Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- Seite 756 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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, t; .1 75*> warmen wie scharfen Worten auseinanderzusetzen, scheint uns! die erste Aufgabe dessen zu sein, der über diesen neuesten \ Auswuchs der mittet- und osteuropäischen Welt schreiben will, j und muß jeder weiteren Erörterung vorangehen. Solches : vermissen wir an der vorliegenden, sonst vielfach tüchtigenj Arbeit, die sich aus die verstandesmaßige Erörterung be-! schränkt und den Juden gegenüber nicht jene Einseitigkeit j vermeidet, welche von vornherein dem Antisemiten doch einigen' realen Boden zugesteht. Diese Einseitigkeit besteht darin,; daß man allgemeine Verhältnisse, welche in der Entwickelung■ der Gesellschaft sich herausgebildet haben, vorzugsweise den! Juden in die Schuhe schiebt und sie als deren Träger be-z zeichnet, während man beiläufig und gelegentlich anerkennen j muß, daß die Ursachen ganz wo anders liegen, namentlich! in den wirthschaftlichen Verhältnissen der betreffenden Länder,! und daß nicht minder Christen wie Juden sie ausbeuten,! und andererseits ein großer Theil der Juden längst allen anderen Gebieten und Bahnen des Lebens angehören. Man' stelle sich doch die Empfindungen eines jener Juden vor —j und deren giebt es unzählige — der sich Zeit seines Lebens; eine angemessene nationale Bildung erworben, einen völlig! berechtigten Lebensberuf — gleich seinen christlichen Mitbürgern — gewählt und verfolgt hat, jeder Zeit seine Bürgerpflichten erfüllte, an allen gemeinnützigen, vaterländischen und humanen Werken sich eifrigft bethätigte, seinen patriotischen Geist immer bekundete, und — nun auf einmal in der Gesammtheit seiner Glaubensgenossen sich beleidigt, beschimpft, verleumdet, als schädlich, ja gefährlich und unwürdig ausgestoßen, als Fremdling gebrandmarkt und gelegentlich mißhandelt oder doch Mißhandlungen ausgesetzt sieht! Ist das gar nichts? nicht der Erwähnung werth? — Doch folgen wir nun dem Gange des Autors, den er in seiner Schrift einschlägt. Der Verfasser beginnt: „Unbehagen und Unzufriedenheit, zum Theil wirkliches Ungenügen bei fortgeschrittenen Ansprüchen bilden einen über weite Kreise verbreiteten Brennstoff." Dies ist ihm die Unterlage für den Antisemitismus. Aber für diesen allein? Nicht auch für den Socialismus, für den Jnteressenkampf zwischen den großen wirthschaftlichen Zweigen, selbst für den politischen Parteikampf? Er sieht in dem Antisemitismus „den Ansturm der Reaktion von allen Seiten her gegen die Civilisation", und „in der Auswahl der in dieser Agitation erscheinenden Motive den erschreckenden Fortschritt zum Schlechteren bis zum vollendeten Rückfalle in die ödesten Zeiten der Unkultur und Barbarei." Er fährt fort: „In Deutschland hat der Herr Hofprediger Stöcker das unbestrittene Verdienst, zum erstenmale zum Einfange der social Unzufriedenen, beziehungsweise zur Begründung einer reactionären Volkspartei den aufgewärmten Leim des Anrisemitismus auf seine Spindeln gestrichen zu haben. Stöcker vertritt den Standpunkt einer gewissen evangelischen Theologie der Wortgläubigkeit und Orthodoxie und stellte, wie denn niemand aus seiner Haut kann, die einmal herbeigezogene Frage auf diesen Standpunkt. Ja, der „Socialismus", zu dem er sich bekennt, ist ihm nicht einmal Hauptzweck. er liegt nur auf seinem Wege. Wie er die „innere Mission" auffaßt, deren erster Leiter in Berlin er ist, müßte sie die ganze evangelische Christenheit völlig zu derjenigen Welt- und Lebensanschauung zurückführen, die sich mit dem Buchstaben der biblischen Lehre deckt, unbekümmert um die Ergebnisse eines Geisteslebens von fast zwei Jahrtausenden, darunter des fruchtbarsten Jahrtausends, das, soweit die historische Forschung reicht, die Menschheit gesehen hat. Faßte Herr Stöcker seine „innere Mission" nicht in dieser Weise auf, so wäre ihm das „Judenthum", das sich bekanntlich mit theologischer Polemik am wenigsten befaßt, nicht in den Wurf gekommen." „Aber Stöcker begegnet den Juden auf Schritt und Tritt als den Vertretern jenes, wenn auch vielleicht eigenartig gefaßten und zum Ausdruck gebrachten, modernen Lebens und Denkens, das der völligen Rückkehr zum Wortglauben am wirksamsten im Wege steht." Er will deshalb , den Juden aus der Presse, aus der Schule, aus den Gerichts- ^sälen beseitigen. Wenn auch nicht Stöcker selbst, so haben doch seine Gesinnungsgenossen kein Hehl daraus gemacht, daß sie auf die Bekehrung der Juden spekuliren und zwar > auf dem phantastischen Wege, daß die sämmtlichen Juden nach Palästina zurückkehren, ein neues Reich begründen und! in diesem sich zum Christenthume bekennen werden oder! sollen. So verheißt es ihnen das Neue Testament und I daran halten sie fest.? Der orthodoxen Partei gegenüber steht die radicale des Dr. Henrici. Dieser will das „bis zum Stolze erhöhte deutsche Ncnionalbewußtsein' vertreten und erklärt die Juden für Fremdlinge. Er ruft hierzu die Wissenschaft zur Hülfe, die sich eben wieder in einer abenteuerlichen Verwirrung befindet. Der Verfasser sagt hier: „Die Wissenschaft vom Menschen ist in sehr erfreulicher Weise in den Vordergrund der Forschung getreten; aber in weniger erfreulicher Weise hängt unsere Gelehrsamkeit noch ganz an den alten systematisirenden Formen. Indem man hierin den Gipfel der Gelehrsamkeit suchte, ist man darauf ausgegangen, auch innerhalb des Menschengeschlechts, das doch nur für den Augenblick unserer Beobachtungszeit ein unwandelbares Objectdarstellt, zu möglichst scharfen Trennungen zu gelangen, um jeder Lebeusregung sofort ihr Ursprungsfach mit Buchstaben und Ziffer anweisen zu können. Geistreiche Spielerei hat eine eigene Wissenschaft geschaffen, welche jede Gemüthsanlage, jede Geislesbegabung, jeden Gefühlshang und jeden Charakterzug einer bestimmten Farbe und Raffe zutheilte und t s i