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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 710

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 710 (sequence 4)
Language
German
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710 „Der Prozeß von Lißa-Eßlar als cullmhißorische Erscheinung." Unsere Leser dürfen sich nicht wundern, wenn wir auf jenen berüchtigten Prozeß dann und wann einmal zurückkommen. Abgesehen von der Wichtigkeit, welche die ganze civilisirte Welt demselben beilegte, indem sie ihm mit größter Spannung folgte und an seinem Ausgang einen allerdings verschiedenartigen Antheil nahm, müsien wir aus ihn zurückkommen, so lange nicht diejenigen Folgen und Wirkungen eingetreten, welche man mit Recht fordern durfte. In Ungarn war das Gegentheil der Fall. Als die Antisemiten sahen, daß sie mit der Entscheidung, welche das Gericht getroffen, ein großes Terrain verloren hätten, suchten sie diese Niederlage durch einen großen Sieg zu überwinden. Sie spannten alle ihre Kräfte und Mittel an, um das Volk zu blutigen Hetzen aufzureizen, und dies gelang ihnen in einigen Comitaten in einem erschreckenden Maße. Ihre Hoffnung war, daß sich diese gräßliche Verfolgung über das ganze Magyarenreich ausdehnen und dadurch die Regierung lahm legen werde, ihr mit entschiedenen Maßregeln ein Ende zu machen. Diese Erwartung ging nicht in Erfüllung. Die Auflehnung gegen alle gesetzliche Ordnung, gegen alle sittlichen und socialen Lebensbedingungen, die entsetzliche Barbarei blieb auf zwei oder drei Comitate beschränkt, in welchen die von jenen organisirte Bande ihren Terrorismus ausübte und natürlich die Hefe des Volkes an sich zog. Die Regierung erwachte aus ihrer Indolenz, machte durch die militärischen Kräfte dem schändlichen Spiele ein Ende und führte einen Theil der Verbrecher, allerdings nur aus den Verführten, vor den Strafrichter. Jndeß war dies doch nur gegen die Aeußerlichkeiten des Vorgangs gerichtet. Bis jetzt hat sich die Energie der regierenden Klaffen weder gegen die Häupter der Verschwörung und ihre allbekannten Agenten, noch gegen die faulen Institutionen gerichtet, durch deren Hülfe die Agitatoren solche Erfolge erreichen konnten und die einschneidender Reform zum Heile des Staates und des Volkes bedürfen. Noch heute sind die Onody's, die Bary's, die Rccski's u. s. w. und die zahlreichen Meineidigen in dem Tißa Eßlarer Prozesse nicht zur Untersuchung gezogen und tragen ihr Haupt hoch wie zuvor. Niemand wird die Sühne für dieses soziale Verbrechen in der Bestrafung einer kleinen Zahl untergeordneter Miffethäter finden, und der Krebsschaden, an welchem der magyarische Staat krankt, frißt ungestört weiter. Man muß abwarten, ob die Entwickelung der Verhältnisse auch hier stärker als die Menschen ist und auch die Magyaren zwingt, aus bloßen Politikern auch wirkliche Staatsmänner und aufrichtige Pfleger des Staatswvhls zu werden. Hieraus stellt sich uns die Nothwendigkeit dar, auf jenen Prozeß immer wieder zurückzukommen, der einen Wendepunkt in dem inneren Staatsleben der Magyaren abgeben müßte, jedoch bis jetzt noch nicht abgegeben hat. Alsolange sind auch die Rechtsprinzipien im magyarischen Staate nicht sicher gestellt, und die Lage unserer dortigen Glaubensgenvffen eine precäre. Ein moderner Staat kann in solcher Verwirrung nicht verbleiben; er muß aus derselben heraus. Dieses Gefühl lebt nicht blos in uns, und so begegnen wir immer wieder in den, dem wahren Liberalismus ergebenen Zeitschriften Artikeln, welche über den gedachten Prozeß ein aufklärendes Licht zu gewinnen suchen. Einen solchen brachte unter obiger Ueberschrift die Berliner „Volks-Zeitung" vom 30. September, verfaßt von vr. Georg Winter. Wir können hier dem Vers, in seinen allgemeinen Deductionen nicht folgen. Er bespricht zunächst das Gefühl der Sicherheit, welches hinsichtlich der Aufklärung und des Rechtsgefühls unserer Zeit sich in den Letzten Jahrzehenden wohlthuend ausgebreitet hatte. „Da belehrte uns das Auftauchen der antisemitischen Bewegung inmitten des regen geistigen Lebens des neuen deutschen Reiches eines Besseren. Mit Einem Male erschienen die Geister der Vergangenheit, welche uns bereits ein Buch mit sieben Siegeln dünkten, völlig entfesselt." Er unterscheidet dann die gegenwärtige Verfolgung der Juden von denen des Mittelalters darin, daß diese in dem religiösen Aberglauben und Fanatismus ihren vornehmsten Stützpunkt hatten, daneben allerdings noch andere Momente, wie z. B. die Tilgung von Schulden; daß hingegen in dem modernen Antisemitismus die volkswirthschaftlichen Interessen in den Vordergrund treten und das religiöse Motiv zwar vorhanden, aber nicht eingestanden ist. Er sagt hierbei: „Die Vermessenheit und Verblendung, ja das Frevelhafte der Handlungsweise jener Führer des heutigen Antisemitismus lag darin, daß sie die Thatsachen in unrichtiger Beleuchtung zeigten, daß sie nur die ihrem Treiben förderlichen Thatsachen hervorsuchten, die entgegengesetzten völlig verschwiegen oder ausdrücklich leugneten." Jene Thatsachen erörtert der Verf. nun weitläufig und zeigt nachdrücklich, wie wenig sie den Behauptungen der Antisemiten entsprechen und zu deren Schlußfolgerungen berechtigen. „Wem das bisher noch nicht klar geworden ist, wer es noch immer nicht begriffen hat, daß diese Bewegung einen Rückschritt um Jahrhunderte in sich schließt, der muß es, wenn er überhaupt noch zu sehen vermag, aus den Consequenzen gesehen haben, welche der Antisemitismus jetzt in Tißa-Eßlar und Nyiregyhaza gezeitigt hat." Von hier aus geht der Verf. auf diesen Prozeß ein, und wir geben hier seine Darstellung wörtlich wieder. Wir thun dies, weil sich solche bedeutsame Auslassungen der Presse in politischen Zeitungen leicht verlieren, während sie sich in diesem für das Judenthum specifisch bestimmten Archive für den künftigen Forscher aufbewahren.

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