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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. Seite 683

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Date
1883-10-15
Page
Seite 683 (sequence 9)
Language
German
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683 müsse aber sagen, daß man mit Recht die Bürgerpartei für die schmählichen Angriffe auf die Fortschrittspartei verantwortlich machen könne. Herr vr. Jrmer werde wohl nichts dagegen haben, daß Stöcker sein lieber guter Freund sei, und werde auch eingestehen müssen, daß die Ausdrücke desselben nicht die eines Gentlemans wären. Der gewöhnlichste Arbeiter werde solche Ausdrücke, wie Stöcker sie gebraucht, verschmähen. Tief bedauerlich bleibe es, wenn Leute von solcher bürgerlichen Stellung, wie die des Herrn Hofpredigers, sich zu Ausdrücken wie Judenlümmel oder Judenbengel erniedrigten. (Zuruf: Im christlich-socialen Volksblatt sind Görcki und Genossen eine Zigeunerbande genannt worden.) Redner geht dann auf das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht ein. Herr Singer bemerkt gegen Herrn vr. Jrmer, daß der deutschen Bürgerpartei die Trauben wohl zu hoch hängen. Zustände wie in Ungarn wollten die Arbeiter nicht herbeiführen. Die Gegensätze beruhten nicht in der Rassenverschiedenheit, sondern in der Verletzung der Rechte des Arbeiters durch das Kapital, ganz gleich ob jüdisches oder christliches." — Aus allen diesen Versammlungen und den darin fallenden Aeußerungen müssen wir entnehmen, daß der Antisemitismus aus Berlin noch nicht verschwunden ist, jedoch keine Kraft mehr besitzt, um irgend welchen kleinen oder großen Sturm zu erregen. Alteukunstadt (Bayern), 6. Oktober. (Privatmitth.) Seit Jahren mußte es das Herz eines jeden Glaubensgenossen mit Wehmuth erfüllen, wenn er die einst großen und blühenden jüdischen Landgemeinden in unserer Gegend sich auflösen sah. So hat sich die jüdische Gemeinde Redwitz, welche einst 4t) Mitglieder zählte und einen eigenen Rabbiner hatte, den gelehrten Gutmann, welcher auch in der literarischen Welt durch seine in Geiger's Zeitschrift veröffentlichten Aufsätze über die Leviratsehe einen Namen sich erworben hatte, fast ganz aufgelöst. In Maineck, in Mitwitz, Horb wohnt noch eine jüdische Familie. In Oberlangenstadt und Rüps ist auch eine bedeutende Reduktion der Gemeindemitglieder eingetreten. Um so erfreulicher ist es nun. Ihnen berichten zu können, daß in Kronoch, einem Städtchen von 4000 Einwohnern, sich eine jüdische Gemeinde neu constituirt hat. Vor einem halben Jahre hat die Gemeinde einen Lehrer engagirt und den Grund zum Neubau einer Synagoge gelegt. — Freitag, den 5. Oktober fand die feierliche Einweihung derselben statt. Sämmtliche Behörden der Stadt waren zu derselben erschienen. Herr Rabbiner vr. Flaschner in Burgkunstadt hielt die Weihrede. Sein Thema war: Was suchen wir in einem Gotteshause, was soll es uns bieten? Die Antwort auf diese Fragen gab der Redner mit den Worten: I) Die Wahrheit — die Wahrheit in Gott, vor Gott und vor den Menschen; 2) die Liebe — die Liebe Gottes zu uns (Gnade), die Liebe zu Gott und den Nebenmenschen. Die Gesänge wurden trefflich executirt, einen ergreifenden Eindruck machte das vom Lehrer Geßlain (Christ) componirte und unter seiner Direktion vorgetragene „Ma tobu" auf die Zuhörer. Auch die Piece aufs „Elias" von Mendelssohn wurde sehr schön von dem Chore, bestehend aus christlichen Lehrern Kronachs, gesungen. Dieses friedliche Zusammenwirken der Confesfionen zur Verherrlichung einer solchen Feier hat gewiß etwas Erhebendes und Tröstendes, für die Zukunft Beruhigendes. Nord Häuser, Lehrer. Oesterreich-Ungarn. Wien, 5. Oktober. (Privatmitth.) Aus dem 22. Jahresberichte des „Vereins zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studirender" in Wien hebe ich folgende Notizen heraus: Die Zahl der ein gelaufenen Gesuche betrug im abgelausenen Studienjahre 43s, von welchen wir jedoch nur 296 berücksichtigen konnten, und zwar 145 Studirende der Medicin, 61 Hörer der Rechte, 11 Hörer der Philosophie, 64 Studirende der Technik, 5 Hörer der Hochschule für Bodencultur, 7 Veterinäre und 3 Pharmaceuten. Dem Vaterlande nach waren 9 aus Wien, 2 aus Niederösterreich, 85 aus Ungarn, 80 aus Galizien, 58 aus Mähren, 31 aus Böhmen, 16 aus der Bukowina, 7 aus Oesterr.-Schlesien, 4 aus Kroatien, 3 aus Rumänien und 1 aus Rußland. — Die Einnahmen betrugen im verflossenen Bereinsjahre 3723 fl., wovon 525 sl. in Kassa blieben. Die hauptsächlichsten Unterstützungen bestehen in Beiträgen zu den Collegiengeldern, zu den Prüfungstaxen und zur Promotion. Immer wieder muß man den Wunsch aussprechen, daß sich dem Vereine eine größere Zahl beitragender Mitglieder anschlösse und daß die übrigen Kronländer, denen doch die große Mehrzahl der Unterstützungsbedürftigen entstammen, etwas für den Verein thäten, was sie bis jetzt fast gänzlich unterlassen. Aus Ungarn, 1. October. Die Kaschauer Handels- und Gewerbekammer veröffentlicht soeben den Jahresbericht für 1882, welcher weit über den Rahmen der ministeriellen Instructionen hinausgeht; er umfaßt nicht nur Handel und Gewerbe, sondern auch die Landwirthschaft vollständig und bietet sonach eine volle Einsicht in die gesammte Wirthschaftslage des ausgedehnten Kammerbezirkes. Aus dem allgemeinen, einleitenden Theile des Berichtes heben wir die entschiedene Verurtheilung der antisemitischen Bewegung hervor; die Kammer protestirt im Namen unseres schwachen Gewerbes, unseres unentwickelten Handels, unserer um die Existenz kämpfenden Landwirthschaft gegen die Bewegung, welche Wind säet, um Sturm zu ernten. Im Namen der Kaufleute und der Gewerbetreibenden des Bezirkes und des Landes richtet die Kammer an die Regierung die Bitte, den sträflichen Umtrieben ein Ende zu machen, deren Resultate nur 42

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