Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- Seite 758 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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758 überwunden werden können und müssen. Diese Nachtheile einzelnen Klassen zuzuschreiben, ist nur Sache des Vorurtheils und der Kurzsichtigkeit. Wir erinnern nur an das Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, das sicherlich nicht den gegenwärtigen ersteren zur Last gelegt werden kann, sondern aus der Vergangenheit sich entfaltet hat. Wir müssen vielmehr anerkennen, daß in der großen Mehrzahl der jetzigen Arbeitgeber das Verlangen obherrscht und sich bethätigt, die Lage ihrer Arbeiter möglichst zu verbessern. So besteht auch in den Juden der civilisirten Welt das Bestreben, sich in Masse jeder besondern Berufsart zu entziehen. Beweis dafür liefert der außerordentlich große Procentsatz der jüdischen Jugend, welcher die höheren Lehranstalten, besonders die Gelehrtenschulen, besucht. Der Verfasser spricht nachdrücklich die These aus, daß nur in volkswirthschaftlich zurückgebliebenen Ländern der Jude die Rolle des Geldvermittlers übernimmt, welche seine ganze Glaubensgenossenschaft verhaßt macht, daß er aber gerade hier unentbehrlich ist, seine Gefährlichkeit aber nicht in ihm, sondern in der Krankheit des volkswirthschaftlichen Lebens selbst liegt. Er schildert hier näher das Treiben des Magnatenthums. Aber auch hier ist die Einrede festzuhalten, daß auch in Ungarn und Rußland nur ein Bruchtheil der Juden solche Geschäfte betreibt, die große Masse derselben dem ehrlichen Handel und dem Handwerk obliegt. Der ausgehetzte Raub und Beute suchende Pöbel, dem die Juden als wehrlos bezeichnet werden, fällt über diese her, welches Gewerbe, welchen Beruf sie auch treiben. Der Neid einerseits, den die Besitzlosen gegen alle Besitzenden hegen, die Raubgier und die Meinung, wegen an den Juden verübter Frevel unbestraft zu bleiben, dies sind die wirklichen Ursachen der in Rußland und Ungarn vorgefallenen Excesse, gegen welche die aus volkswirthschaftlichen Ansichten gefolgerten Gründe nicht viel Bedeutung haben. Der Verfasser hält sich auch nicht frei, den Juden eine Absonderungslust vorzuwerfen, eine Jsolirung in ihren Gemeinden, womit er wohl hauptsächlich unsere wohlthätigen Institute meint. Dieser Vorwurf ist um so ungerechter, als einerseits die Katholiken und Protestanten sür ihre Confession die mannichfaltigsten Veranstaltungen treffen, von denen die Juden ausgeschlossen sind, so daß diese für sich selbst sorgen müssen; andererseits es den Juden von allen Unbefangenen nachgerühmt wird, daß sie trotzdem für alle gemeinnützigen und allgemeinen Einrichtungen ein offenes Herz und eine offene Hand haben; endlich aber ist es noch die Frage, ob es nach der Natur des Menschen nicht vortheilhafter ist, Bestrebungen der Wohlthätigkeit auf kleinere Kreise zu beschränken, als sie immer ins Große nach einmaligen Schematas ins Werk setzen zu wollen, und daß religiöse Motive für Werke der Humanität die ergiebigsten sind. Zum Schluffe berührt er auch den Vorwurf des „geistigen Hochmuths", den die Antisemiten den Juden machen, und frägt, ob nicht dieser von den übrigen Völkern selbst genährt wird, da man der Geschichte der Juden und der Werthschätzung ihrer Geisteserzeugniffe in der Schule und in der Erziehung der Jugend einen so großen Platz einräumt? Wir fügen hinzu, daß es viele Millionen Katholiken giebt, welche ihre Kirche für die „alleinseligmachende" halten, und betonen, daß die strenggläubigen Protestanten die alleinige und volle Wahrheit in ihren „Bekenntnißschriften " enthalten ausgeben — den Juden aber wirft man vor, sich als „auserwählt" zu glauben, die Religion und die religiösen Wahrheiten in die Menschenwelt gebracht zu haben, was doch ein unleugbares geschichtliches Faktum ist und selbst von ihren Gegnern zugegeben wird. Ueberall ist hier dasselbe Spiel, daß die Majoritäten den Minoritäten aus jeder ihrer Lebensäußerungen ein Vergehen machen, und hierzu freilich die Macht und Gewalt der Mittel besitzen. Der Verfasser erklärt daher alle von den Antisemiten vorgebrachten Mittel für die „alleruntauglichsten". Diese würden den Schaden, der einmal bestünde, erst recht verstärken. „Nein, die ideale Einheit des Menschenthums, die uns das Bibelwort verheißt, wird sich auf andere Weise vollziehen; Dogmen werden sie nicht schaffen, Bekenntnißschriften nicht besiegeln, die Stöcker-Rohling werden nicht die Pathen sein." Er schließt: „Inzwischen und für alle Fälle haben auch wir auf unserer Seite selbst genug zu thun. Unsere Selbsthilfe wirklichen Nachtheilen gegenüber darf nicht eine Wirthschaft von der Hand in den Mund sein, am wenigsten ein unbesonnenes Handeln unter dem Gebote der Leidenschaft. Es ist unsere erste Pflicht, versöhnende Erkenntniß zu verbreiten, dem Aberglauben wie der Selbstgefälligkeit zu Leibe zu rücken, wirthschaftliches Berständniß und wirthschaftliche Sitte zu fördern, Charaktere zu erziehen und hilfreiche Organisationen zu schaffen, die Vertrauen finden und Vertrauen fassen können." Wir sind dem Verfasser für viele seiner Erörterungen, Bemerkungen und Folgerungen dankbar verbunden. Daß auch diese Schrift nicht als eine abschließende, die vorhandenen Gegensätze abschleifende zu betrachten ist, ersieht man wohl aus der obigen Skizzirung. Jedenfalls ist jedoch viel gewonnen, wenn man erst allgemein auf den Weg einer besonnenen Untersuchung und Erwägung gekommen und der ganze Streit aus dem Bereiche der leidenschaftlichen Erregung gezogen sein wird. Wir dürfen uns nicht verhehlen, > daß es einen Antisemitismus und einen antisemitischen Geist giebt. Der erstere tritt als offener Gegner, als Volksaufwiegler und Hetzer gegen uns auf und will uns, so weit es nur möglich ist, in unseren Rechten, ja in unserer ganzen Existenz schädigen. Wir hoffen, daß es mit demselben in