Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-15 · Heft 42 (15.10.1883) · p. Seite 680

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 42 (15.10.1883)
Date
1883-10-15
Page
Seite 680 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227490--41190-3309649
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

680 letzten Jahren, manche mitunter recht bedeutende üble Folgen sere Handwerker heranbilden; sondern, weil das Angebot bei nach sich zieht, aber nicht diese Kosten, noch selbst diese üblen weitem die Nachfrage übertrifst. Die Handwerker bilden Folgen hallen den Juden im Ansiedlungsrayon von einer durchschnittlich ca. 40—50 Procent der gesammten jüdischen Auswanderung nach dem „Innern des Reichs" zurück. Haben Bevölkerung, was die geringen Bedürfnisse dieses armen Geja Handwerker volles Recht, sich überall in Rußland niederzulassen, und wie wenige von den Tausenden, die hier schier verhungern, sind es doch, die von diesem ihrem Rechte Gebrauch machen, obgleich es eine allgemein bekannte Wahrheit ist, daß der jüdische Handwerker in Rußland weit besser, als irgend sonst wo, aufgehoben ist. Wie sehr ich auch die Aufhebung des alle menschliche Würde so tief beleidigenden „Ansiedlungsrayons" herbeiwünsche, so bin ich doch fest davon überzeugt, daß sie keine schnelle Verbesserung in der materiellen Lage der Juden Hervorrufen wird. Denn wie gesagt, hier kommt es lange nicht so sehr auf die äußere gesetzliche bietcs weit übersteigt. Wenn ich dennoch von den eröffneten Handwerkerschulen eine Linderung der Noth erwarte, so erwarte ich» hauptsächlich von der Elementarbildung inclusive der Erlernung der Landessprache, das zu ihrem Programm gehört und woran cs uns noch immer am meisten gebricht. Denn nur eine gründliche Elementarbildung und die Kenntniß der Landessprache sind im Stande, einiges Licht in die dunkle fanatische Lebensweise unserer Brüder hineinzubringen, in welcher der eigentliche Krebsschaden der jüdischen Noth immer lag und noch bis heute liegt. Man glaube ja nur nicht, daß nach dieser Seite hin das jüdische Leben in den Möglichkeit, als auf die innere Neigung, seinen Wohnort aufletzten Decennien, die doch eine zahlreiche jüdische Intelligenz zugeben, an. Diese aber hängt vor Allem von der Lebensanschauug des Juden ab. Der russische Jude wäre wohl leichter zur Emigration zu bewegen, wenn seine ganze Ge-l meinde mit ihm ziehen sollte — was auch bereits vorkam,! oder wenigstens — seine ganze Verwandtschaft, was gewöhnj lich bei den jüdischen Emigranten in Amerika der Fall ist. Sie holen mit der Zeit ihre Verwandten und Bekannten einzeln ab. Eine solche Emigration aber zu Stande zu bringeschaffen haben, sich bedeutend verändert hätte. Die Bildung des Juden laborirt an demselben Uebel, an welchem überhaupt die Bildung in Rußland leidet. Es wird Alles verwendet aus die höhere oder fpccielle Bildung, welche die besten Kräfte dem Volke — das noch immer meist in völliger Unwissenheit steckt, oder im besten Falle mit höchst mangelhafter Elementarbildung sich begnügen muß — entzieht und entfremdet, so daß nach der einen Seite ein intelgen vermögen keine Hilfsvereine. Es ist daher eine bloße; ligentes Proletariat heranwächst, nach der anderen Seite die Illusion, wenn man glaubt, durch solche Vereine wesentlich | große Masse in geistiger Finsterniß verkommt. Ich komme der Noth der russischen Judenheit zu steuern, oder gar die! so auf eine ganz neue Seite der jüdischen Frage, von welcher jüdische Frage zu lösen.! Schon viel mehr dürfte man von den in den letzten' Jahren in vielen Städten und jüngst noch zur Verewigung des Krönungsfestes gegründeten Handwerkerschulen erwarten. Allerdings darf man sich hier keinen allzugroßen Hoffnungen hingeben. Jeder Jude hält seinen Knaben im Cheder und in der Jeschiba so lange er nur kann, und dies nicht einmal, um ihn zum Rabbiner zu erziehen; nein, er weiß ganz gut, daß nur sehr wenige dazu berufen wären; sondern blos, damit sein Sohn ein pab sei und „Gott und Menschen Ehre mache". Er fragt sich aber nie, wie sein Sohn, der -fick, später sein Leben einrichten, womit er sich und sein Haus ernähren wird; denn er ist überzeugt, daß Gott, „der in meinem nächsten Briefe ausführlicher die Rede sein wird. 6. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 9. Lctober. Wir zeigen mit Vergnügen heute die Vollendung eines höchst nützlichen und trefflich ausgeführten Werkes an, dessen Schlußlieferungen 34—40 und der dazu gefügte Atlas des deutschen Reiches uns eben zugekommen sind: „Neumann, Geographisches Lexikon des Deutschen Reichs. Mit Ravenstein's Spezial-Atlas von Deutschland, vielen Städteplänen, statistischen Karten und mehreren Hundert Abbildungen deutscher Staaten- und Städtewappen." allen Geschöpfen ihre Nahrung in der Zeit" gibt, auch ihn! (Leipzig, Bibliographisches Institut 1883.) Wir haben hier nicht verlassen wird, und kenne er doch selbst so viele reiche! nicht die vielfache Verwendung näher zu zeichnen, welche dieses Leute, die einst arme „Bachurim" waren, und weswegen Werk nach den verschiedensten Richtungen hin finden kann, sollte er denn „sein Kind vom Lernen wegreißen^'. Die wie vielen Aufschluß über die größten und kleinsten Oertlich- Lage des jüdischen Handwerkers im Ansiedelungsrayon ist lichkeiten des deutschen Reiches es uns gicbt. Da überall auch keine sehr beneidenswerthe. Wie genügsam, anspruchslos die Bevölkerungszahl nach den Confessionen, wie die Bolks- und arbeitsam sie auch sind, begegnet man doch überaus zählung von 1880 sie ergeben hat, aufgeführr ist, erhalten selten einem Handwerker, der sein leidliches Durchkommen wir auch über die jüdische Bevölkerung die ausgedehntesten hat. Dies nicht, weil sie etwa ihr Fach nicht gründlich j Mittheilungen. Daß in der deutschen Wissenschaft eine längst genug verständen, nein, kaum dürsten Handwerkerschulcn des- | anerkannte Gründlichkeit herrscht, brauchen wir nicht hervor-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.