Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1883)
- Date
- 1883-10-09
- Page
- Seite 672 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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67: wandte sich an den Präsidenten der Akademie, den Fürsten Gagarin, und wiederholte seine Bitte — diesmal mit besserem Erfolg. Der Fürst kam — und war hingerissen von dem Anblick des wunderbaren Werkes. Er versprach dem jungen Künstler jede Förderung und hielt Wort! Am nächsten Tage erschien er abermals, diesmal in Begleitung der kunstsinnigen Großfürstin Maria Paulowna. Die hohe herzensgütige Dame erstaunte. „Welch ein Werk! Rußland hat noch kein ihm ähnliches!" rief sie in tiefer Bewegung aus. „Ich werde den Kaiser bestimmen, es anzusehen. Seien Sie getrost!" — Antokolsky's Herz zitterte in der Brust vor Freude. Mit bebender Stimme dankte er für so viel Güte und Gnade. Doch da erhob sich ein neues Hinderniß. Man durfte dem Zaren nicht zumuthen, zur Besichtigung einer Schülerarbeit alle die Treppen hinauf in die Bodenkammer zu steigen! Das Bild mußte hinabgebracht, mußte unten aufgestellt werden. Antokolsky erkannte die Gefahr für sein Werk; er fühlte, daß er die nochmalige Zertrümmerung desselben nicht überleben werde und verweigerte den Transport. Vergebens erschöpfte Fürst Gagarin seine Beredsamkeit, vergebens die Großfürstin ihre wohlwollende Entschiedenheit — der junge, kranke, hungrige Künstler blieb unerschütterlich bei seiner Weigerung. Die. edle Großfürstin schüttelte den Kopf. „Man muß ihm seinen Willen thun; aber ebenso nöthig ist es, daß der Zar das Bildwerk sehe. Lasten Sie uns überlegen." Das Resultat war, daß, wie durch einen Zauber, sich I Flur, Treppen und Bodenraum mit herrlichen Teppichen be-! kleideten, daß große Fenster das Licht in die Kammer ließen,! daß die wüsten Mauerflächen von köstlichen Tapeten verdeckt j wurden und — daß der Zar kam! — Auch bei ihm war die Wirkung die entschiedenste: Des Künstlers Leben erhielt in diesem Augenblicke den vollen Umschwung zum Glück — das Ziel war erreicht! Der Kaiser kaufte die Statue um hohen Preis; sie wurde in Bronze gegosten und zierte bald darauf die kaiserliche Kunstsammlung. Antokolsky aber, desten Leben fortan ein Gegenstand ängstlicher Sorge für Rußland war, empfing eine lebenslängliche reiche Pension und den Befehl, seine Gesundheit in Italien zu pflegen und völlig herzustellen. Und so geschah es; Leben und Schaffenskraft blühten in dem beglückten Jüngling neu auf. Im Jahre 1872 stellte er seinen vortrefflichen, höchst realistisch aufgefaßten Peter den Großen aus, 1874 seinen „Jesus als Gefangener vor dem Volk", ein Werk, das beim ersten Anblick Befremden, dann wachsendes Staunen, endlich tiefste Rührung und Erschütterung hervorrief und stets Hervorrufen wird. — Im Jahre 1875 schuf er für ein Grabmal auf dem Monte Testario die Bildsäule der Prinzessin Obolensky — das Ergreifendste, was man sehen kann. Die jugendliche Gestalt, auf einem Steine vor dem Grabcingang in stummer Verzweiflung, in händeringendem Gram dasitzend, ganz ausgehend in dem einen Gefühl unbezwinglichcr Trauer und hoffnungsloser Sehnsucht. Andere Werke folgten: 1876 „Der sterbende Sokrates", 1877 „Unersetzlicher Verlust" u. s. w. — Sie sind bekannt, und es ist unnöthig, darüber ein Wort zu verlieren. Eins nnrsage ich noch, in Antokolsky ist Alles vereinigt, was noch auf lange Zeit hinaus uns die herrlichsten Werke in reichster Production verbürgt, was ihm selbst die Unsterblichkeit sichert. Er ist ein Mann von tiefer eigenartiger Charakterbildung, nach Freiheit in der Kunst verlangend, nur im Höchsten sich selbst genügend, Denker und Dichter und der unabhängigste originellste Künstler, der je gelebt! Die h. Schrift im Schauspiel -er Reformations-Ieit. Die Fülle merkwürdiger Gestalten und bedeutsamer Si- > tuationen, welche die Bücher der h. Schrift uns vorführen, hat zu aller Zeit den verschiedenen Künsten reichhaltige Stoffe geliefert, so den plastischen Künsten, der Musik (in Oratorien > und Opern), der Poesie und insbesondere der Dramatik. In! Bezug auf die letztere erinnern wir an die ersteren wahrscheinlichen Versuche des griechisch-jüdischen Tragödicn- Dichters Ezechiel (in Alexandrien um 200 vor der gew. Ztr.), der seine Stoffe der h. Schrift nach der Uebersetzung der Septuaginta entnahm. Ganz besonders aber fruchtbar war die Dramatik in der Zeit von Luthers Bibelübersetzung bis zum 30jährigen Kriege für alttestamcntliche Gegenstände. Hierüber hat Rudolph Genöe eine Abhandlung im Sonntagsblatt der „Voß. Z." vom 23. Sept. geliefert, aus welcher wir die intereffantesten Stellen hier hervorheben. Die Geschichte hat bestimmte Zeitabschnitte, in welchen durch große culturhistorische Ereignisse auch neue und bedeutende Epochen in der Entwickelungsgefchichtc des Schauspiels hervorgerufen wurden. j Für bas deutsche Schauspiel ganz besonders trat eine solche neue und bedeutsame Epoche mit der großen Kirchen- Reformation ein. Während in der deutschen Schweiz, vorzugsweise in Basel und in Bern, gleich mit Beginn der Reformation der neue Geist im Volksschauspiel in den heftigsten! Angriffen gegen das Papstthum und gegen die Mönchswirth-; schaft zum Ausdruck kam, hatte bald nach den ersten Stürmen ' bie Darstellung der biblischen Geschichten, ganz besonders aus dem alten Testament, einen großen Umfang angenommen, zunächst in der Schweiz, dann in Nürnberg und Augsburg und gleichzeitig in Sachsen und im Elsaß. — Es hatten die begeisterten Anhänger der Reformation j seit Luther'» Bibelübersetzung eine Fülle vdn Stoffen erj halten, die sie im Sinne der Reformation dramatisch zu ver-