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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 720

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 720 (sequence 14)
Language
German
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720 lisches Talent im hellsten Glanze. Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sich auch seine glänzende Lehrfähigkeit, sein unermüdlicher Eifer den Zuhörern gegenüber, sowie sein unerschöpflicher Schatz von Beobachtungen und Erfahrungen. Seine klinische Lehrthätigkeit begann verhältnißmäßig früh. Lange bevor er dem Nnterrichtskörper der Universität angehörte, genoß er bereits als medicinischer Lehrer eines hohen Rufes. Eine große Anzahl junger Berliner und dann auch auswärtiger Aerzte drängte sich an ihn heran, um die neue Methode der physikalischen Diagnostik, der Erkennungslehre krankhafter Erscheinungen gewisser Organe auf Grund physikalischer Beobachtungen, bei Traube zu studiren. Er hat mehr als irgend ein Anderer dazu beigetragen, «das Behorchen und Beklopfen" — wie gewisse ungläubige alte versteinerte Praktiker der damaligen Zeit spotteten — in den ärztlichen Alltagsgebrauch einzuführen. Das Hörrohr, der Hammer und Plessimeter gehörte fortan eben so gut zum medicinischen Handwerkszeug, wie Messer, Zangen und Spritzen. Aber nicht minder energisch war er, als es galt die Wärmemesser und das Vergrößerungsglas für den ärztlichen Hausbedarf zugänglich zu machen. Die Zuhilfenahme dieser beiden Vorrichtungen hielt man früher für eine Art von Luxus, den sich wohl unter Umständen ein Univerfitätsprofessor in der Klinik vor seinen Hörern erlauben durfte, allein was sollte der praktische Arzt mit ihnen anfangen. Ihm mußte sein „Takt", sein „Blick" über die größten Räthselftagen hinweghelfen. Dieser gutmüthigen, patriarchalischen Auffassung suchte Traube mit dem Aufgebot des ganzen modernen wissenschaftlichen Rüstzeuges ein Ende zu machen und jedes neue Mittel, welches zu einer Erweiterung des Untersuchungsgebietes führte, fand an ihm einen beredten, unverdrossenen Vertreter. Und es war damals nicht gerade ein leichtes Unternehmen für einen jungen Arzt, einen ganzen Wust von Gewohnheiten und allerhand collegialen Vorurtheilen über den Haufen werfen zu wollen. Traube hat es sich redlich sauer werden lassen und es gehörte in der That kein geringer Grad von Idealismus dazu, unter diesem Berge von Widerwärtigkeiten der verschiedensten Art nicht zu ermüden. Draußen im „Voigtlande" hat er seine ersten klinischen Vorlesungen als Armenarzt vor einer Anzahl von praktischen Aerzten gehalten. Auf die mühseligste Weise mußte das erforderliche Krankenmaterial beschafft und durch allerlei diplomatische Listen gefügig gemacht werden. Denn das Beklopfen und Behorchen wollte den armen Patienten zuerst gar nicht recht in den Sinn. Es sei eine nutzlose Quälerei, so meinten die Einen, und wie kämen die Armen gerade dazu, sich zu solchen Versuchen herzugeben, die Anderen. Man wußte endlich auch die Armendirection gegen jene Neuerung da draußen einzunehmen und der junge Armenarzt hatte einen rechten Kampf gegen die von einsichtslosen oder kurzsichtigen Bureaukraten gehätschelten Vorurthcile zu bestehen. Wenn indessen Alles auf die Dauer nicht verfangen wollte, da begann man als letzten Rettungsanker aus dieser Noth den Juden Traube auszuwerfen. Freilich schämte man sich damals mit diesem Stigma offen hervorzutreten, aber hier und da tuschelte man sich auch dies gelegentlich leise ins Ohr und Traube erzählte selber in späteren Jahren einmal eine ergötzliche Geschichte, die ihm damals widerfuhr, als er so zu sagen noch in den Jncunabeln seiner Laufbahn steckte. Die Art und Weise seiner Krankenuntersuchung, die methodisch durchgeführten Krankengeschichten machten in den damaligen ärztlichen Kreisen Berlins geradezu Aufsehen. Stück für Stück trug er sich sein Beobachtungsmaterial zusammen und schon nach wenigen Jahren verfügte Traube über ein wohlgeordnetes Archiv, das ihm unschätzbare Dienste leistete. Wie ein peinlicher Kassenbeamter seine Rechnungen, so führte Traube seine ärztlichen Tagebücher. In ihnen legte er Tag für Tag die Summe seiner an den einzelnen Kranken gemachten Beobachtungen nieder, sie gaben ihm gewissermaßen die sichtbaren Niederschläge seiner Thätigkeit ab. Die Kranken wechselten, die den Tagebüchern einverleibten Ergebnisse blieben. Dank diesen mit unbeugsamer Beharrlichkeit fortgesetzten Rechnungs- Abschlüssen seiner ärztlichen Thätigkeit verfügte Traube mit den Jahren über ein geradezu riesenhaftes Material, das ihm stets zur Hand war, so daß es keines längeren Suchens erst bedurfte. Am raschesten erkannte die militärärztliche Behörde den Werth des Physiologen und Arztes Traube. Hier siegte das praktisch sich fühlbar machende Bedürfniß ziemlich schnell über alle eingefleischten Vorurtheile. Für die Entwickelung Traube's war es von der allergrößten Bedeutung, in die Lehrerschaft des Friedrich-Wilhelms Institutes ausgenommen zu werden. Es hat freilich noch geraume Zeit gedauert, ehe die medicinische Facultät ihm ihre Pforten öffnete, ja Traube war bereits ein Gelehrter und Arzt von Weltruf, ehe er eine ordentliche Professur an der Berliner Universität erhielt, aber das Wichtigste war für ihn erreicht, als er mit jener Lehrthätigkeit an der militärärztlichen Bildungsanstalt auch zugleich eine Anstellung an dem Charitekrankenhause erhielt. In solch einer Stellung als Lehrer und als Hospitalarzt erblickte er das Ziel seiner Wünsche; in der genauesten Erfüllung dieser Pflichten sah er seinen eigentlichen und höchsten Lebensberuf. Wer das geistige und das sittlichernste Wesen dieses Mannes kennen lernen wollte, der mußte ihn als Lehrer am Krankenbette im Hospital beobachten. In diesem hohen Berufe ging er mit allen Fasern seines Denkens und seines Könnens auf. Darum fand er des Lehrens auch kein Ende. Fast regelmäßig wurde die angesetzte Zeit von anderthalb Stunden um ein Beträchtliches überschritten, sehr häufig wurden drei Stunden und darüber. Endlich blickte

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