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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-30 · Heft 44 (30.10.1883) · p. Seite 708

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 44 (30.10.1883)
Date
1883-10-30
Page
Seite 708 (sequence 2)
Language
German
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708 da sie diese gemischte Gesellschaft nicht als conservativ gelten lassen." Dahingegen müssen wir hervorheben, daß, wie die Berliner Blätter berichten, die Regierungsbeamten von der untersten bis zur höchsten Klaffe für diese sogen. Bürgerpartei eintraten und in Maffe zur Wahlurne kamen. Es darf dies in der That nicht übersehen werden, sowie daß die Polizei die Kundgebungen der Antisemiten nicht etwa blos in ihren Versammlungen und Flugblättern, sondern auch auf den Straßen in Anheftung von Plakaten und Karikaturen bis auf Aufschriften auf die Trottoirs ruhig gestattete. Wie diese Agitation betrieben wurde, ist in unseren Berliner Berichten besprochen worden. Hier nur eine Episode vom Wahltage her, die sich im Wahlgewühl am Donnerstag in dem Schulhause Niederwallstraße 12 abspielte, wo Ludwig Löwe zur Wahl stand. Die Anttfemiten ließen die bekannten Caricaturen und das Flugblatt „Wählt keinen Juden!" daselbst colporttren. Als ttotz der Aufforderung der Verttauensmänner die anwesenden Polizeiorgane nicht interveniren wollten, schickte man die eorpora delicti zu Ludwig Löwe mit dem Ersuchen, polizeiliche Jnterventton herbeizuführen. Als Antwott erschien vor dem Wahllocale ein großes Plakat mit der antisemitischen Caricatur und Flugblatt und darüber stand mit großen Lettern: „Auf Beranlaffung von Ludwig Löwe niedriger gehängt." Ungeheurer Jubel begrüßte diese Antwort. — Was hingegen die Arbeiterpattei betrifft, so hat sie allen Verlockungen der „Bürgerpattei" den entschiedensten Widerstand entgegengesetzt, den Antisemittsmus mit den schärfsten Wotten veruttheilt und unter ihre Candidaten zwei Juden ausgenommen, so daß von den beiden Sitzen, die sie errungen, der eine dem Juden Singer zufiel. Was nun das Resultat Betrifft, so haben die Liberalen thatsächlich den unbedingten Sieg erlangt. Die erste und die zweite Abtheilung haben nur die liberalen Candidaten gewählt. In der dtttten Abtheilung kamen 22 Liberale durch, 5 von der Bürgerpattei, 2 von der Arbeiterpattei und 13 Stichwahlen stehen in Aussicht, bei welchen letzteren die Liberalen den Sieg erhoffen. Während also bis jetzt 7 Sitze den Conservativ-Antisemitischen gehötten, haben sie jetzt unter den 126 Mitgliedern der Versammlung nur 5. Ebenso wurden die bisherigen jüdischen Stadtverordneten Ludwig Löwe, vr. Straßmann (zweimal und einmal in einer Stichwahl), vr. Neumann, Moses u. A. wiedergewählt. Also das faktische Resultat ist völlig zufriedenstellend. Dahingegen ist es von nicht geringer Bedeutung, daß die Zahl der Wähler auf Seiten der „Bürgerpattei" gegen die früheren Wahlen ansehnlich gewachsen ist. Es versteht sich, daß diese Wähler nicht allesammt gerade als Antisemiten angesehen werden können, da sicherlich sehr viele eben nur Gegner der Fottschttttspartei sind. Aber da sich diese Pattei offen mit den Anttfemiten identificitt hat, so können wir jene Voraussetzung nicht geltend machen. Denn man würde uns entgegnen können, daß auch unter den fottschttttlichen Wählern nicht alle judenfreundlich gesinnt sein werden, aber des Princips wegen für den Fortschtttt gestimmt haben. Die „Bürgerpattei" hat zwar nicht in der ersten und zweiten Abtheilung, wohl aber in der dritten ansehnliche Minotttäten gehabt und will deren Zahl auf 24,000 gebracht haben, während die Fottschtttts- und die Arbeiterpattei zusammen 40,000 zählten. So sehr wir dies in Anrechnung bttngen müffen, und es als kein günstiges Resultat für den in der Berliner Bevölkerung herrschenden Geist ansehen können: so erleidet es doch bei näherer Prüfung eine wohlberechttgte Einschränkung. Bon den 150,000 Wählern der dtttten Abtheilung haben nur 42 Procent gewählt. Da nun die „Bürgerpattei" die höchste Anstrengung machte, alle, die ihr angehören und die von ihr abhängen, zur Wahlurne zu bttngen und in ihren Anhängern einen wahrhaft fanatischen Eifer dafür geweckt hatte, so sind wir berechtigt, alle diejenigen, welche nicht gewählt haben, also 58 Procent, als nicht antisemitisch gesinnt zu bettachten. Es bilden dann die entschiedenen Anhänger der „Bürgerpattei" ein Sechstel der Wähler der dtttten Abtheilung. Bon den Wählern der zweiten Abtheilung kamen über 60 Procent zur Wahlurne. Es wählten 1200 und davon sollen 200, also nur ein Sechstel, der Bürgerpattei angehött haben. Noch erdrückender waren die Majoritäten der liberalen Pattei in der ersten Abtheilung. Es zeigte sich da zweifellos, wie sehr die „Bürgerpartei" in diesen wohlhabenderen und intelligenteren Klaffen keinen Zoll breit Raum besitzt. Das ist charakteristisch für Berlin! Der Kampf ist noch nicht zu Ende, denn die verhältnißmäßig bettächtliche Zahl der Stichwahlen erhält die Parteien in Athem, und wird es an vorbereitenden Kämpfen nicht fehlen lasten. Zum Schluffe wollen wir einige Wotte Virchow's anführen, mit welchen er eine Rede nicht vor, sondern nach den Wahlen in einer am Samstag Abend stattgefundenen Versammlung des liberalen Centtal - Wahlcomitös gehalten, eröffnete. Er sagte: „Der glücklich erkämpfte Sieg ist nicht nur glorreich für Sie, sondern auch eine Ehrenrettung für uns, und wir danken Ihnen dafür im Namen der ganzen Stadt Berlin. Die Antisemiten werden vielleicht gegen diesen allgemeinen Dank protestiren. Aber auch für sie wird der Wahlkampf von Nutzen sein. Sie werden etwas gedemüthigt sein und erkennen lernen, daß diese Agitation zu Nichts fühtt. Berlin hat sich unter dem Schutze seines Königshauses mächtig entwickelt, aber es wäre nicht zu dieser Größe angcwachsen, wenn nicht die fleißige und arbeitsame Bürgerj schaft hinzugekommen wäre. Wir alle find Arbeiter und

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