Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 45 (6.11.1883)
- Date
- 1883-11-06
- Page
- Seite 729 (sequence 7)
- Language
- German
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729 standen und noch bestehen, in zwei Rassen theilte, in die! indo-europäische oder arische und die semitische. Man ging i darüber hinweg, daß man auf diese Weise die in geistiger und leiblicher Beziehung heterogensten Völker, z. B. die Inder und Russen, die Perser und Engländer, in einen Völkerkessel warf, und wiederum andere, im Wesen nahvcrwandte, auscinandcrriß. Man schritt aber auf dem cingcschlagenen Wege noch weiter und bemühte sich, auf diesem Unterscheidungsgrunde eine Völkerpsychologie aufzurichten. Jene ungeheuerliche Völkcrfamilie der Arier, was für verschiedene Nationen auch da hineinfielen, sollte einen und denselben geistigen Charakter, eine und dieselbe geistige Tendenz haben, und ebenso die semitischen Völker für sich, von jenen völlig verschieden, ja entgegengesetzt. Man behauptete sogar, daß alle arischen Völker den Pantheismus als eine geistige Naturnothwendigkeit in sich trügen, die semitischen hingegen den Monotheismus — während doch die Geschichte erweist, daß die älteren semitischen Völker, die Phvnicier, die Aramäer, die Assyrer und vormohammedanischen Araber ebenso gute Pantheisten waren, wie die Inder, die Perser, die Griechen :c., und daß der Monotheismus allein das Eigenthum der alten Hebräer und dann der späteren Araber war, nachdem Mohammed die monotheistische Anschauung dem Jndcnthume entnommen hatte. Das hals Alles nichts; man verrannte sich immer mehr in diese Rasscnunterscheidung und! wir haben erlebt, daß sich Haß und Borurtheil derselben bemächtigten und das Werk jener hypothetischen Unterscheidung' durch den Antisemitismus krönten. — In der jüngsten Zeit! haben sich nun doch allerlei Zweifel an jener linguistischen! Hypothese geregt, mit welcher das System jener Raffenunter-, scheidung zusammenbräche. Zu den entschiedenen Gegnern! gehört der Berfaffer des vorliegenden Werkes. Sein allge-! meiner Gedankengang ist der folgende. Die Phönicier sind! die Erfinder des Alphabets, wie schon dessen Name erweise,! indem sie ihre Sprache zu einer phonetischen erhoben. Von den Phöniciern, die durch ihren Binnenhandel, wie durch, ihre Seefahrten, Colonien und Agenten mit der ganzen damals bekannten Welt in unmittelbarer Verbindung standen, lernten alle anderen Culturvölker das Alphabet und die phonetische Umgestaltung ihrer Sprachen. Tie phönicifche Sprache sei hierdurch die eigentliche Mutter aller Cultursprachen geworden. Die phönicischen Inschriften, die aufgefunden worden, beweisen, daß die phönieische Sprache mit der hebräischen identisch war, und daß wir deshalb jene in der biblischen Sprache besitzen. Darum habe diese auch die eigentlichen Elemente zu einer universellen Sprache in sich, und wenn bereits viele hervorragende Geister die Nothwendigkeit einer Universalsprache erkannt und sie irriger Weife auf convcntionellem Wege herzustellen gesucht haben, so biete die hebräische Sprache die vollen Elemente für die natürliche Universalsprache dar. Jedermann sieht, wie viele und schwere Einwände gegen diesen Grundgedanken des Verfassers erhoben werden können. Greift er doch zugleich in die duni fctfte Vergangenheit zurück und in die weiteste Zukunft! hinaus! Doch sehen wir weiter.; Bonn, 25. Oktober. Wir haben vor Kurzem Neumanns „Geographisches Lexicon des Deutschen Reiches" besprochen, {wo wir bei der Bevölkerung der Städte und Ortschaften! auch die Angaben betreffs der Juden finden können. Heute } haben wir ein solches Lexicon spcciell über die jüdischen Ge-! meinden in Deutschland anzuzeigen: „Allgemeines Lexikon i sämmtlicher jüdischen Gemeinden Deutschlands, nebst statisti-! schcn und historischen Angaben, sowie Mittheilung der Hotels, öffentlichen und Privat - Restaurants von B. Heidingsfelder." (Frankfurt a. M. Hofmann, 1664.) Das Büchlein in guter Ausstattung enthält in alphabetischer Ordnung die sämmtlichcn deutschen Orte, in welchen Juden ansässig sind, die Einwohnerzahl und die Zahl der Juden, ob sie eine Synagoge, einen Rabbiner und Cantor haben, sowie ob der Gottesdienst nach altem oder reformirtem Ritus stattfindet. die jüdischen Hotels und Restaurants. Diese Arbeit ist mit großem Fleiße ausgeführt und der Verfasser hat keine Mühewaltung gescheut, um seine Angaben aus den zuverlässigsten Quellen zu beziehen. Bei den vielen Orten, wo nur sehr wenige Juden wohnen, fehlt deren Zahl, weil sie eben nicht zu ermitteln war. Das Buch bietet sich zu mancherlei nützlichem Gebrauche an. Bei einer zweiten Auflage würden wir wünschen, daß auch über das jüdische Schulwesen, über die Wohlthätigkeitsanstalten und Vereine Notizen beigefügt würden, um das Werk zu einem nach jeder Richtung hin nützlichen Handbuche zu machen. Bon dem für geschichtliche Forschungen unermüdlich eifrigen und verdienten Professor Dr. G. Wolf in Wien ist eine neue Arbeit erschienen: „Zur Geschichte der Wiener Universität." (Wien. Holder, 1883.) Wer die hohe Bedeutung der Universitäten im Kulturleben des deutschen Volkes und der Wissenschaft, wer namentlich die außerordentliche Wichtigkeit der Wiener Universität auch für die dem österreichischen Scepter unterworfenen anderen Nationen zu würdigen weiß, wird auch der vorliegenden Arbeit Wolf's einen nicht geringen Werth beilegen. Wie alle historischen Schriften des Verfassers zeichnet sich auch diese dadurch aus, daß sie sich auf archivalische Forschungen und Dokumente, zu denen die österreichischen Staatsbehörden dem Verfasser bereitwilligst den Zugang gewährten, gründet und die Resultate in einfacher und anziehender Sprache darstellt. Selbstverständlich hatte der Verfasser Veranlassung, hier und da auch auf das Verhalten der Universität zu den Juden einen Blick zu werfen, und werden wir daraus einen etwas längeren Abschnitt im Feuilleton mittheilen.