Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1883)
- Date
- 1883-10-30
- Page
- Seite 714 (sequence 8)
- Language
- German
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714 scheu Fortschrittes hochzuhalten, damit das Volk der Denker tion, um die Errungenschaften einer Cultur, an der unsere nicht dereinst in dem Streben nach den höchsten Idealen Väter mit hehrem Eifer gearbeitet haben und die wir Epivon den übrigen Culturvölkern überholt und in den Schatten: gonen nicht untergehen lassen dürfen durch die furchtbaren gestellt werde. Man muß sich klar darüber werden, daß es und gefährlichen Waffen politischer und intellectueller, ethiin dieser Bewegung nichts mehr und nichts weniger gilt, scher wie geistiger Reaction." — als einen Kampf um die höchsten idealen Güter unserer Na-, Deutschland. Berlin, 18. October. Die dicht vor uns stehenden Wahlen für die Stadtverordneten-Bersammlung erhalten nach den erbitterten vorangegangenen Kämpfen Alle in großer Spannung. Ein Symptom davon ist folgender Arttkel der „V. Z.': „Bei der sonstigen Aussichtslosigkeit auf Erfolg für die Candidaten der anttsemitischen Partei scheint sich deren ganzer Ansturm auf den Wahlkreis von Ludwig Loewe richten zu wollen; dieser eine Sieg würde ihr allerdings viele Niederlagen aufwiegen! Es haben sich deshalb in den Stadttheilen Alt-Cölln und Friedrichswerder, deren Bürgerschaft sich durch ihre traditionelle Freisinnigkeit einen Namen gemacht hat, Antisemiten, Ulttamontane, Stöckerianer, Zünftler und Rudolph Herzog'sche Hintersaffen, Beamte und Bedienten der Marställe u. s. w., kurzum sogenannte Bürgervereinler vorjähriger und allerneuester Art zu einem Knäuel zusammengeballt, um hier ihr Heil zu versuchen. Um so mehr wird es Sache der unabhängigen, das Wohl der Stadt berückfichtigenden Bürgerschaft von Alt-Cölln und Friedrichswerder sein, für ihren seit 19 Jahren bewährten und immer wiedergewählten Candidaten Ludwig Loewe einzutreten und den alten, unter den schwierigsten Zeitläufen bisher bewährten Ruf auch jetzt auftecht zu erhalten." Zur Aufklärung hierüber diene noch eine Bemerkung, welche Birchow in einer Rede, die er in einer Bertrauensmännerversammlung der Stadtbezirke 31—60 gehalten, macht. Er sagte: „Wer steht uns denn eigentlich als Gegner gegenüber? Etwa eine confervative Pattei? Wahrlich nicht! Nach dieser Bewegung zu uttheilen, giebt es jetzt gar keine conservattve Pattei in Berlin, denn die Bürgerpattei kann man doch so nicht nennen. Wenn diese Gesellschaft die conservattve Pattei des Landes wäre, dann müßten wir sagen, die conservattve Pattei hat abgedankt in Preußen. Die eigentliche conservattve Pattei will doch das Gegebene schützen, jene Leute verlangen Umwälzung auf allen Gebieten. Wir wiffen als Liberale sehr wohl, was uns noch fehlt, aber es jetzt zu erlangen, dazu ist die Zett nicht günstig. Mit dem Ministettum Puttkamer werden und können wir keine Versuche anstellen, um unsere Ziele zu erreichen. Was will die deutsche Bürgerpartei eigentlich? In einem neuesten Flugblatt, das zu Tausenden in Ludwig Loewe's Wahlbezirk vettheilt wird, lese ich an der Spitze die Wotte: Wählt keinen Juden! Das ist die Quintessenz dieser Pattei. Ein größeres Armuthszeugniß konnte sich eine Partei nicht ausstellen, als es in diesem Programm geschehen ist. Mit einer Gesellschaft, die solche Angriffe erhebt, kann ein wirklich conservattver Mann nicht gehen, diese Pattei ist schon vor der Wahl schmählich geschlagen." Rostock, im October. Mecklenburg ist bekanntlich noch immer nicht das Eldorado der Duldsamkeit. So wurde jüngst den Hierselbst wohnenden Katholiken, 224 Seelen zählend, vom Magistrate die Bildung einer öffentlichen Gemeinde und die Erbauung einer Kirche, natürlich aus ihren eigenen Mitteln, untersagt. In einem Proteste beruft sich nun der katholische Pfarrer darauf, daß man Solches den Juden nicht verweigett habe, und der Syndikus des Magistrates der Patron der „Jüdischen Gemeinde" sei. Allerdings giebt dieses Verhalten gegen die Katholiken zu denken. Hamburg, im October. (Privatmitth.) Zwei Tage vor dem Neujahrsfeste wurde der neue Begräbnißplatz der hiesigen deutsch-israelittschen Gemeinde, eine durch eine Hecke abgegrenzte Parzelle des allgemeinen Fttedhofes in Ohlsdorf, eingeweiht, obgleich die Baulichkeiten noch nicht vollendet sind. Da der Rabbiner des Synagogen-Verbandes diesen Begräbnißplatz nicht als dem Gesetze genügend ansieht, so lehnte er natürlich jede Betheiligung an jenem Einweihungsatte ab, und da der Vorstand Bedenken trug, die Prediger des Tempel-Verbandes allein zu demselben heranzuziehen, so wurde er ganz ohne die Mitwirkung von Cultusbeamten vorgenommen. Einige junge Leute sangen hebräische Psalmverse vor und nach der Rede eines Gemeindevorstehers, nachdem die Mitglieder der Beerdigungs-Brüderschaft einen Umzug um den Platz gehalten. Tags darauf fand die erste Beerdigung in der herkömmlichen Weise statt. Inzwischen hat der Rabbiner und die Hand voll Leute, die ihm anhängen, sich weiter bemüht, einen anderen Begräbnißplatz zu finden. Einen solchen hofft man in dem zwei Meilen von hier belegenen Bergedorf zu erlangen, woselbst früher eine kleine jüdische Gemeinde bestand und einen Fttedhof besaß, über welchen zwei noch vorhandene jüdische Einwohner jenes