Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1883)
- Date
- 1883-11-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ siir alles jüdische Interesse. Diese Zeitunq erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig S Marl. Abonne- . ment in Deutschland (Postzeitungsliste | Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Gzepeöitiorr: Leipzig, Woßpkah 18 > In redactionellen Angelegenheiten i wende man sich an vr.L.Phllippson in j Bonn direct, in allen übrigen an die I BerlagShandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichsalls an letztere ein» | zusenden. 47. Jahrgang. Leipzig, den 20. November 1883. Xo. 47. Inhalt. Leitende Artikel: Neueste Broschüren. III. — Sir Moses Montefiore. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitnngsnachrichten: Deutschland: Berlin. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Prag, Krakau. — Großbritannien: London. — Rußland: Berlin, Petersburg, Koretz, Turek. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Vermischtes: Eine jüdische und aristokratische Familie in Ungarn. — Börnes und Heine's Gräber. Zc itC'tiDc GUtißcf. Bonn, 14. November. Neueste Sroschureu. ui. In Prag besteht ein „Deutscher Verein zur Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse", welcher eine „Sammlung Gemeinnütziger Borträge" herausgiebt und jetzt in seiner Nummer 88 eine Schrift von Julius Lippert veröffentlichte: „Der Antisemitismus." An Jntereffe gewinnt dieser Vortrag noch dadurch, daß, wie die Unterschrift bezeugt, sie in Berlin verfaßt ist, und zwar datirt vom 28. September. Wenn der Verfasser daher auch manchmal auf österreichische, insbesondere ungarische Zustände blickt, so spiegelt sich in seiner Schrift doch vorzugsweise der Berliner Antisemitismus ab und dieser ist es, auf welchen er am meisten eingeht, den er in seinen Motiven aufsucht und bekämpft. Da nun Berlin die Geburtsstätte des jüngsten Antisemitismus ist, so muß es uns besonders interessiren, die Urheber desselben in ihren leitenden Gedanken uns vorgeführt zu sehen, aber noch mehr zu bemerken, wie sich die Zahl der Führer noch^ heute auf die beiden vielgenannten Stöcker und Henrici beschränkt und keine neue Apostel erstehen. Seine schöpferische Kraft scheint mit diesen beiden Helden völlig versiegt, und das zeigt sich auch darin, daß er neue Motive, neue Anklagen und Beschuldigungen nicht producirt, sondern sich immerfort in demselben eirorllus vitlosus umherbewegt. Die vorliegende Schrift enthält viel Gutes und erfreut sich einer klaren und verständlichen Sprache; sie zeichnet den Gedankengang der antisemitischen Führer deutlich und zutreffend, weist ihnen ihre Widersprüche und völlige Zwecklosigkeit nach. Sie ist allerdings keine eigentliche populäre Schrift, welche bei der Volksmaffe sich Eingang zu verschaffen und auf diese überzeugend zu wirken wüßte. Sie wendet sich an das gebildete und denkende Publikum, und dies vermindert ihre Bedeutung nicht, da die Erfahrung gezeigt hat, daß dieser modernste Antisemitismus kein Erzeugniß des Volkes ist, sondern aus sogenannten gebildeten Kreisen stammt und sich nur bemüht, die im Volke schlummernden Leidenschaften zu wecken und sie auf die Juden zu hetzen. Was wir jedoch an der Broschüre vermiffen, das ist ein wärmerer Ton, der sich nicht bloß an den Verstand, sondern auch an das Gefühl , insonders an das Rechtsgefühl wende. Wir glauben, daß in einer solchen Gegenschrift zuerst nachdrücklich und unverhüllt auf die Bosheit und Schlechtigkeit, die dieser ganzen Bewegung innewohnt, hinzewiesen, daß an die den gegenwärtigen Menschen beherrschende Ueberzeugung von dem natürlichen Rechte jedes Einzelnen und von der Pflicht der Gesellschaft, einen Jeden ohne irgend einen Unterschied in diesem seinem Rechte zu schützen, appellirt werde. Wer diese Gleichheit vor dem Gesetze angreist, wer eine ganze Klaffe, ohne Berücksichtigung von Schuld und Unschuld, ausscheiden will und verurtheilt, der ist nicht blos ein Feind der Humanität. ein Widersacher gegen Recht und Gerechtigkeit, ein Menschenverfolger, sondern tastet auch das Grundgesetz, das Fundament jedes civilisirten Staates an. Dies mit ebenso