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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. Seite 679

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Date
1883-10-15
Page
Seite 679 (sequence 5)
Language
German
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679 griffen, wie eben das jüdische. Und warum? Weil der als grundpraktisch und nüchtern realistisch verschriene Jude — mag man auch darob ungläubig den Kopf schütteln, mag man auch spotten und spötteln so viel man will — im Grunde seiner Seele ein unverbesserlicher Idealist, ein romantischer Schwärmer ist, wie wenige seines Gleichen; weil — möge man auch die Liebe des Juden zum Gelde schelten, er die höheren Güter des Lebens weit inniger liebt und weit mehr würdigt, als das Geld. Der Jude ist nicht bloß ein zärtlicher, treuer Gatte, ein aufopferungsfähiger Vater, ein liebreicher Verwandter, ihm sind auch die freundschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen an die Seele gewachsen, die zu vernachlässigen oder gar zu zerreißen, ihn nur die äußerste Noth zwingen kann. Der Jude will auch geehrt und geachtet sein. Die Jahrhunderte sklavischen Joches und bitterster Demüthigung vermochten nicht, in ihm Ehrgefühl noch Ehrgeiz zu unterdrücken. Kaum ist ein Fürst auf seinen Stammbaum und dessen Privilegien so stolz, wie der Jude auf seinen „Jichus", dessen einziges Privilegium ist — zu dulden und zu leiden. Der Jude ist von zu ausgesprochener Individualität, er könnte sich nie gefallen lasten, unter „Köpfen" oder „Seelen" wie ein Fabrikatstück gezählt zu werden. Es liegt im Juden ein tiefes Bedürfniß, als ein Besonderes irf Betracht zu kommen. Doch mehr als dies Alles zusammen, ist dem Juden sein religiöses Leben und die religiöse Erziehung seiner Kinder lieb und werth, hoch und heilig. Das Alles feffelt den Juden an seine Heimath, mehr als alle praktisch-ökonomischen Jntereffen der Welt. Der Jude ist an Verluste gewöhnt. Geld verloren, ist für ihn — wie schmerzlich es ihn auch berührt — doch nur ein Geldverlust; die Heimath aber verlieren, ist für ihn — Alles verlieren. Er kann nicht sein Bischen Habseligkeit mit sich nehmen und sagen: omnia mea mecum porto, denn das Meiste hat er doch zurückgelaffen. Hier in der Heimath läßt er seine Familie , die er unmöglich in die unbekannte Weite mit sich führen darf, sie einem unsicheren Geschicke preisgebend. Hier läßt er seine ganzen Berwandtschafts-, Nachbarschafts- und Freundschaftskreise, an denen er liebevoll hängt, die er liebt und achtet, und von welchen er geliebt und geachtet wird. Wer er auch immer sei, hier kennt man ihn und seine ganze Familie, in auf- und absteigender Linie, und wenn er nicht „Gott weiß wer" sei, so ist er doch nicht „gleichviel wer". Ist er auch selbst kein großer oder p-’-.ü, so war es dieses oder jenes Mitglied seiner Familie, oder seiner Frau, auf welches er stolz ist, oder um dcssentwillen er geachtet wird. Hier hat er seine Stelle in der Synagoge, auf welcher vielleicht schon sein Urahne sein Gebet in frommer Andacht verrichtete. Hier wird er am Sabbath und Feiertag mit einer Alia beehrt, die ihm und seiner gesellschaftlichen Stellung Rechnung trägt. Hier hat er sein Bethamiorasch, wo er in seinen Mußestunden, je nachdem, sein „Blatt Gemara", oder Perek Mischnaioth lernt, oder von seinem „Maggid" seinen „Drusch" zu hören bekommt. Hier hat er auch seinen Melamed für seine Kleinen, den er persönlich kennt, und dem er seine Kinder gern anvertraut. Hier ist es ihm auch leichter, seine Kinder „standesgemäß" zu verheirathen. Ist seine Tochter auch minder schön, und hat sie auch keine große Mitgift, so weiß man doch, daß sie guter Eltern Kind ist. Hier hat er schließlich seine rrcx "Hip, wo die heilige Asche seiner Väter und Kinder, Brüder und Schwestern, Verwandten und Bekannten ruht. Der Friedhof war dem Juden immer ein „guter Ort". Nichts von dem nimmt er in die Fremde mit, wo er „der Bielen einer" oder „ein polnischer Jude" ist. Es ist keine gar zu seltene Erscheinung, daß Leute, die in der Fremde zu großen Reichthümern gekommen sind, noch im hohen Alter in ihre alte Heimath zurückkehren. Dieser tief eingewurzelten, von der ganzen Lebensweise bedingten Abneigung, seinen Wohnort zu verändern, kommt noch sein fatalistisches vvoz Zu Hilfe. „Gott entflieht man nirgends". „Was mir angeschrieben ist — das werde ich überall haben". „Sind denn wenig Arme in Amerika, und sind nicht viele Arme hier steinreich geworden?" Solche und ähnliche Maximen und Schlagwörter sind nicht bloß inr Munde unserer hiesigen Glaubensgenossen sehr geläufig, sondern dienen gemeiniglich als unwiderlegliche Argumente gegen jede Auswanderung, wohin diese auch immer sei. Nur wenn die Erwerbsquellen ihm hier versiegt sind, wenn die Noth die äußersten Grenzen erreicht hat, und ihm absolut Nichts übrig bleibt, dann gelingt es seiner tiefen Verzweiflung, ihn von seinem lieben Heim zu verbannen, und in der weiten Ferne Brod für Frau und Kind zu suchen. Aber auch das ist meist nur bei denen der Fall, die entweder in ihrer Heimath nichts mehr zu verlieren haben, sei es, weil sie von ganz niedriger Herkunft sind, sei es, weil sie Ehre und guten Ruf irgendwie eingebüßt haben, oder weil ihre Weltanschauung und Lebensweise eine totale Veränderung erfahren haben. So sind es nur seltene Ausnahmen, die sich entschließen können, aus ökonomischen Interessen ihren Wohnort zu verändern. Man überschätzt, meiner Meinung nach, die Bedeutung des j „jüdischen Ansiedlungsrayons", wenn man glaubt, daß er die Ursache seiner übermäßig starken jüdischen Bevölkerung und mithin auch deren sprichwörtlich gewordenen Armuth ist. Alle Welt weiß, daß derjenige Jude, welcher entschlossen ist, sich außerhalb des „Ansiedlungsrayons" niederzulassen, nie vor den verbietenden Vorschriften zurückschrecken wird. Es ist kein Geheimniß mehr, daß solche illegale Gäste der russischen Polizei — die ihr Geschäft gründlich versteht, und daher sehr billig mit sich handeln läßt — nur zu willkommen sind. Es ist nicht zu leugnen, daß der illegale Aufenthalt mit einigen Kosten verbunden ist, und hin und wieder, besonders in den

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