenthum selbst fast eine bedrohliche Wirkung. In zahlreichen Geistern kam eine Mißachtung desselben in seiner bisherigen Gestalt auf, ohne daß schon eine neue Belebung und Vergeistigung sich zeigte. Doch das währte nicht lange und in Deutschland, Frankreich, England und Italien erwachte von innen heraus der Drang, den Lehrinhalt des Judenthums

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