Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1883)
- Date
- 1883-11-06
- Page
- Seite 735 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227493--41248-3309710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
73 d nach Samarin brachte, von denen viele davonliefe», so daß! jetzt nur noch 15 Familien in der Colonie sich befinden. Die übrigen Hunderte häuften sich in dem armseligen Caiffa an,! leben dort im Müßiggang und größtem Elend und bedürfen; fortwährend der Unterstützung. Dies ist das Ende eines j Unternehmens, auf welches über 200 000 Fres. verwendet wurden. Wenigstens hätte man die kleine Colonie erhalten können, wenn nicht die rumänischen Juden ihre versprochenen Beiträge sistirt und die reicheren in Bukarest und Jassy die Zahlung der von ihnen eigenhändig unterschriebenen 40 000 Fres. zu zahlen verweigert hätten — wahrscheinlich auf bic j schlimmen Berichte hin, die von Caifia nach Rumänien ge-' langten. — Das Centralcomitö hatte längst die dringendsten! Gesuche um Unterstützung an die .Vllürnee isr. uuiv. gerich-; tet, welche jedoch dieselbe verweigerte, weil die Unterstützung! der Emigration nicht zu ihren Zwecken gehöre. Jndeß sandten sie unter Baron Hirsch den Herrn Beneziani nach Pa» lästina, um die Lage der Dinge zu prüfen. Es ist bereits der erste Bericht dieses Herrn auch in d. Ztg. mitgetheilt worden. Er war entsetzt über die Zustände in Caiffa. Als er aber die Colonie Samarin besuchte, überzeugte er sich, daß dieselbe doch lebensfähig wäre, wenn die nöthigen Mittel darauf verwendet und eine scharfe Eontrole geübt würde. Er fand den Boden fruchtbar und die 15 Colonistenfamilien zur Arbeit fähig und allen Entbehrungen trotzend. — Nachdem dieser Bericht der Generalversammlung vorgetragen war, kam ein Schreiben Veneziani's aus Paris zur Verlesung, daß Baron Hirsch die Colonie zur weiteren Erhaltung und! Fortbildung übernehmen wolle, wenn ihm sämmtliche Rechte aus dieselbe übertragen und die Colonie für sein Eigenthum , erklärt würde, so daß in Zukunft Niemand in die Verwal-j tung sich einmischen und irgend einen Anspruch erheben könne.| Es war nun Gegenstand der Berathung für die Generalversammlung, diesen Antrag anzunehmen oder abzulehnen. Nach längerer Verhandlung wurde der Antrag mit großer Majoj rität angenommen. Ten Protokollen ist eine Copie der Briefe angehängt, welche alsbald zwischen Beneziani und dem Centralcomite gewechselt wurden. Hiernach hat sich der Präsident des Centraleomitvs, Dr. Loebell, nach Paris begeben, uni die Verhandlung zu Ende zu führen und die nöthigen Aktenstücke auszufertigen und zu unterzeichnen. Es versteht sich, daß man unter den gegebenen Umständen diesen Ausgang der Sache als höchst günstig betrachten kann. Auch diese kleine Colonie würde, da cs dem Centralcomitö an den nöthigen Mitteln und an paffenden Organen fehlt, in kürzester Zeit zu Grunde gegangen sein, wenn nicht unter den Auspieien und mit den Mitteln des Baron Hirsch alles Nöthige zu ihrem Fortbestände, wie zur Erbauung von Häusern, Anschaffung aller nöthigen Utensilien u. s. w. in Aussicht stände, und eine geregeltere Verwaltung eintreten würde. Das Centralcomil«- hat feine Wirksamkeit für die Colonisation in Palästina nicht aufgegeben. ES erließ einen neuen Aufruf an alle Glaubensgenossen im Jn- und Auslande um Beiträge. Wir glauben aber nicht, daß derselbe gegenwärtig einen Erfolg haben wird. Erst wenn die bereits gegründeten Colonien zu einem, wenn auch bescheidenen Flor gelangt sein werden und die nöthige Erfahrung gesammelt ist, kann an eine Fortsetzung dieses Werkes gedacht werden. Zunächst liegt nun noch die schwierige Frage vor, was mit den vielen hunderten der durch das Centralcomitv nach Caiffa transportirten Auswanderern anzufangen sei, die doch dem Untergange nicht geradezu preisgegeben werden können. Diese Frage hätte von der Generalversammlung erörtert werden müssen. Aber man hat sie mit Stillschweigen übergangen, wahrscheinlich, weil man keinen Ausweg wußte. Uebrigens wird in den Berichten über zwei Punkte besonders Klage geführt; einerseits, daß es unter den Emigranten selbst Ränkeschmiede und Intriganten gegeben — es werden besonders drei ehemalige Lehrer und ein Winkeladvokat her- 1 vorgehoben — welche eine Art Revolutiönchen aussührten! und ein selbständiges, jedoch ganz mittelloses Comit«- bildeten. Andererseits seien die schlimmsten Feinde der Colonisation — die bisherigen jüdischen Bewohner des h. Landes, die sich durch jene in dem Empfange von Almosen beeinträchtigt fühlen. Für Samarin hat jedenfalls eine glücklichere Stunde geschlagen. Bonn, 28. Oklbr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Berlin vom 23. Oktober: „Gestern Nachmitag starb Hierselbst der Profeffor 1>r. Peter Theophil Rieß, eines der ältesten Mitglieder der physikalisch-mathematischen Klaffe der königl. Akademie der Wissenschaften. Die Beerdigung findet Donnerstag, den 25. d. M., Vormittags 11 Uhr, von der Leichenhalle des Friedhofes in der Schönhauser Allee aus statt." - Bekanntlich mar Rieß der erste und, so viel wir wissen, bis jetzt der einzige Jude, welcher Mitglied der Berliner Akademie der Wissenschaften geworden. Er war 1803 geboren und hat somit ein Alter von 80 Jahren erreicht. In die Akademie wurde er 1842 gewählt. Der thätigste Beförderer dieser Wahl war Alexander v. Humboldt, welcher! nicht nur einzelne, weil Rieß Jude, widerstrebende Mitglieder der Akademie, wie den berühmten Geologen Leopold v. Buch, umstimmte, sondern auch seinen Einfluß bei dem Könige Friedrich Wilhelm IV. für die Bestätigung dieser Wahl geltend machte, mährend der damalige Unterrichtsminister : Eichhorn sich geweigert hatte, die Bestätigung der Wahl vorzulegen. Endlich that er dies, hob aber im Berichte hervor, daß der Gewählte „des Sohn des hiesigen jüdischen , Banquiers Rieß" sei. Hierbei erinnern einige Zeitungen,!daß Friedrich H., als die Akademie Moses Mendelssohn zu