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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 716

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 716 (sequence 10)
Language
German
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716 beantragte daher die Verweisung au das ordentliche Gericht. In diesem Sinne wurde auch das Urtheil gefällt. Im Zalaer Komitat, in Zala-Lovö, gährt es noch immer. In der verfloffenen Nacht wollte ein Volkshaufe gegen genannten Ort ziehen, wurde aber von den Zala-Patkaer Insassen zurückgedrängt. Mehrere Ortschaften des Komitats sind bereits von Militär ganz entblößt. Die Akten im Tißa-Eßlarer Proceß sind endlich bei der k. Tafel eingelangt. Die Landes-Antisemitenpartei, bestehend aus den Abgeordneten Geza Onody, Georg Szell, Jvan Simony und Viktor Jstoczy, hat ihr Programm festgestellt und an die Zeitungen versendet. Das Programm umfaßt mehrere Punkte, aus welchen wir folgende anführen: Vernichtung der Macht der Juden; eine entsprechende Agrarpolitik; Beschränkung der Gewcrbesreih"it und der Wechselfähigkeit; Revision des Strafcodex; Ablösung des Regals durch die Gemeinden; Uebertragung der Führung der jüdischen Matriken an die administrativen Behörden; Ablehnung des Gesetzentwurfes über die Ehe zwischen Juden und Christen. Pest, 10. Oktober. So müssen alle unsere Feinde durch ihr eigenes Handeln zu Schanden werden! Der Unparteilichkeit wegen geben wir hier einen Artikel, nicht unsers eigenen Correspondenten, sondern der „Boss. Z." wieder: „Der Berhovay-Spektakel ist Tissa in mehr als einer Beziehung sehr gelegen gekommen. Der Redacteur des Hcpphepp-Blattes „Függetlenseg" (Jndependance), Julius Berhovay — übrigens auch ein berüchtigter Raufbold, der in einem Duelle beinahe mit seinem Leben gezahlt hätte — gehört als Abgeordneter jenem Antisemitenclub der äußersten Linken an, dem der Minister mit den Worten den Handschuh hingeworfcn: er werde bezüglich der Judenexcesse nicht blos die verführten Tumultuanten verfolgen, sondern auch die intellectuellen Urheber selbst unter dem Deckmantel der Reichstags-Immunität zu treffen wissen. Als einem Mitgliede jener radicalcn Fraction, die in der Beilegung des kroatischen Zwistes eine Verletzung der nationalen Ehre und die ungarische Tricolore wie einen Fetzen mit Füßen getreten erblicken, gilt Berhovay, mehr noch als den unversöhnlichen Starrevicianern in Agram die pathetische Drohung Tissa's, jeden Berhctzcr der Nationalitäten zerschmettern zu wollen. Es konnte dem Conseilpräsidenten also kaum etwas Angenehmeres passiren, als daß Chauvinismus und Antisemitismus in der Person eines ihrer unsympathischsten und brutalsten Vertreter sich selber an's Messer liefere. Eine Verfolgung wegen seiner publicistischen Haltung hätte Berhovay in den Augen Vieler zum Märtyrer gestempelt; die schon jetzt vollständig erwiesene Anklage wegen Unterschlagung fremder Gelder aber isolirt ihn selbst unter feinen besten Freunden und macht ihn in der journalistischen wie in der politischen Arena für immer unmöglich; hat doch sein Intimus, der Abgeordnete Kanjathy, der die Cautton für den „Függetlenseg" mit 10,060 Fl. stellte, dieselbe bereits zurückgezogen, so daß die Zeitung wahrscheinlich eingehen muß. Das wäre in fachlicher wie in persönlicher Beziehung ein großer Triumph der Regierung, ohne daß sie einen Finger zu rühren braucht. Oberstaatsanwalt Kozma setzt die Campagne fort, die er in Nyiregyhaza gegen die Antisemiten begonnen, und nimmt Revanche für die Unbill, die ihn in jenem Proceffe widerfahren, aber lediglich als Vertreter einer Criminalklage. Der greise Paul Saassieh, langjähriger Reichstagspräsident, hat bereits erklärt, daß von den 2700 Fl., die beim „Függetlenseg" für die Csango-Magyaren und deren Ueberfiedelung aus der Bukowina nach Ungarn eingegangen, nur 550 an ihn, als Obmann des betreffenden Comitss, abgesühtt find. Die Fanfaronade Berhovay's, der Rest stehe jeden Augenblick zur Verfügung, hat sich als Lug und Trug erwiesen. Für das Denkmal des verstorbenen Epikers Arany sind von den eingegangenen 800 Fl. nur 150 herausgezahlt; für das Freiheitsdenkmal ist von 600 Fl. kein Kreuzer abgeführt; in einem vierten Falle fehlt jede Rechnungslegung. Mit dem Advokatenkniffe, es bestehe kein Gesetz über die Frist, in der solche Sammlungen geordnet werden müßten, wird Berhovay kaum den Kopf aus der Schlinge ziehen, wenn er auch bis jetzt, seiner Jmmunttät wegen, nur noch als Zeuge gegen seinen eingesperrten Bruder Ludwig vernommen wird. Vollends verächtlich macht ihn die Art, wie er diesen preisgiebt; er selbst habe sich wegen Kränklichkeit nicht um die Verwendung der eingelaufenen Gelder, welche die Administration verbraucht, kümmern können." Prag, 18. Ottober. Das Unterrichtsministerium hat an Professor Rohling gleich nach Veröffentlichung seiner ersten antisemitischen Schrift die Ermahnung gerichtet, in einer derartigen Schreibweise seine Agitatton nicht fortzuführen. Da vr. Rohling in seiner jüngst in Paderborn erschienenen Broschüre in der gleichen Manier schrieb, hat das Unterrichtsministerium den akademischen Senat der deutschen Universität beaufttagt, gegen vr. Rohling die Disciplinar-Untersuchung einzuleiten. Der akademische Senat hat in seiner letzten Sitzung zu diesem Zwecke ein aus den Profefforen Rulf, Peter und Ulbrich bestehendes Comit« zur Stellung der bezüglichen Anttäge gewählt. Szegedin, 14. Ottober. Bekanntlich hat Kaiser Franz Joseph in diesen Tagen die Stadt Szegedin besucht, welche vor einigen Jahren von einer furchtbaren Ueberschwemmung theilweise zerstört worden und jetzt wieder völlig hergestellt ist. Bei dieser Gelegenheit hatten viele Deputationen Audienz beim Kaiser. Der Deputatton, welche Herr Rosa, Advokat und Präsident der israelitischen Gemeinde, führte, antwortete der Kaiser wie folgt: „Es gereicht mir zur Zufriedenheit, zu

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