Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1883)
- Date
- 1883-10-15
- Page
- Seite 678 (sequence 4)
- Language
- German
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678 Lösung derselben wäre vielleicht auch die völlige Emancipation der Juden. Da die erstere wohl nie, die letztere Lösung Gott weiß wann eintreffen dürfte, und die Juden noch Wohl lange, lange vom Druck der Ausnahmegesetze gepeinigt werden, so müsse man ihnen irgendwie helfen. Nun läge der Schwerpunkt der kritischen Lage in der Beschränkung der Wollen wir uns alle diese Projecte etwas näher ansehen. Doch von dem ersten Project, nämlich: die Colonisirung der Wüsteneien des Amurgebietes, wollen wir nicht sprechen. Nicht umsonst war Graf Jgnatieff, wenn nicht gar — wie allgemein behauptet wird — sein ehrenwerther Autor, so doch sein entschiedener Protector. Daß sich Juden finden Freizügigkeit — im Ghetto „des jüdischen Ansiedlungsrayon",! können, welche in der jüdischen Frage mit einem Jgnatieff der zum Ersticken überfüllt ist und dessen Bewohner in Elend; Hand in Hand gehen, ja zur Realisirung gerade solcher Pro- und Verzweiflung verkommen. Da die Aufhebung dieses jecte die beträchtlichen Summen von 50,000, sage fünfzig Ghettos nicht in ihrer Gewalt steht, so wollten sie in den Tausend Rubeln, spenden wollten, beweist nur leider, welche Grenzen des Gesetzes wenigstens der Ueberfüllung des „Ansiedlungsrayons" möglichst abhelfen. Es fragt sich nun wie? Dieses „Wie" ist es, was jede der oben erwähnten Parteien — seligen Angedenkens — charakterisirt. Die Einen wollten, so zu sagen, zwei Fliegen mit einem Schlage tödten: den Juden helfen, und dabei als gute russische Patrioten sich bethätigen, und schlugen vor: mit den Juden aus dem „Ansiedlungsrayon" die Amurgegend zu colonisiren, und zwei reiche Herren erklärten sich bereit, zu diesem Zwecke je öO.OOO Rubel zu zeichnen. Zur Ehre der russischen Judenheit muß man constatiren, daß dieses Project fast gar keinen Anklang fand, obgleich es nicht an solchen jüdischen Herren und jüdischen Organen fehlte, die sich nicht scheuten, diese wüste, noch unbebaute, von halbwilden asiatischen Horden umgebene Amurgegend als ein zweites Palästina, „wo Milch und Honig fließt. Feigen und Datteln wachsen", anzupreisen, und es als das größte Glück für die Juden hinzustellen — weil sie dort von Antisemiten entfernt, und dem Staate nützlich, glücklich und zufrieden leben könnten. Mit Recht wurde von den Gegnern dieses Projects auf die Juden in Südrußland hingewiesen, die sich dort ansiedelten, als diese „Juden" manche unserer „reichen" Juden sind. Das Einzige, was noch zu ihrer Bertheidigung vorgebracht werden darf, ist, daß sie es wohl nicht ernstlich mit ihren versprochenen Spenden meinten, und es wahrscheinlich bloß als Manöver benutzten, sich die ganze lästige Angelegenheit in ebenso schlauer als vornehm sein sollender Weise vom Halse zu schaffen. Doch Gott mit ihnen? Wie selten waren doch die „Reichen" in Israel zu reichem Segen für Israel. Wir haben fast immer von unseren reichen Brüdern mehr Leid als Freude gehabt. Leider wollen es meine Landsleute noch immer nicht einsehen, und ärgern sich immerfort, daß sie sich in ihren Hoffnungen auf die „Reichen" getäuscht fühlen. Es gehört eben zum tragischen Geschicke unseres Volkes, daß wir am meisten dafür leiden, wovon wir am wenigsten haben. Daß der Jude der Sündenbock für den Reichen war, ist in der Geschichte unseres Volkes eine uralte Wahrheit. Man hat ja nie die Frömmigkeit und die Gottergebenheit der armen Juden, wohl aber die Geldsäcke der reichen Juden beneidet und gefürchtet, die doch mit dem Judenthum so wenig gemein hatten. Nebrigens, Gott sei Dank kx'ir1 pKs n^! Eine ganz andere Sache ist die Immigration der jüdischen Landstrecke noch ganz wüste und leer war, welche sie in ein > Handwerker innerhalb des russischen Reiches oder die Emigrablühendes, an Handel und Verkehr reiches Land verwandelt haben, und welchen Dank ernteten sie doch dafür? — Judenkrawalle und Brandstiftungen!? Noch sei nicht ausgemachte Sache, daß die halbwilden asiatischen Bölkerstämme am Amur toleranter gegen fremdes Eigenthum sind, als die Klein- und Großruffen in Volhynien und Podolien. Und schließlich, mit den zu einer solchen weiten Uebersiedlung nöthigen kolossalen Mitteln könnte man nach den Einen jüdischen Handwerkern, die das Recht haben sich im ganzen russischen Reich niederzulassen , helfen, von diesem ihrem Rechte Gebrauch zu machen; und mit den übrigen eine Massenemigration, sei es nach Amerika, sei es nach Palästina, zu Stande zu bringen, je nach dem Programm der betreffenden Partei. So laufen denn alle diese Projecte auf Immigration: entweder zur Colonisirung der Amurgegend, oder zur Ansiedlung jüdischer Handwerker in allen Theilen des russischen Reiches, und tion nach Amerika oder nach Palästina. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Lage der russichcn Juden sich wesentlich verbessern würde, wenn ihre Anzahl im „Ansiedlungsrayon" sich bedeutend verminderte, aber man irrt sehr, wenn man glaubt, daß eine solche Verminderung von der bloßen Beschaffung pecuniärer Mittel zur Bestreitung der Kosten der Immigration oder Emigration abhängt. Man macht im gegebenen Falle die Rechnung ohne den Wirth. Man läßt dabei eine eigenthümliche Eigenschaft des jüdischen Volkes aus dem Auge. Der Jude klammert sich an die Scholle seiner Heimath, wie kein Anderer. Der Jude ist von Natur kein Nomade, kein Wandergeselle. Selten hat ein Volk auf der weiten Erde, so oft volle Ursache gehabt, zum Wanderstabe seine Zuflucht zu nehmen, selten hat es auch ein Volk gegeben, das sich so gut in den verschiedenen Himmelsgegenden acclimatisirt, und in die verschiedenen Lagen Emigration: entweder nach Amerika oder nach Palästina,fo leicht zu finden weiß, wie der Jude, und trotz alledem hinaus. j hat kein Volk so selten freiwillig nach dem Wanderstabe ge-