Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1883)
- Date
- 1883-10-30
- Page
- Seite 715 (sequence 9)
- Language
- German
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715 Ortes zu verfügen haben. Ob dieser Versuch gelingen wird, steht noch dahin. Es ist eine bezügliche Anfrage an den Senat in der Bürgerschaft gestellt worden, die Antwort aber! noch nicht erfolgt. — Eine Leiche wurde nach Wandsbeck; übergeführt, doch durfte in Folge des Verbotes des dortigen Magistrates das nicht wieder geschehen. Das ganze Gebühren jener Leute und des Rabbiners an der Spitze erzeugt natürlich ärgerliches Aufsehen, und würde anderswo gewiß noch viel unangenehmer empfunden werden. Es ist nicht anders j möglich, als daß diesen Leuten ganz das Urtheil über den Eindruck mangelt, den ihr Gebühren in -er Außenwelt ’ hervorbringt. 8.; Bielefeld, 22. October. (Privatmitth.) Die in der Conferenz der „Unterstützungscasse des Vereins isr. Lehrer für Westfalen und die Rheinprovinz" zu Essen am 13. Mai o. beschlossene Abänderungen der Statuten sind, nach einer eben eingegangenen Mittheilung der Oberpräsidien beider Provinzen, durch die Minister des Innern und der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten bestätigt worden. Nachdem das neue Statut, welches sofort in Kraft tritt, gedruckt sein wird, soll dasselbe durch den Unterzeichneten an alle Mitglieder des Vereins und andere Interessenten, soweit deren Adressen bekannt sind oder bekannt gegeben werden, zur Versendung gelangen. S. Blumenau. Oesterreich-Ungarn. Pest, 16. Oktober. Daß eine große Anzahl der antij semitischen Agitatoren zugleich unsittliche, ja verbrecherische! Menschen sind, hat sich bereits in mehrfachen Beweisen bei stätigt. Jetzt bringt ein Telegramm Folgendes zur össent-! lichen Kenntniß: Gegen den Redacteur der „Függetlenseg",' Julius Verhovay, und dessen Bruder Ludwig Verhovay ist! wegen Verdachts der Unterschlagung der durch das gedachte Blatt für die Csangos gesammelten Gelder strafrechtliche Untersuchung eingeleitet worden. — Bekanntlich ist dieser Verhovay einer der gewissenlosesten Antisemiten und sein Blatt eine Kloake des Hasses und der Lüge, wie sie in diesem Umfange noch nirgends besteht. Das Nähere über diesen Vorgang wird folgendermaßen berichtet: Die Einleitung der strafrechtlichen Untersuchung gegen den magyarischen Deputirten uud Redacteur Berhovay ist ein schwerer Schlag für den Antisemitismus in Ungarn. Die Skandalaffaire, um die es sich handelt, ist folgende. Bor einiger Zeit wurden in Ungarn große Sammlungen für die aus der Bukowina eingewanderten Csango- Magyaren veranstaltet. Auch das Organ der äußersten Radicalen, der von Verhovay .redigirte antisemitische „Függetlenseg", veranstaltete Sammlungen. Bei der Staatsanwaltschaft lies nun vor Kurzem die Anzeige ein, daß der „Függetlenseg" von den für die Csangos gesammelten Geldern nur einen Theil abgeliesert habe, dagegen den größten Theil seit fünf Monaten unrechtmäßigerweise zurückbehalte. Eine genaue Revision der Bücher des „Függetlenseg" ergab Folgendes: Der „Függetlenseg" hat etwa 27,000 Fl. gesammelt und thatsächlich nur 550 Fl. abgeliesert. Die fehlenden Gelder wurden theils zur Begleichung der Druckerrechnung, theils zur Tilgung anderer Schulden des genannten Blattes verwendet. Der jetzige Aufenthalt des Deputirten Julius Berhovay ist noch nicht ermittelt worden; inzwischen ist sein Bruder Ludwig, der bei der Veruntreuung betheiligt zu sein scheint, verhaftet worden. — Wir haben bei der Nachricht von der Bildung eines parlamentarischen Anrisemitenclubs sofort geäußert, daß dies wieder eine Aufbauschung eines an sich unbedeutenden Vor-! gangs sei. Wir werden hierin durch folgende Mittheilnng; bestärkt: j Das vom reichstäglichen Antisemitenclub entworfene! Parteiprogramm umfaßt folgende Punkte: Es ist Ausgabe der Partei, die Macht und den Einfluß der Juden aus poli-! tischem, socialem und wirthschaftlichem Gebiete zu neutrali-! siren. Im Sinne dieses Grundprincips ist die Schaffung! aller jener Institutionen zu fördern, die zur Verwirklichung des gesteckten Zieles geeignet erscheinen. Solche sind: Eine richtige den nationalen Interessen entsprechende Agrarpolitik, welche die Interessen der grundbesitzenden und landbauenden Klasse vertheidigt; Einschränkung der Gewerbefreiheit, Jnslebentreten obligatorischer Gewerbsgenossenschasten unter Beobachtung des Befähigungsnachweises; Beschränkung der Wechselfähigkeit; Revision des den Juden günstigen Strafgesetzbuches und Einführung der Schwurgerichte in Strafsachen; Wiedereinführung des rituellen Eides vor dem Schwurgerichte in Strafsachen; Ablösung des Schankregals zu Gunsten der Gemeinden und Ausschließung der Juden vom Schankrecht; der Gesetzentwurf betreffend die Ehen zwischen Juden und Christen ist abzulehnen; zur Verhinderung des Zuströ- I mens der Juden ins Land ist eine entsprechende Modisication z des Heimathgesetzes anzustreben. Der'Aufruf ist von Simony,! Onody, Szell und Jstoczy unterzeichnet. Es stellt sich Inunmehr heraus, daß die Partei, von welcher das! Manifest ausgeht, außer den vier Unterzeichnern! bis jetzt keine Mitglieder zählt. Pest, 17. Oktober. (Privatmitth.) Bor einigen i Tagen fand vor dem Standgerichte in Kaposvar die Ber-! Handlung gegen die bei den am 26. August l. I. stattgefun-! denen Judenkrawallen des Raubes angeklagten Gyekenyeser Insassen, drei vermögenslosen Bauern, einen Schweinehirten! und einen Feldhüter, statt. Alle leugneten entschieden. Der j Staatsanwalt brandmarkte die Vorgänge, fand jedoch keinen; genügenden Thatbestand für ein standrechtliches Urtheil und 44