Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 709

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 709 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227492--41221-3309682
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

709 wir repräsentiren zugleich eine Arbeiter- und eine Bürger-1stattnndet, aus eigener Initiative solchen Katastrophen vorpartei." (Beifall.) — Mögen die Worte des verehrten Redners sich bewahrheiten. Und hieran schließen wir einige Sätze des Leitartikels, mit welchem die „Boss. Ztg." vom 21. Oktober den Sieg der liberalen Partei, und zwar in besonnenster, gemäßigtster Weise feiert: „Mögen diejenigen, die sich die Aufreizung der einen Klaffe der Bevölkerung gegen die andere zur Aufgabe gemacht haben, sich noch eine Weile in der Glorie ihres Einfluffes sonnen. Die Zeit ist nicht mehr fern, wo man sich fragen wird, wie es möglich war, daß unsere Kulturentwickelung einen so widrigen Auswuchs zeitigen konnte. Aber wo viel Licht ist, da ist viel Schatten, wird man sagen können; und wenn dieser ganzen Bewegung der günstige Wind fehlen wird, der ihre Segel gebläht hat. so wird die ganze Kreuzfahrergesellschaft mit ihrem Bor kämpfer kläglich auf den Strand laufen. Und dann werden wir zuverlässig erleben, was wir im Laufe geschichtlicher Krisen mehr als einmal erlebt haben: die Kampfgenoffen werden ihre Führer und einander selbst verleugnen, und Keiner wird Theil haben wollen am Thun und Treiben des Anderen." Eine abermalige Warnung. Bor einigen Jahren, wie sich unsere Leser erinnern werden, fanden an mehreren Orten die traurigsten Kata strophen in Synagogen statt, in welchen, während des zahl reichst besuchten Gottesdienstes, Feuerlärm, und zwar meist blinder, entstanden war. Die Frauen auf den Gallerien drängten sich zu dem einzigen Ausgang und zu der schmalen Treppe, die ins Freie führte. Schon dadurch fanden schwere Verletzungen und sogar Todesfälle statt, und hierzu gesellte sich, daß die Treppe einbrach, was die schrecklichsten Folgen mit sich führte. Der Warnung, die solche Vorgänge in sich zubeugen. Es geschieht dies ja einfach durch die Herstellung mehrerer, auf die verschiedenen Theile des Gebäudes vertheilten Ausgänge, die so angelegt sein müssen, daß man aus allen Theilen des Gebäudes aufs Leichteste zu einem solchen Ausgange gelangen könne, und in der Vorsicht, daß die Thüren nach außen gehen. Besonders was die Frauengallerien betrifft, so muß jede Gallerie drei Ausgänge haben, je einen an den beiden Enden und einen in der Mitte, und von jedem Ausgange muß eine breite, wo möglich steinerne Treppe hinabführen. Diese Vorsichtsmaßregeln sind unerläßlich und eine Gemeinde, die hierfür nicht sorgt, macht sich der traurigsten Mitschuld theilhaftig. Es ist hier namentlich zu bedenken, daß die Gewißheit, schnell und sicher ins Freie gelangen zu können, jede Gefahr außerordentlich abschwächt und jene Panik verhindert, welche die Hauptursache der Katastrophen bildet. Es ist leider in die Hand jedes Bösewichts gegeben, durch einen in die Synagoge hineingeschrienen Feuerruf den plötzlichsten Schrecken hervorzubringen, der jedoch dann ohne Folgen bleibt, wenn nach allen Seiten hin ein Ausgang möglich ist. Man sollte doch denken, daß eine solche Mahnung nirgends ohne Erfolg bleiben würde, da ja die Vorsteher selbst mit den Ihrigen daran betheiligt sind. Aber die Sorglosigkeit und Indolenz ist bei Vielen so groß, daß alle Vorstellungen wenig ausrichten. Wo aber die Vorsteher hierin lässig bleiben, ist es die Sache der Gemeindemitglieder, auf die nöthigen Verbesserungen zu dringen. Die Kosten dürfen hierbei nicht in Anschlag gebracht werden. Wer eine Synagoge bauen kann, vermag auch die Kosten des Umbaues zu tragen, noch dazu, wo solche Gefahren vorhanden sind. Hierbei gilt das Obige von kleinen Synagogen so gut wie von großen, auch in jenen kann eine ähnliche Gefahr eintreten. Zum Schluffe noch eine Bemerkung. Als im mosaischen Gesetze die Vorschrift gegeben wurde, sechs Freistädte für schließen, wurde selbstverständlich auch in diesem Blatte der eindringlichste Ausdruck gesellt, um die Gemeindevorstände I unfreiwillige Mörder herzurichten, um sie vor dem ..Blutaufzufordern, die nöthigen Einrichtungen zu treffen, damit solche unseligen Ereignisse nicht wieder eintreten könnten. Wir find überzeugt, daß dies nicht ohne Folge geblieben. Jndeß wird aus Petersburg vom 15. Oktober folgendes rächer" zu schützen, wurden diese Freistädte nicht bloß au das ganze Land in ziemlich gleichen Entfernungen vcrtheilt, sondern zugleich anbefohlen, daß die Wege zu diesen Frei städten stets im besten Zustande erhalten werden sollten, um Telegramm veröffentlicht: „In der Synagoge von Zwonka^den Flüchtlingen das Hingelangen zu ihnen zu erleichtern.') in Podolien entstand gestern während des Gottesdienstes in! Dieses leuchtende Vorbild der Vorsicht möge in der hier beder Frauenabtheilung blinder Feuerlärm. Alles drängte in sprochenen Angelegenheit wirksam sein und der Geist des Gesetzes panikartigem Schrecken nach der Thür, wobei 40 Frauen auch hier den Sieg über den Buchstabenglauben erlangen! getödtet und 30 mehr oder weniger verletzt wurden." — jv„c. . JL vo r V* ey ~ .! 1) 5 Mos. 19, 3. Das traditionelle Gesetz bestimmte, daß diese ersieht hieraus, daß auch diesmal dre Frauengaüene Wegx zu den Freistädten 32 Ellen breit und mit Tafeln versehen der Schauplatz des Unglücks gewesen. Wir richten deshalb seien, worauf stand. Ramb. Hilch. Rozeach 8 5 ff. Wie gut noch einmal unsere Mahnung an alle Vorstände jüdischer Gemeinden, namentlich in Ländern und an Orten, wo eine strenge polizeiliche Aufsicht nach dieser Richtung jhin nicht , ^art roort)en! wäre es gewesen, wenn das trad. Gesetz über die Ausgänge aus den Synagogen und namentlich aus den Frauengalerien ähnliche Vorschriften gegeben hätte: es wäre schon manches Menschenleben er- 44*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.