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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 719

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 719 (sequence 13)
Language
German
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719 __ Jeuilleton. (Erinnerungen nn £nbtuig Traube. Möglichkeiten der irrthümlichen Auffassungsweise erörterte, Unsere Leser wissen, daß wir cs als eine besondere den physiologischen Zasammenhang der Erscheinungen am Aufgabe dieser Zeitung betrachten, hervorragenden Verdienst- Krankenbette aufwies und die Kontrolle durch den wissenvollen Persönlichkeiten unserer Religion, auch wenn sie einer schaftlichen reinen Versuch heranzog, da zeigte sich die Ele- Lebensthätigkeit angehörten, die nicht Gegenstand unseres ganz seines Geistes im vollsten Maße. Der Vortrag, so Blattes ist, aber sich durch edle und erhabene Charakterformlos derselbe an sich auch sein mochte, offenbarte alsdann eigenschasten auszeichncten, einen Platz hier einzuräumen, : die ganze Schönheit eines Kunstwerkes, die ja doch in nichts und so der Nachwelt das zu überliefern, was sie an sittlichen anderem zu suchen ist, als in dem harmonischen Zusammen- Tugcndcn, an wahrhaft humanen Vorzügen in ihrem Leben stimmen aller Einzellheile. Immer kam es ihm nur ganz bethätigt hatten. Wer die bisherigen Jahrgänge unserer ausschließlich auf die Sache an. Dies Streben nach sach- Zeitung durchmustert, wird gewahren, daß wir bereits einen licher Wahrhaftigkeit ging so weit bei ihm, daß er sich fast reichen Schatz solcher Charaktere, hervorgegangen aus dem niemals dazu entschließen konnte, irgend eine Einzelunter- Schooße unseres Stammes, aus den mannichfaltigsten Lebenssuchung für beendet zu erklären. Es ließe sich am Ende kreisen, angesammelt haben, und hierbei die Vorsicht beodoch noch entweder ein Einwand gegen das Ergebniß oder bachteten, wo es möglich war, die Schilderungen aus christeine Lücke, eine Unvollkommenheit in der Beweisführung, in lichen Federn vorzuziehen, um dem Borwurf der Parteilichkeit der Versuchsmethode ausfindig machen. Aus diesem Grunde zu entgehen. So stehen wir denn auch nicht an, einige Erist Traube sein ganzes arbeitsreiches Leben lang nie dazu innerungen an Ludwig Traube, den großen Arzt und kligekommen, ein zusammenhängendes Buch zu schreiben. Er nischen Lehrer in Berlin, in den Hauptzügen wiederzugeben, verfaßte experimentelle Beiträge zu dem einen oder anderen welche ein Herr I. K. in der „V. Z." jüngst veröffentlicht Kapitel der Physiologie, er schrieb klassische Krankengeschichten, hat, diejenigen nämlich, die sich weniger auf seine von derber brachte gewiffe Untersuchungsweisen sowohl am lebenden Wiffenschaft anerkannten Leistungen, als vielmehr auf seinen! Thierkörper, als am erkrankten Menschen zu großer Voll- Charakter beziehen. Es muß uns dies hier um so mehr kommenheit, und seine Beobachtungen waren von einer nicht intcresnren, als Ludwig Traube gerade als Jude die zu überbietenden Treue und Zuverlässigkeit. Diese unermüdschwersten Hinderniffe auf seiner Laufbahn zu überwinden liche Hingabe an den zu erforschenden Gegenstand, und als hatte, als Jude die vielfachsten Hintansetzungen erfuhr und solchen betrachtete er zunächst jeden, auch den unscheinbarsten erst spät zum vollen Ziele gelangen konnte. Es heißt nun Krankheitsfall, zeichnete ihn in so hohem Maße vor vielen in der gedachten Schilderung: ' seiner Fachgenossen aus. Er ging ordentlich mit einer ge- „Die braune, kurzhaarige, ungescheitelte Perrücke auf! wissen Leidenschaftlichkeit des Verstandes darauf aus, nur dem schönen, breitausladenden Kopfe, zwei mächtige Wattedas zu sehen, was vorlag und nichts zu der gegebenen Er bäuschc in die Ohren gestopft, die Hände in die Rocktaschen scheinung hinzuzuthun. Erst dann, sobald diese festgestellt, gesteckt, ein wenig schlotternd gehend, so steht er in unserer das heißt in allen ihren Theilen beschrieben war, begann Erinnerung vor uns, der große Kliniker und unverdrossene für ihn die logische Operation der Schlußfolgerung. Hierbei Lehrer Ludwig Traube. Er war ein Oberschlesier von Gekannte seine Vorsicht, die aber keineswegs aus einem Gefühle burt, der schon mit dem ersten gesprochenen Worte jedem von Aengstlichkeit entsprang, keine Grenzen. „Die Natur ist Dialektkundigen seine Heimath verrieth. Er sprach eben ein eine listige Gegnerin", pflegte er zu sagen, „die uns überall unverkennbares „ Schlä'sch" und diese gemüthliche, läßliche zu umgarnen sucht, wir dürfen uns aber von ihr nicht täu- Redeweise paßte vortrefflich zu dem ganzen Wesen des Herrschen lassen. Wir müssen sie durch schlau an sie gerichtete lichen Mannes. Eine echte Gelehrtennatur, zeigte er eine Fragen umstellen." Wenn aber trotz aller aufgewandter fast an das Naive streifende Gleichgiltigkeit gegen alles bloße, Mühe, trotz alles Scharfsinns die Probe aus die Rechnung Formenwesen und von der eleganten weltmännischen Art der nicht stimmte, der diagnostische Jrrthum entweder am Leichenvielbeschäftigten Aerzte in großen Städten hatte er auch nicht s tisch oder durch eine unvermuthete Wendung in dem Krankdie Spur an sich. Eleganz war ihm nur im Wissenschaft-' heitsverlauf erkennbar wurde, da konnte man ihn im tiefsten lichen Sinne eigen; so etwa wie die Mathematiker für ge- Unwillen über sich selbst die Worte ausrufen hören: „da wisse Forscher oder Untersuchungsweisen jenes schmückende sehen Sie, meine Herren, was Einem Alles passiren muß, Beiwort gebrauchen, so ähnlich konnte man auch Traube ei, ei" und schüttelte wie resignirt sein Haupt. Aber gerade einen eleganten Mediciner nennen. Sobald er sich in die in solchen Momenten zeigte sich sein echt wissenschaftlicher Auseinandersetzung eines schwierigen Falles vertiefte, die Sinn, seine unbeugsame Wahrheitsliebe und sein großes kri-

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