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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 718

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 718 (sequence 12)
Language
German
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718 aus welchen Elementen sie besteht. Die Aufhebung der Leibeigenschaft lebt noch im Gedächtniß aller. Der Bauer ist noch immer der freigelaffene Sclave und im Gutsherrn lebt noch immer der frühere despotische brutale Feudale schlimmster Sorte und der russische Bureaukrat ist auch noch der alte» die zweifelhafte „westliche" Civilifation hat sein Gewiffen unberührt gelaffen. Bon einer solchen Gesellschaft ein ausgesprochenes Rechtsbewußtsein, ein Rechtsgefühl zu erwarten, ist natürlich — gewagt. Was auf unsere Gesellschaft aber noch Einfluß hat, ist die europäische öffentliche Meinung, die aber in der Judenfrage auf ihrer Seite ist. Was geht es sie an, daß die besten Männer Europas für die Juden einschreiten und den Antisemitismus verdammen, das sind doch alle verfluchte Liberale, gottlose Revolutionäre, und bei uns ist jetzt Conservatismus und Bigotterie Mode, besonders in den höheren Regierungskreisen, daher ist ein Bismarck weit maßgebender als ein Tiffa und Hofprediger Stöcker als Birchow. Wenn nun diese Commission ausnahmsweise nicht, wie hier bisher üblich war, mehrere Jahre tagen, sondern bald Beschlüffe saffen sollte, so haben wir von ihr nicht viel zu erhoffen, aber doch etwas, denn in der That ist unsere Lage jetzt geradezu unerträglich, die Krawalle und Brandstiftungen, die „temporären Vorschriften" und die verschiedenen beschränkenden Maßregeln der Administration, besonders noch im Schulwesen und im Aufenthaltsrecht, haben buchstäblich das Leben der Juden in Rußland total unmöglich gemacht. Einzelnes und Ausführlicheres behalte ich mir für die Zukunft vor. Petersburg, 18. Oktober. Neueren Ermittelungen zufolge stellt sich die Zahl der durch den Feuerlärm in der Synagoge zu Ziwonka umgekommenen Frauen auf 46; verletzt wurden 50 Frauen. Der Schrecken entstand dadurch, daß das Kleid einer Frau in Brand gerieth. Bonn, 21. Octbr. (Notizen.) Man schreibt uns aus Baden: Am 23. December d. I. begeht der großherzogliche Oberrath Rabb. Willstätter in Karlsruhe seinen 70. Geburtstag und bereiten sich die vielen Freunde und Verehrer des um die Juden Badens höchst verdienten Mannes zu einer würdigen Feier dieses Tages vor. — Am 12. October fand in Stuttgart das nochmalige Schwurgericht über den Raubmord statt, welchen ein Götz an dem Israeliten Jesajas Wertheimer von Breiten verübt halte. Dieser Mord, aus Gewinnsucht und mit der empörendsten Kaltblütigkeit vollbracht, hatte zur Zeit viel Aufsehen gemacht. Das Schwurgericht hatte den Götz zum Tode verurtheilt, aber das Reichsgericht wegen mangelhafter Fragestellung aufgehoben. Das Ergebniß der neuen Verhandlung war aber dasselbe. Das Verdikt des neuen Schwurgerichtes lautete bejahend und das Urtheil auf Todesstrafe. — Aus Prag wird uns geschrieben: Vor dem diesjährigen Neujahrsfeste wurden hier vier theils vergrößerte, theils renövirte Synagogen — darunter auch die berühmte Alt-Neu-Synagoge — durch den Oberrabbiner M. Hirsch feierlich eingeweiht. Aus Pest wird geschrieben: den 14. d. M. feierte das greise Ehepaar Wolf und Marie Weiß, geb. Schönberger in voller Rüstigkeit die goldene Hochzeit. — Ein geraubter Judenknabe. Man schreibt der „Wr. Allg. Ztg." unter dem Gestrigen aus Preßburg: „Ein junger Kaufmann aus Wien hörte gestern Nachts auf dem Dampfschiffe, welches sich auf der Fahrt von Budapest nach Wien befand, ein schmerzliches Weinen. Er verfügte sich mit dem Kapitän in den unteren Schiffsraum und fand dort inmitten einer Truppe wildaussehender Zigeuner einen Knaben von prononcirt jüdischem Aussehen, der in Folge der Drohungen, welche die Zigeuner gegen ihn ausstießen, laut weinte. Auf die Fragen des Kaufmannes wagte der Junge, von den Blicken der Zigeuner eingeschüchtert, nicht zu antworten, bis noch mehrere Paffagiere hinzukamen, welche nun vereint in ihn drangen und ihm versicherten, daß er nichts zu fürchten habe, man werde ihn vor dem Zoru der Zigeuner schützen. Der Knabe machte nun die Mittheilung, daß er Samuel K. heiße, der Sohn des Trencsiner Bäckers sei und von den durch Trencsin ziehenden Zigeunern vor einigen Tagen seinen Eltern gestohlen wurde. Die Zigeuner hatten gedroht, ihn über Bord in die Donau zu werfen, wenn er verrathen würde, daß er nicht zu ihnen gehöre, deshalb hatte er laut geweint. Der Knabe befand sich in sehr herabgekommenem Zustande. Er war halb nackt, bloß mit einigen Lappen bekleidet und am Körper mit Striemen bedeckt. Bei ihrer Ankunft in Preßburg wurden die Zigeuner verhaftet. Sie leugnen, den Knaben geraubt zu haben, und behaupten, ihn auf der Straße gefunden und aus Mitleid mit sich genommen zu haben. Der Knabe wurde von mitleidigen Leuten bekleidet und wird morgen mit seinem inzwischen verständigten Vater die Heimreise antreten." — Aus Karlsruhe, 18. Oct., schreibt man der „Frkf. Ztg.": Allgemeines Aufsehen erregt in hiesigen, speciell israelitischen Kreisen das plötzliche Verschwinden von Isidor Schweizer, der seit Jahren Kassircr von verschiedenen Wohlthätigkeits- Stiftungen war. Die Defraudation soll 62,000 Mark betragen. Heute ging das Gerücht, Schweizer habe sich durch Ertränken in dem Rhein den Tod gegeben.

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