Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1883)
- Date
- 1883-10-22
- Page
- Seite 696 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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den Antisemitismus und seine scheußlichen Produkte in ihrem Schoße trug und duldete, jenen Zielen nahegekommen sei? Hierbei läßt er sich nicht vom Pessimismus beherrschen und Niederdrücken, sondern weiß sich den höheren Standpunkt zu erhalten , von welchem aus die Dinge, wie sie sind, und wie sie sein sollten, int rechten Lichte gesehen werden. Er geht da mit der Beschaffenheit des Unterrichts und der Rechtspflege , mit dem Dogmatismus und dem Klerus, welche die Ethik verschwinden machen, scharf ins Gericht, ohne jedoch das Maß zu überschreiten und den angemeffenen Takt zu verletzen. Der Vers, versteht dabei seine Darstellung und Betrachtungen mannichfaltig zu beleben und wir wollen als Beispiel hier sein Anfangs- und sein Schlußwort Herstellen. Er beginnt einleitend folgendermaßen: „In meiner Studienzeit hatte ich einst mit einem meiner Mitschüler, einem Armenier, im Gymnasium zu Stanislau folgendes Gespräch: Er: In Folge welchen Andenkens brauchen die Juden Christenblut zum Passachbrode? Ich: Das ist eine infame Verleumdung. Er: Das kannst Du nicht wegleugnen, das ist eine längst bekannte Thatsache, das thun bloß die fanatischen Juden; möglich, daß Ihr Aufgeklärten von diesem Gebrauche selbst gar nicht wisset. Ich: Wie sollte ich, der talmudkundige Jude, jene jüdischen Gebräuche nicht wissen, die sogar Dir, dem talmudunkundigen Christen bekannt sind? Aber sage mir doch, mein lieber Olesio, ist es wahr, daß Ihr Armenier, in Eurer Kirche einen Hund anbetet, zum Andenken an ein Wunder, daß Eure Vorfahren sich einst in eine Wüste verirrt haben, bis ein Hund ihnen den Ausweg gezeigt hat? Er: Ammenmährchen! Ich: Ah, io!" Sein Schlußsatz lautet: „Ich erinnere mich aus meiner Spitalspraxis eines irrsinnigen Juden, mit der Wahnidee, „daß ihn der Teufel hole". Außer den Anfällen wußte der Patient, daß es keinen Teufel giebt, und wußte über Talmud und jüdische Religionsphilosophie sehr intelligenten Bescheid. Während eines seiner Anfälle rief er mir zu: „Doctor! sagen Sie mir, wie das kommt, ich weiß, es giebt keinen Teufel, aber der Teufel holt mich doch?" Diese psychologisch-pathologische Erscheinung rührt daher, daß der Patient in seiner Kindheit viel von Teufelsmährchen hörte und las, und seine Phantasie mit denselben beschäftigte. Im reifern Alter hat sein durch Studien und Erfahrung ausgebildeter Verstand die Nichtigkeit derselben erkannt, und hielt über seinem Denken und seinen Vorstellungen Wache vor Phantasiegebilden. Im Anfälle von Irrsinn hingegen, wo die Einwirkung des Verstandes auf den Geist gehemmt ist, treten die Phantasiegebilde als Wahnvorstellungen in den Vordergrund. Derselben Er-! scheinung begegnen wir in der Völkerpsychologie. Auch die Antisemiten sind momentan von einem Anfalle von Irrsinn! befallen, in welchem die Berstandeskräfte schwanden, und sie > daher von Wahnvorstellungen, von Phautasiegebilden alter! Weiber und Ammenmährchen beherrscht werden. So oft ich an die Menschenliebe, Civilisation und Gleichberechtigung denke, und von Kravallen, Raub und Mord gegen die Juden in Rußland, Deutschland und Ungarn höre, die Rechtlosigkeit der Juden in Rumänien sehe, und Geschmornengerichte die Mörder der Juden freisprechen; wie in Tißa-Eßlar Menschenliebe, Civilisation und Gesetz in der unverschämtesten Weise mit Füßen getreten wurden; so fällt mir der Ausruf jenes Irrsinnigen immer ein: „Ich weiß, es giebt keinen Teufel, der Teufel holt mich aber doch." cL eih ivicj yvi&cij x,vc fi Xcw. 'eutschlam Berlin, 10. October. iPrivatmittheilung.) Man kann! wohl bemerken, daß je länger und je heftiger diesmal der Kampf um die Stadtverordneten-Wahlen währt, der Antisemitismus immer mehr daraus verschwindet und kein irgend bedeutender Factor verbleibt. Hat ihn auch Stöcker, unterstützt von Prof. Wagner und Dr. Jrmer, wieder zu beleben gesucht, so kommt er doch nur noch in den Versammlungen der „Christlich-Socialen" zum Ausdruck. Ueberhaupt bewegt sich der Kampf in den öffentlichen Wählerversammlungen zwischen der Fortschritts- und der sogenannten Arbeiterpartei, und beide stimmen in der Opposition gegen jedweden Antisemitismus überein. Wir haben deshalb glücklicherweise immer weniger aus diesen Versammlungen zu registriren. — Am Sonnabend fand eine Versammlung der Wähler der zweiten Abtheilung aus den Stadtbezirken 1—16 statt. Ein Herr Maliern trat! hier als Candidat auf. Nach längerer Auseinandersetzung! vertheidigte er sich auch gegen persönliche Angriffe, die er Zerfahren. „Man hat gesagt," fährt er fort, „ich sei Antisemit." (Ruse: Ja!) „Ich halte diese Insinuation für ein j billiges Agitationsmittel. Ich habe allerdings zwei Ber- - brechen begangen. Einmal habe ich Straßmann gegenüber candidirt. Das ist wahr, aber kein Verbrechen. Straßmann i war anderswo ausgestellt und ist auch gewählt worden. Kann man es mir verdenken, daß ich auch gewählt sein wollte?