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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. Seite 685

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Date
1883-10-15
Page
Seite 685 (sequence 11)
Language
German
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685 Arbeit für euch noch zwingender ist, als für andere Kinder j eures Alters, denn ihr habt beim Eintritt in das Leben eine doppelte Schuld zu zahlen. Die eine wird euch auf- , erlegt durch euren Namen Franzose, die andere durch eure! Eigenschaft als Israelit. Vergeht es nicht, meine lieben Kinder, daß es Frankreich, daß es die große Revolution von 1769 ist, welche, indem fie der Jahrhunderte langen Knechtschaft eurer Väter ein Ende machte, diese zum Range von Menschen und Bürgern erhoben hat. Und damit die patriotische Dankbarkeit sich in eurem Herzen nicht von der Achtung vor einem großenj Glauben trenne, der von dem eurigen, obgleich er daraus hervorgegangen, abweicht, will ich euch daran erinnern, daß durch die Stimme eines katholischen Priesters, des Abbö Gregoire, der später Bischof von Blois wurde, zum ersten Male der denkwürdige Akt gefordert wurde, der uns zu dem gemacht, was wir sind. Alle Regierungen, die in Frankreich seit beinahe hundert Jahren aus einander folgten, haben ihn gebilligt, haben ihn sich angceignet, haben ihn nach und nach unter der eifrigen Zustimmung unserer politischen Versammlungen vervollständigt, bis von dem Vergangenen nur noch die Erinnerung zurückblieb. Also nicht nur der Generation, welche die Revolution gemacht hat, sondern ganz Frankreich gebührt euer Dank. Frankreich müßt ihr lieben wie eine Mutter, weil es euch zu Kindern des socialen Lebens gemacht hat, ohne welches das natürliche Leben ohne Würde und ohne Werth ist; diesem Frankreich müßt ihr eure Intelligenz und eure Kräfte widmen; für dieses müßt ihr leben, und zu sterben bereit sein. Das ist im Wesentlichen die Schuld, die ihr übernom-! men, als ihr als Franzosen geboren wurdet. Jetzt kommt diejenige, deren ihr euch als Israeliten zu entledigen habt. So fern ihr, glücklicher Weise für euch, den tausenderlei! Gerüchten steht, die täglich in der Presse erscheinen, so habt ihr doch von dem antisemitischen Kriege sprechen hören, welchen ein Hosprediger, sehr verschieden von dem Abb« Gregoire, in Deutschland entfesielt hat, und von den Ausbrüchen des Haffes, von den Mord- und Plünderungsscenen, deren Opfer unsere Glaubensgenoffen in Rußland, Polen, Ungarn und anderswo geworden. Ihr werdet den Unterschied bemerken, der zwischen den Verfolgungen von heute und denen von ehemals besteht. Die Verfolgungen von ehemals, besonders diejenigen im Mittelalter, wandten sich an den Glauben der Israeliten, an ihren reinen Monotheismus, an ihr Verharren in einem Kultus, den man von der göttlichen Mißbilligung betroffen glaubte. Die Verfolgungen von heute greisen ihre Raffe an, ihren Stammbaum, das Blut, das in ihren Adern fließt. Die ersteren hatten ein religiöses Motto, ohne Zweifel aus einer wenig aufgeklärten Frömmigkeit entspringend, das aber doch immer eine gewisse Art Nachsicht forderte. Die jetzt an ihre Stelle getreten, sind, wenn ich so sagen darf, aus der Naturgeschichte gezogen und vertragen sich mit dem Atheismus. Sie entspringen aus einer ähnlichen Antipathie, wie sie zwischen gewissen thierischcn Rassen besteht. Das ist in der That die einzige Deutung, welche man dem Worte Antisemitismus geben kann. Er will sagen: Ihr stammt von Sem, wir stammen von Japhet; ihr seid durch euren Ursprung Hebräer, wir sind Germanen, Magyaren, Slaven; also ihr habt alle Laster und wir haben alle Tugenden; ihr könnt in der Gesellschaft, die wir bilden, keine Mitglieder werden, ihr wart und werdet imnier deren Plage sein; deshalb haben wir gegen euch alle Rechte, welche uns der Selbsterhaltungstrieb giebt, das Recht der Ausrottung nicht ausgenommen."! Die Ansicht, aus der man diese barbarischen Schlüsse; zieht, die Vorstellung, die man sich von der semitischen Rasse macht, findet ihre Widerlegung in der Geschichte der civilisirtesten Völker der Erde; denn gerade die semitische Rasse hat diesen Völkern ihre Religion und ihre Moral gegeben. Sie gab ihnen die Bibel, sie gab ihnen die Propheten, sie gab ihnen die Apostel, und selbst den Stifter des Chriftenthums. Sie gab ihnen eine lange Reihe von Denkern, von Philosophen, von Gelehrten, von Künstlern, Schriftstellern, : Industriellen. Zu allen Zeiten hat sie sich mit den Nationen verschmolzen, welche für sie ein wenig Toleranz und Gerechttgkeit gezeigt haben. Aber nirgends hat sich dieses Werk der Verschmelzung schneller und vollständiger vollzogen, als im Schoße unseres vielgeliebten Frankreichs seit der Erthcilung dieser neuen zehn Gebote, welche die Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers heißt und die nichts anderes ist, als ein beredter Commentar derjenigen, welche unsere Väter am Fuße des Sinai gehört haben. Ueberblickt alle öffentlichen und privaten Karrieren, in denen man nur durch die Arbeit, das Studium, durch die Ausdauer, die Moralität, die Uneigennützigkeir, die edlen Ueberzeugungen und warme Hingabe vorwärts kommt, ihr werdet dort eine große Anzahl eurer Väter und älterer Brüder finden, eine Zahl, die sicher diejenige des numerischen Verhältnisses übersteigt. Ich will Niemanden anführen, ich will keine Profession besonders be- ' zeichnen, denn wenn ich anfinge', weiß ich nicht, wann cs mir erlaubt wäre, aufzuhören. Ueberdies ist dies nicht nöthig zu der Lehre, welche ich daraus für euch ziehen will und die sich in einigen Worten zusammenfassen läßt.; Es ist nicht genug, meine lieben Kinder, daß das anti- - semitische Borurtheil durch die Werke eurer Vorfahren, durch die eurer Väter und älteren Brüder glänzend widerlegt worden, durch eure eigenen muß es dies auch werdencs ist nöthig, daß der Erweis der Prinzipien, unter deren Schutz wir leben und welche unser Vaterland ebenso gut wie unsere Raffe emancipirt haben, fortgesetzt werde ohne Unterbrechung, 42*

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