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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-09 · Heft 41 (9.10.1883) · p. Seite 665

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 41 (9.10.1883)
Date
1883-10-09
Page
Seite 665 (sequence 7)
Language
German
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an Jerusalem'denken, wo einerseits unter 28000Bewohnern j 13O0O Juden leben und verschmachten, und wo andrerseits! diese Juden nicht im Stande waren, sich zu einer Gemeinde j zu vereinigen, sondern sich in vier oder fünf Gemeinden spalten, die in Sprache, Lebensweise, Kleidung, cultuellen und wohlthätigen Anstalten völlig getrennt sind, eine jede die Sitte und Weise ihrer Abstammungsorte und Väter bewahrend — so erhalten wir kein ansprechendes Bild von dem, was Herr Rülf und feine Gesinnungsgenossen ungestüm verlangen. Ein Hauptgedanke dieser Herren ist: alle die Uebel, welche die Juden zu ertragen hatten und haben, kommen daher, daß sie keinen nationalen Staat und Mittelpunkt haben, der für sie bei den verschiedenen Regierungen wirke und zu dem sie in vorkommenden Fällen flüchten können. Man schlöffe mit ihnen keine Verträge, weil kein Vertragsparant vorhanden wäre. Nun, während des ganzen Mittelalters wurden viele Verträge mit den Juden abgeschlossen; jeder kleine Herr und jede Reichsstadt, wenn sie einer Anzahl Juden die Niederlassung gewähren wollten, schlossen mit diesen einen Vertrag über die von ihnen zu zahlenden Abgaben, die ihnen zustehenden Rechte und die Zeitdauer des Vertrages. Wie diese Verträge gehalten wurden, war eine andere Frage. Aber meint der Verfasser wirklich, daß irgend ein fremder Staat bei einem Vertrage nach der Billigung oder Mißbilligung des kleinen Staates in Palästina fragen wird? Die gegenwärtigen Staaten sehen die Juden als ihre Staatsangehörigen an und stellen sie unter das allgemeine Gesetz, freilich einige derselben noch mit beschränkenden Ausnahmegesetzen. Abgesehen von den gerechten Wünschen, daß diese letzteren beseitigt würden, können die Juden mit diesem Stande der Tinge nur zufrieden sein und würden in jedem anderen viel mangelhafter geschützt sein. Der Vers, betont wiederholt, daß man die Juden als „Fremde, Einwanderer, ja Landstreicher" ansieht, so lange sie nicht eine ihnen gehörige Heimath, ein Nationalland besitzen. Darin liegt eine arge Uebertreibung. Schon das preußische Edict vom 11. März 1812 erklärt die Juden für „Einheimische und Staatsbürger" und jedes seitdem erflossene Gesetz, jede Staatsverfaffung erklärt dies ausdrücklich oder stillschweigend. Wir selbst erkennen uns als Söhne dieses Vaterlandes, als Bürger dieses Staates, und geben unter keiner Bedingung diese unbestreitbare Eigenschaft auf. Mögen antisemitische Schreihälse uns fremd und eingcwandert nennen: was wird in unserer Zeit von Gegnern nicht geleugnet, und wenn es so klar wie die leuchtende Sonne ist? Ja, wenn wir einen Nationalstaat in Palästina hätten, dann würden jene Schreier uns erst recht Fremdlinge schimpfen und rufen: Treibet sie nach Palästina, wohin sie gehören. — Zu verwundern ist dabei, daß der Vers, den Juden vorwirft, daß sie den Messiasglauben in sich hätten abschwächen lassen; er selbst aber will den Messias nicht abwarten, sondern sofort ans Werk gehen. Da er jedoch fühlt, daß dies doch nicht von erster Hand geschehen kann, empfiehlt er schließlich die Colonisation in Pa» lästina im großen Maßstabe. Ob er sich wohl dahin begeben und an die Spitze der Colonisation treten will? Wir haben uns mit der Schrift des Herrn Rülf, den wir sehr hochachten, länger beschäftigt, weil wir es nicht für gleichgültig halten, für eine in eitlen Hoffnungen bestehende Idee eine Propaganda mit solcher Heftigkeit und solchem Eifer machen zu sehen. Unsere Gegner werden diese Schrift nicht unbeachtet lassen, und Belege daraus für ihre Behauptungen ziehen. Wir unsererseits halten dieses Pochen auf „nationales Bewußtsein" für einen argen Mißgriff. Man verdrängt dadurch das, tvas wir für den Hauptbegriff, für den Hauptinhalt, für das erste Bedürfniß, für das Lebenselement des jüdischen Stammes halten, die Belebung und Stärkung des religiösen Bewußtseins! Seit zwei Jahrtausenden besteht dieser jüdische Stamm ohne einen Nationalstaat, lediglich durch sein religiöses Bewußtsein, in welchem er lebte, von dem er erfüllt war, mit welchem er die schwersten Prüfungen bestand und siegreich aus ihnen hervorging. Dieses religiöse Bewußtsein ist die Lebensbedingung, dieser religiöse Sinn die erste und unbedingteste Forderung seiner Existenz. Ihn ersetzen zu wollen durch ein „nationales Bewußtsein", dem doch nur eine sekundäre Rolle eingeräumt werden könnte, ist ein gefährliches Experiment. Ohne diesen religiösen Geist als Hauptelement wird ein solches „nationales Bewußtsein" bald zerflattern und keinen Boden haben. Der Berfaffer widerspricht sich auch hierin. Er sagt (S. 68): „Der Israelit ist der Botschafter des Gottesreiches auf Erden." Meint er, daß er diese Botschaft von dem Binnenländchen in Palästina aus, oder inmitten aller Völker in allen Ländern der Erde vollführen kann? . .. Mit vielem Geiste zeigt er die Unentbehrlichkeit und das Verdienstliche des Handels, der die Arbeit erst wirklich productiv macht, und erkennt nun darin, daß die Juden vorzugsweise Handel treiben, eine, diesem Volke allerdings aufgedrängte Mission, einen Akt der Vorsehung. Aber auch diese müßten die Juden in Palästina ausgeben. Nein, eine zweitausendjährige Geschichte läßt sich nicht in einem einzigen Momente auf den Kopf stellen; alle in diesem langen Zeiträume herausgebildeten Verhältniffe lassen sich nicht nach dem Willen Einzelner plötzlich umgestalten und in's Gegentheil verkehren. Wir sind berufen, das Bekenntniß des Einig-Einzigen zu tragen und durch alle Zeiten zu verkünden; diese Ueberzeugung wurzelt in jedem Einzelnen von uns, und er lebt diesem Berufe, welche auch feine persönliche Stellung und seine persönlichen Verhältniffe sind. Darin uns zu stärken, uns zu festigen, aufrecht und treu zn erhalten, das ist unser Aller Ausgabe. Dies allein haben die Geschlechter seit dem Falle Jerusalems unter zahl-

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