Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1883)
- Date
- 1883-10-09
- Page
- Seite 666 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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_ 66>;_ osen Mühen und Opfern erfüllt. Weitgehende politische und 1 punft hat uns die Vorsehung gestellt, und von ihm werden sociale Ziele waren unsere Sache nie. Auf diesen Stand-, uns keine Worte, Redensarten und Behauptungen entfernen. Deuts chland. Berlin, 23. September. Zur Charakteristik der Rolle, welche der Hofprediger Stöcker auch in fder jetzigen Wahlcampagne für die Berliner Stadtverordneten spielt, sei hier eine Stelle aus dem Leitartikel der heutigen „Voss. Z." angeführt. Es war gesagt worden, daß die Anhänger der „Christlich-Sozialen" zu ermüden angefangen. Darauf heißt es: „Diese Gefahr hat nun glücklich wieder der einzige Mann abgewendet, der der ganzen Bewegung einen neuen, belebenden Schwung zu geben verstand. Frisch weg von der Wittenberger Lutherfeier und kaum, daß er sich Zeit ließ, den geistlichen Talar abzuthun, eilte er in die Abendversammlung der Getreuen, die inzwischen mit Adolph Wagner als Stellvertreter sich zu begnügen suchten. Es war hübsch und erbaulich, was dieser seinen Hörern zum Besten gab, und das Lob, das ihm deshalb von dem großen Meister gespendet wurde, war redlich verdient. Es war Geist von seinem Geiste, Fleisch von seinem Fleische, was der auf dem Wege des Rückschrittes sich fortschrittlich entwickelnde Professor nach dem Vorbilde des Meisters und Lehrers zum Besten gab. Und nun schmetterte die neu erstandene „Wittenberger Nachtigall" selbst ihre aufmunternden Weisen in die abgespannt gewordenen Kreise hinein, daß ein neues, frisches Leben die Reihen durchfuhr und jede Fiber sich elastisch spannte zur frischen, fröhlichen Judenhatz und zum Vernichtungskampfe gegen Fortschrittler und Liberale jeder Art, mit barmherziger Berücksichtigung der Nationalliberalen, von denen nur die Unverbesserlichen, Unreumüthigen ein wenig todtgeschlagen werden sollen. Wie matt und reizlos müssen dagegen die ruhigen und sachlichen Auseinandersetzungen sich ausnehmen, mit denen die Redner in den übrigen Versammlungen die Fragen der communalen Verwaltung vor ihren Hörern zu entwickeln suchen. Kein Hagel von Schimpfwörtern prasselt da auf die gegnerischen Reihen hernieder, nirgends wird da Haß und Verfolgung gegen Andersgläubige gepredigt oder der erworbene Besitz als die Frucht verbrecherischen Treibens denuncirt und an den Pranger gestellt; das Bestreben, die Kinder an den Segnungen der höheren Jugendbildung theilnehmen zu lassen, wird nicht als eine besondere Gattung sittlicher Verderbtheit gekennzeichnet, — es fehlt eben Alles, was jene frommen Versammlungen auszeichnet. Wie schade, daß der § 17 der Städte-Ordnung Geistlichen ausdrücklich die Fähigkeit abspricht, Stadtverordnete zu sein; welcher Verlust für die Versammlung, daß sie einer solchen Leuchte entbehren muß. Aber der kurzsichtige Gesetzgeber hat von der modernsten Anwendung des „praktischen Christenthums" noch keine Ahnung gehabt. Er war in der Auffassung befangen, daß das Amt der geistlichen Seelsorge darin besteht, Liebe, Versöhnung und Eintracht zu sörden, und nicht darin, die wüsteste Demagogie mit der Anwendung aller Kampfmittel des Fischmarkts noch zu übertrumpfen. Und zu welchem Zwecke diese maßlose Vergeudung eines im Ueberfluß vorhandenen und auf der ungesäuberten Straße liegenden Materials? Vergebliches Liebeswerben um die Stimmen der Arbeiter! sie erweisen sich unzugänglich für dies Oel gleißnerischer Salbung, stoßen die ihnen weit entgegengestreckte Bruderhand mit energischem Protest zurück und lehnen jede Gemeinschaft mit einer Kampfesweise ab, die ihrem Anstandsgcfühl widersteht. Fällt das Jnfamirende der Beschuldigung , die Arbeiter müssen mit jüdischem Gelde bestochen sein, weil sie es verschmähen, sich dem von dem geistlichen Heerführer intonirtcn „Hep! Hep!" anzuschließen, aus den Verleumder zurück, so geht die Unterstellung an der grotesken Lächerlichkeit ihres Inhalts vollends zu Grunde." Berlin, 28. September. (Privatmitth.) Bei der vorigen Wahlcampagne hat der Social-Politiker Prof. Ad. Wagner die Rolle eines verschämten Antisemiten gespielt. Diesmal hat er die Maske abgeworsen. In einer gestern von der „Deutschen Bürgerpartei" einberufenen Communal - Wählerversammlung, in welcher eine Verbindung mit der „Arbeiterpartei" angestrebt, aber nicht erreicht wurde, sagte Wagner: „Daß der Oberbürgermeister Katholik ist, ist ganz gut; Protestanten und Katholiken müssen Zusammenhalten und dürfen keinen Unterschied kennen. Gegenüber der jüdischen Bevölkerung liegt das anders. Die Judenfragc ist keine Confessionssrage. Wir wollen nicht, daß in einer Stadt, die über eine Million Deutsche besitzt, die die erste Stadt im Reiche ist, die jüdische Bevölkerung überall danach strebt, in öffentliche Aemter zu kommen. Wer ist daran Schuld, daß der Vorsteher unserer Stadtverordnetenversammlung ein Jude ist, und daß 17 jüdische Vertreter darin sind. Sie selbst haben sich nicht gewählt, die Berliner Bürgerschaft hat's gethan. (Ruf von der Galerie: Und wird» wieder thun!) Das Jahr! 1870 hat uns den nationalen Staat gebracht, und in einem nationalen Staat muß auch die nationale Bevölkerung das