Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1883)
- Date
- 1883-10-09
- Page
- Seite 670 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227447-3227489--41179-3309631- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
670 polizeilich inhibirl wurde. Nun entstand ein großer Prozeß zwischen dem Baumeister der Synagoge und der Synagogengemeinde einerseits und dem Bauherrn des Nachbargrundstücks und desien Baumeister andererseits. Zwölf Jahre lang wurde prozessirt, bis in diesem Jahre die Parteien zu dem vernünftigen Entschlüsse kamen, sich zu einigen. Nun wurde unverzüglich ans Werk gegangen und in einigen Monaten stand es fertig da, so daß die feierliche Einweihung durch den Herrn Oberrabbiner Dr. Horowitz aus Crefeld stattfinden konnte. Dieselbe ging in der üblichen Weise in wahrhaft erhebender und eindrucksvoller Art vor sich. Am Samstage predigte Dr. Horowitz noch einmal und wies auf die Opfer hin, welche ein jeder Einzelne der Gesammtheit bringen müfie, solle das Ganze Bestand haben. Bor allen Dingen, betonte er, müsien Friedensopfer nicht 'nur von den Mitgliedern einer Religionsgenoffenschaft, sondern auch von den Angehörigen einer Stadt, eines Staates gebracht werden. Ein Jeder müffe zu Gunsten des lieben Friedens seine eigene Kleinlichkeit, seinen Eigensinn, sein Borurtheil opfern, wenn Familie, Religionsgenoffenschaft, Stadt. Staat wachsen und gedeihen sollen. Bonn,27. September. (Literarische Notizen.) 8unto dei principi della fede israelitica ad uso dei giovanetti entrati nella maggiorita religiosa proposto Dam. Dott. Ehrenreicb. rettore del pio instituto Talmud-Torä di Roma. (Roma. Ceccbini 1883.) Der Verfasser befriedigt ein für unsere italienischen Glaubensgenoffen noch vorhandenes Bedürfniß nach einem in Fragen und Antworten abgefaßten Katechismusunterricht, insonders für Konfirmanden. Die Klarheit, Einfachheit und das Zutreffende in der Abfaffung der Fragen und Antworten, die logische Aufeinanderfolge und die gute Auswahl des Borgetragenen verdienen in diesem Katechismus volle Anerkennung. — Das siebente Heft von A. Hartleben's „Chronik der Zeit" (Wien, Hartleben 1883) bringt den „Prozeß von Tißa-Eßlar" in einer genauen Darstellung der Anklage, der Zeugenverhöre, der Vertheidigung- und des Urtheils mit 20 Illustrationen der dabei betheiligten Persönlichkeiten. — Die verhängnißyolle Ueberschwemmung, die der Rhein wiederholt im Winter 1882/83 verursachte, hatte auch die Synagoge zu Neuwied arg verwüstet; sie mußte von Grund aus restaurirt werden, was die opferwillige Gemeinde unter Führung ihres energischen Vorstehers Reinach in würdigster Weise ausführte, so daß am 17. August die Wiedereinweihung der Synagoge stattfand. Die von dem Prediger und Lehrer der Gemeinde, Herrn Daniel Einstein, bei dieser Feier gehaltene Predigt sammt Gebeten (Neuwied, Strüder 1883) ist im Druck erschienen. Sie geht vom Psalm 93 aus und, nachdem sie des traurigen Ereignisses, aber auch der Gottes- und Mcnschenhülfe gedacht, die sich in reichem Maße bewährt hat, beantwortet er in echt religiösem Sinne die Frage: Was haben wir zu thun', damit die Heiligkeit dieser Stätte gewahrt werde? — Die Abhandlung des H. Joseph Derenbourg im 6. Bande der Revue des Etudes juives: ^Essai de restitution de l'aneieuue redaction de Massechet Kippouriin4-. die wir bereits besprochen und deren Verdienst wir gewürdigt haben, ist jetzt auch in einem Separat-! abdruck (Paris, Durlacher 1883) erschienen. — Bon der Revue des Etudes juives liegt uns die 12. Lieferung (April— Juni 1883) vor. Sie enthält außer den Fortsetzungen früher angefangener und von uns schon erwähnter Abhandlungen! intereffante Aufsätze: von Groß eine Studie über Simson! ben Abraham, von Sins; von Lenormant die Jüdische Katakombe von Bcndsa mit lateinischen, griechischen und hebräischen Inschriften; W. Bacher über Joseph Kimchi und Abulwalid ibn Ganach; Gerson, Die hebräischen Grabsteine von Dijon; Isidor Löb über die Sabbathverlesungen im Kalender; außerdem Noten und Vermischtes, bibliographische Uebersicht des zweiten Quartals 1883. Keuilleton. Der jüdisch-russische LUdhauer Autokolsky. Eine biographische Skizze. i (Aus dem „Bazar".)! Die Kunschöpfungen Antokolsky's haben schon lange die Aufmerksamkeit in Europa und Amerika auf sich gezogen, so daß die folgende biographische Skizze, die so viel Charakteristisches enthält, wohl am Platze ist. Ter Vater Antokolsky's war ein armer, schwergeplagter sorgenvoller Jude, der, im jämmerlichsten Stadtviertel von Wilna lebend, für sich und seine zahlreiche Familie unter tausend Mühen und Demütigungen kaum das trockene Brod zu erwerben vermochte. Unter den Kindern war das bemerkenswertheste der älteste Sohn, ein schmächtiger, unbeholfener, kränklicher Junge mit einem scharfgeschnittcnen Gesicht von gedankenvollem Ausdruck. Er hieß Marcus, und seit er laufen konnte, war Hantiren mit Kreide, Kohle und anderen Farbstoffen fast seine einzige, jedenfalls seine Lieblingsbeschäftigung. Wo er saß, stand oder ging, bemalte er Fußboden, Wände, Thüren und Tische; kein Verweis, keine Strafe konnte ihn davon abschrecken. Stoisch nahm er Sckeltl Worte und Schläge hin, und wenn der Sturm vorüber war,! rieb er mit zerstreuter Miene die schmerzende Stelle des Körpers und — tröstete sich mit einer neuen Zeichnung! - Einst, als der Vater, zum Sabbath heimkehrcnd. den Stolz des Hauses, den frischgeweisten Ziegclsteinofen im ein-