Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1883)
- Date
- 1883-10-22
- Page
- Seite 695 (sequence 5)
- Language
- German
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695 durch Ränke und Beförderung heimlicher Laster die Mächtigen in seine Gewalt zu bekommen. Ihm gegenüber der schon von seinen Zeitgenossen hochgeseierte, anspruchslose, am liebsten in stiller Beschaulichkeit zurückgezogen lebende, menschenfreundliche und für alles Edle und Wahre begeisterte Philo. Es versteht sich, daß sich um diese beiden eine Menge anderer Figuren schaart, und stellt der Autor besonders den Orden der Essener in dessen stiller, aber ausgedehnter Wirksamkeit mit besonderer Vorliebe in den Vordergrund. In Apollos,; dem Sohne Philos, zeichnet er den für Religion und Humanität begeisterten Jüngling, während Tiber, der Sohn des Alabarchen (Vorstehers der nach Hunderttauseuden zählenden alexandrinischen Judengemeinde), des Bruders Philo's, diejenige Classe der jüdischen Jugend vorstellt, welche, gleichgültig gegen die Religion ihrer Väter, dieselbe abschwört, um zu Macht und Standeserhöhung unter den Römern zu gelangen. Bon hier aus entwickelt nun der Perf. den ganzen Antisemitismus, wie er sich auch in unsren Tagen reproducirt hat, seinen Ursprung. Verlauf und Ausgang. Apion ist voll Neides und Hasses gegen Philo, weil er, der soeben in Rom Fiasco gemacht, auch in Alexandrien früher erlangtes Ansehen verloren hat, Philo von Allen gefeiert, geliebt und verehrt sieht, und die Schmach erlebt, daß Philo zum Prä-? sidenten der Alexandrinischen Akademie von den Mitgliedern! derselben gewählt wird. um welche Würde Apion vergebens! candidirt hatte. Diesen Haß überträgt er von Philo auf! alle Juden und macht es sich nun zur Lebensaufgabe, diese! in jeder Art zu schädigen, aus ihrer Stellung zu verdrängen! und möglichst zu vernichten. Träfe er doch hiermit Philo! am schwersten, der mit treuester Hingebung für die intellec-! tuelle, moralische und sociale Hebung seiner Glaubensgenossen! und für die allgemeine Festigung des Rechts und der Humanität arbeitete. Natürlich findet Apion in seinem Vorhaben eine Schaar von Genossen aus ehr- und habgierigen, zu jedem Frevel geneigten Subjecten, namentlich Literaten von verfehlter Carriere, und mit ihnen verbunden beginnt er seine Hetze, indem er durch Reden und Flugblätter den Alexandrinischen Pöbel zu Haß und Verbrechen gegen die Juden aufzuregen und zugleich den übelgesinnten und schlechten Lüsten ergebenen römischen Statthalter Flaccus zu umgarnen sucht. Anfangs treten ihm und seinem Gesindel edelgesinnte und klarschauende Griechen nachdrücklich entsind brodlos und wenden sich nun gegen die griechischen und egyptischen Fabrikherren und Kaufleute, Handel und Gewerbe stocken, Alexandrien ist in seiner ganzen mächtigen Blüthe geknickt; Alles geräth in Zuchtlosigkeit und Auflösung. Ta wird der Kaiser ermordet, Claudius, der einsichtsvolle und feste Kaiser besteigt den Thron der Cäsaren; Flaccus wird gestürzt, internirt und ermordet; der neue Präfekt schasst sofort Ordnung, Sicherheit und Ruhe, und Alexandrien bietet wieder den früheren Anblick, ohne jedoch seine ehemalige Höhe wieder erreichen zu können. Philo und der Alabarch hatten zur Zeit der größten Aufregung die bekannte Gesandtschaft nach Rom unternommen und kehrten! nach großen Mühsalen und Gefahren glücklich in den Kreis ■ ihrer Familien zurück, wo der Erftere in hohem Alter und j in höchsten Ehren starb. Apion irrte durch Griechenland! und Kleinasien umher, überall verachtet und zurückgewiesen, 'ruhelos, von Gewisseusqualen gefoltert, bis er, von scheuß! licher Krankheit befallen, von denen unterstützt und gepflegt, die er so grausam verfolgt hatte, starb. Dies ist im Großen i und Ganzen das Bild, welches der Autor vor uns in zu tressenden und charakteristischen Zügen entrollt. Selbstverständlich mischt er mannigfache Episoden hinein, die das Gemälde beleben. Mit Geschick reiht er Stellen aus Philo's Schriften ein. Wenn die Färbung hier und da etwas weichlich und süßlich ausfällt, so ist er damit über den Charakter des Alexandrinismus nicht hinausgegangen. Wir glauben kaum, ein weiteres Wort der Empfehlung hinzufügen zu müssen. Haben wir Etwas;u bemerken, so wäre es der Wunsch, daß der Verfasser etwas mehr nach Corrcctheit der Sprache gestrebt haben sollte. In der Schnelllebigkeit unserer Zeit unterlassen es gar zu oft die Schriftsteller, eine sorgfältige Feile an ihren Styl zu verwenden, was doch zur Vollendung namentlich eines dichterischen Werkes unumgängi lich ist. — j Zum Schlüsse des heutigen Artikels wollen wir noch! eine ganz vortreffliche Broschüre anführen: Die Menschenliebe, j die Civilisation und die Gerechtigkeit vom Standpunkte der jüngsten Vorgänge in Tißa - Eßlar aus betrachtet. Von Med. Dr. K. Lippe. (Löwy, Wien und Preßburg, 1883.) ' Bei all' den betrübenden Ereignissen der jüngsten Zeit ist es j doch eine erfreuliche Wahrnehmung, in wie vielen edlen,! hochgebildeten Geistern durch jene Vorgänge das jüdische Begegen, die jedoch vor der aufgeregten Volksmasse bald verwußtscin geweckt und erhöht und die Anschauungen über das stummen müssen. So nimmt die wachsende Aufregung ihren Berhältniß des Judenthums zur allgemeinen menschlichen und Verlauf, bis zur Erstürmung der von den Juden lange verzur christlichen Welt, des Judenthums zum Christenthum und theidigten Synagogen, zur Zerstörung der jüdischen Fabriken zur christlichen Kirche geklärt worden. Zu den Ergüssen und Kaufläden, bis zu Mord und Brand, während Flaccus dieses neugeweckten Geistes zählen wir auch die vorliegende und die römische Besatzung diesen Greueln mit verschränkten Abhandlung. Der Vers, geht von der Ansicht aus, daß Armen zusehen. Die Folgen machen sich bald fühlbar. Das Menschenliebe und Gerechtigkeit die eigentlichen Ziele der geplünderte Gut ist bald verpraßt; taufende von Arbeitern Zivilisation sind und frägt nun, wieweit die letztere, da sie