Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1883)
- Date
- 1883-11-13
- Page
- Seite 747 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Erfurt, 30. Oktober. Am 28. fand hier die Jahresconferenz „Der Israelitischen Cultusbeamten Mitteldeutsch, lands" unter dem Borfitze des hiesigen Rabb. vr. Krön er statt. Die Zahl der Theilnehmer war eine geringere als im Borjahre. Die israelitische Gemeinde gab in warmer Gastfreundschaft den Mitgliedern der Conferenz ein schönes Fest mit musikalischen und dramatischen Aufführungen und einem Ball. Den Hauptgegenstand der Berathung bildete der Normallehrplan, den vr. Kroner ausgearbeitet hat. Er soll im Druck veröffentlicht und zur Begutachtung versendet werden. Ferner constituirte sich eine Unterstützungscaffe für hülfsbedürftige Mitglieder der Conferenz, wozu mehrere Mitglieder der hiesigen Gemeinde bereits Beiträge für den Fond gezeichnet hatten. Thor«, 29. Oktober. (Privatmitth.) Es wäre ein Irrthum, wenn man annähme, daß die antisemitischen Bestrebungen sich bloß auf die Reichshauptstadt beschränken und in den Provinzen gar keinen Boden finden. Andererseits aber darf die Besorgniß nicht übertrieben werden. Der wirkliche Antisemitismus hat seinen Heerd in gewiffen Kreisen des sogenannten gebildeten Publikums, namentlich in denen der höherstehenden Beamten, welche dabei von zwei Motiven beherrscht werden, dem Neide auf die paar reichen oder wohlhabenden Juden und von der Furcht, daß Juden in die Beamtenwelt eintreten und die Beamtensöhne schädigen werden. Kommt nun hinzu, daß die Juden, von den liberalen Parteien in Schutz genommen und durch die Verschmelzung der Conservativen mit den Antisemiten nach links gedrängt, sich den Liberalen anschließen, so machen die Conservativen immer weniger Hehl aus ihren judenfeindlichen Absichten. Diese Conservativen sind es, welche die Fackel des Judenhasses im Volke anzuzünden versuchen, und da sie bei der eigentlichen Arbeitermasie keinen Anklang finden, weil diese trotz ihrer gleißnerischen Versprechungen nur Feinde in ihnen erblickt, so versuchen sie ihr Heil beim Handwerkerslande. Wir hegen die Ansicht, daß die conservative Partei mit diesem ihrem Antisemitismus einen nicht geringen Fehler begangen hat, dessen Folgen sie mit der Zeit wohl fühlen wird. Sie hat sich damit allen gesunden Grundsätzen des modernen Staates gegenüber gestellt, die sie doch nicht aus der Welt zu schaffen vermag, hat sich verurtheilt, mit Ilebertreibungen und Verleumdungen ihr Leben zu fristen, ohne ein greifbares Ziel damit zu erreichen, es sei denn die Erregung von Pöbelaufläusen, welche sie wieder mit der staatlichen Ordnung in Conflict bringen. — Auch hier hat sich ein conservatioer Verein gebildet, der sich aber „Gemäßigt liberal-conservativer Verein für die Kreise Thorn und Kulm" nennt, um, wie er offen sagt, auch „gemäßigt liberale" Persönlichkeiten zu gewinnen. Daß ihm diese Maske zu tragen nicht lange gelingen wird, versteht sich von selbst: Die „gemäßigt Liberalen" sind entweder solche gar nicht oder treten baldigst wieder aus dem Vereine. In Thorn selbst herrscht die fortschrittliche Gesinnung vor und gegen diese sträubt sich der Verein. Am 27. Oktober hielt er eine Sitzung in Kulmsee. Allein es waren nur einige siebzig Männer, zum größten Theile Großgrundbesitzer und Beamte, und nur einige Handwerker und Wirthschaftsbeamte zugegen. Der Vorsitzende, Landrath v. Stumffeldt, berichtete, daß der Verein 145» Mitglieder zählt und in der Kasse ein Deficit hat. Dies giebt kein Zeugniß für die Größe und Lebensfähigkeit des Vereins. Die Thätigkeit desselben beschränkt sich darauf, von der „Danziger Allgemeinen Zeitung" und der „Thorner Presse" 24 Exemplare zu kaufen und in Krügen auslegen zu lassen. Der Vorsitzende lobt das letztere Blatt. Herr Bürgermeister Müller-Kulmsee nimmt hierauf Veranlassung einen Artikel aus dem Kulmsee'er Anzeiger zu verlesen, in welchem di: empörende Art und Weise, in welcher die „Thorner Presse" das Judenthum unausgesetzt angreist, was leicht zur Störung des konfessionellen Friedens in Kulmsee führen kann, entschieden gemißbilligt wird. Die „Thorner Presse", so äußert sich dann Herr Müller, ist kein konservatives Organ, sondern ein antisemitisches Hetzblatt, das jeder gebildete Mann zu lesen sich schämen muß. Ter Vorsitzende trat diesen Ausführungen entgegen. Das Judenthum ist ein Krebsschaden unseres Volkes, dessen Ausschreitungen entgegengetreten werden muß, und der Kampf gegen dasselbe muß ausgekämpft werden wie man das Laster als Laster bekämpft. Unsere Partei ist die königstreue, deshalb haben wir den Auswüchsen des Judenthums entgegenzutreten. Einzelne Ausschreitungen der „Thorner Presse" könne er auch nicht billigen, doch habe er von diesem Blatte, das die Ziele des Vereins respective der Partei in anerkennenswerther Weise unterstützt, viel Gutes gehört. Nur mit drastischen Worten können die kleinen Besitzer und Handwerker gewonnen werden, und dazu sei die „Thorner Presse" bas geeignete Organ. Ein gebildeter Mann, wie der Herr Bürgermeister von Kulmsce es ist, mag ja das Blatt verdammen, in den Kreisen (kleine Besitzer und Handwerker) aber, wo es verbreitet werden sott, da erfüllt es seinen Zweck. Das ist gewiß eine großartige Anschauung, das Volk zu verwildern, während der gebildete Theil schon zu unterscheiden wüßte. Der erste Staatsanwalt in Thorn, Herr Feige, verlangt mehr Agitation und will deshalb Localvereine. Wie Biele da wohl von den 11.'. Mitgliedern in dem großen Kreise aus einen Lokalverein kämen? Er gesteht zu, daß der Handel nur bei Gewerbefreiheit und Freihandel blühe, welchem gegenüber der Handwerkerstand gewonnen werden müsse. Er sagt auch, das; „der Verein zu viele Osffciere, aber zu wenig Soldaten : habe" und bestätigt so unsere oben ausgeführten Ansichten. 46