Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1883)
- Date
- 1883-11-13
- Page
- Seite 742 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227494--41256-3309719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
742 Deutschland immer wieder herrschend wird, ein so klägliches Bild dar, wie Schwalb es zeichnet? Wo ist denn der „prächtig erleuchtete Festsaal", in welchen wir Juden eintreten sollen? Ist dies etwa der kleine, protestantische Reformverein zu Berlin, neben welchem, unbefriedigt von ihm, die „freireligiöse Gemeinde" auch noch einen kleinen „Festsaal" eröffnet hat? Nein, unumwunden gesagt, Prediger Schwalb meint es gewiß gut und seine Worte sind kühn und energisch, aber sie enthalten Voraussetzungen, die durchaus noch nicht zutreffend sind. Wenn er übrigens auch von „unnützen Ceremonien" spricht, so macht er sich eines geschichtlichen Fehlers schuldig, denn diese „Ceremonien" haben uns Juden durch die Jahrtausende der allgemeinen Dunkelheit in der reinen Gotteslehre und der reinen Sittenlehre erhalten; und eines psychologischen Fehlers, denn die Maffe der Menschen sind keine Principienmenschen, sondern wollen die höchsten ethischen und socialen Ideen in concreter Gestalt anschauen und sich zum Gesühl gebracht sehen. Doch, wie gesagt, wir betrachten den Vortrag Schwalb's als ein Symptom des großen Proceffes, der innerlich vor sich geht und wohl noch Jahrhunderte in Anspruch nehmen wird, und empfinden Achtung vor jeder mannhaften und ernsten Aussprache einer Ueberzeugung. Allem dem aber gegenüber, was in der Wirklichkeit schroff und starr uns entgegentritt, können wir auf die Einladungen Einzelner Nichts geben, und wenn sie auch mit der offensten Anerkennung des Judenthums verbunden sind. Pest, 30. October 1883. Eine Lun-gebunz des Groß-Orieuts von Ungarn. In No. 32 d. Ztg. vom vorigen Jahre theilten wir den Aufruf mit, welchen der Groß-Orient von Ungarn angesichts der antisemitischen Bewegungen an sämmtliche unter seinem Schutze arbeitenden Logen und an alle Freimaurer richtete, worin er im Namen der Humanität zur Bekämpfung der gefährlichen Hydra der Voruriheile und des abscheulichen Racenhaffes aufforderte. Gestern hielt der Groß - Orient seine Jahresversammlung, und wollen wir es uns nicht versagen, dem Berichte, welcher derselben vorlag. Folgendes zu entnehmen: „Leider war das abgelaufene Jahr reich an Vorkommnissen, welche recht deutlich den Beweis erbrachten, wie weit die Kluft zwischen unserem und dem Jdeengange eines großen Theiles der Bevölkerung unseres Vaterlandes ist, und wie wenig die'erhabenen Prinzipien unseres Bundes bisher diese Kluft auszufüllen vermochten. In unserem vorjährigen Berichte haben wir erwähnt, daß in den Grundgesetzen unseres Vaterlandes jedem Bürger volle Rechtsgleichheit gewährt ist; wir haben dies als ein erfreuliches Moment hingestellt, weil wir darin zwei Hauptprinzipien unseres Bundes — die Gleichheit und Freiheit der Menschen — verwirklicht sahen. Die durch Leidenschaft genährten Bestrebungen, welche auf eine Beschränkung der staatsgrundgesetzlich gewährleisteten Rechtsgleichheit abzielen, lassen es nun außer Zweifel erscheinen, daß der Geist der freiheitlichen Gesetze Ungarns noch nicht überall gesiegt hat, und daß es noch immer Viele giebt, die eine Umwälzung der zu Recht bestehenden Ber» hältniffe anstreben. Wenn wir auch. Dank der Weisheit der berufenen Faktoren einen Rückschritt der bestehenden Ordnung nicht zu fürchten haben, so geben uns doch die zu Tage tretenden Erscheinungen reichlich Gelegenheit zum Nachdenken; denn es kann nicht geleugnet werden, daß eine starke Strömung Raum zu gewinnen sucht, um eine Trennung der menschlichen Gesellschaft herbeizuführen. Wohl besitzt die Staatsgewalt die Mittel, den Gesetzen die gebührende Achtung zu verschaffen, sie wird auch Jedermann zur Achtung derselben zwingen; aber in dem Umstande, daß ein Zwang nothwendig ist, erblicken wir den Abgang jener Tugend, ohne welche wir ein friedliches freundschaftliches Zusammenleben der Menschen nicht denken können. Aus diesen Ausführungen wird der Unterschied klar, der zwischen uns und Jenen besteht, die in wilder Leidenschaft Haß und Zwietracht säen» es wird Ihnen aber auch nicht entgehen, welches jenes Feld ist, auf welchem eifrige Arbeit Noth thut: die Pflege des Gefühls der Brüderlichkeit ist es, die wir Ihnen auf's wärmste anempfehlen; denn die Erscheinungen unserer Zeit lehren es, daß Freiheit und Gleichheit allein die Menschen einander nicht näher bringen; wo das Gefühl der Brüderlichkeit mangelt, da geht es wie ein tiefer Riß durch die menschliche Gesellschaft, den weder geschriebene Gesetze, noch die Gewalt zu entfernen vermag. Wir haben die Ueberzeugung, daß es in den ungarländischen Logen an dem Gefühle der Brüderlichkeit nie gemangelt; dies ist jedoch nicht genug, denn angesichts der gegnerischen Bestrebungen ist es nothwendig, jetzt mehr als je durch Wort und That, Belehrung und Beispiel auch im profanen Leben den Sieg des Lichtes und der Brüderlichkeit zu erringen mitzuhelfen. Dies wäre die Hauptaktion der Logen in nächster Zeit und versprechen wir uns hievon eine Stärkung unseres Bundes, denn es kann ein solches Streben nicht unvermerkt bleiben und wird eifrige Nachahmer finden." Der Deustetttuer -Zynagogeubrand-proceß. (Schluß.) Bon den Angeklagten bestreitet Heidemann sen. entschieden die ihm zur Last gelegte Handlung. Er wohnte dicht neben dem Tempel und auch sein Gebäude wurde vom Feuer ergriffen. Er war sehr niedrig versichert, so daß er einen Schaden bon 4500 Mark erlitten hat. In ähnlicher.