Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1883)
- Date
- 1883-10-09
- Page
- Seite 664 (sequence 6)
- Language
- German
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664 und Awdus der Juden für alle Zeiten — und zwar in ihrer trübseligsten Gestalt bestehend glaubt und deshalb fragt: woher dieses unselige Verhältniß stamme? so weiß er seiten- , lang Gegensätze, Widersprüche und Verschiedenheiten zwischen den Juden einerseits und allen Nationen andrerseits aufzustellen. Wir erkennen an, daß Rülf hierbei gerecht zu sein! sich bemüht, und Licht und Schatten nach beiden Seiten hin! vertheilt. Aber bei genauerer Prüfung sehen wir so viel Uebertreibungen, so viel auf die Spitze getrieben auch hier/ daß unsere Abneigung gegen solche Abstraction, gegen derartiges Verallgemeinern, gegen das Schematisiren der Nationaleigenthümlichkeiten durch dieses Beispiel nur vermehrt worden. Der Verf. widerspricht sich aber auch, da er an einer andern Stelle (S. 24) sagt: „Es giebt überhaupt außer ihren Fähigkeiten und Kräften nichts der Seele An- und Eingeborenes." Alles Eigenthümliche ist nur durch Entwickelung, durch eine Menge örtlicher und zeitlicher Zustände so geworden wie es ist, bei den Völkern wie bei den Individuen. Ist dies der Fall, so kann er auch nicht von unveränderlichen, niemals hinwegzuräumenden Eigenthümlichkeiten sprechen; denn neue Ereignisse, neue Zustände, neue Einflüsse werden das alte verändern und umbilden, das Bestehende beseitigen und durch neue Entwickelungsphasen ersetzen. Hiermit stimmt aber auch die Lehre der Geschichte in den vielfachsten und bedeutendsten Beispielen überein. Wir haben hier nicht Raum genug, um die vielen Einseitigkeiten, deren sich der Vers, in der Aufführung und Zeichnung dieser physiologischen Eigenthümlichkeiten und Gegensätze schuldig macht, einzugehen. Uebcrhaupt aber, wer sich unsere Väter in den Ghetti vorstellt, unter dem Drucke des Leibzolls, ausgeschlosien von allen gewerblichen Thätigkeiten außer Trödel und Geldhandel, beschränkt auf ihre Chedarim und Botemidrasch, von allem gemeinsamen Leben mit ihren Mitbürgern zurückgewiesen — ein Zustand, der in manchen Ländern zum größten Theile noch bis zum Jahre 1648 bestand — und sich in der Gegenwart umschaut, der muß sich von den bedeutenden Fortschritten der Zeit überzeugen und sieht sich durchaus nicht genöthigt, die noch vorhandenen Uebelstände, die allerdings in einigen Ländern noch sehr drückend sind, als für immer andauernd anzusehen. Wir dürfen auch nicht zu viel Gewicht auf die Schmähungen der Antisemiten und selbst auf die verübten Excesie legen. Die ersteren sind von den Nationen selbst bis jetzt abgewiesen und von den besten und edelsten Männern gebrandmarkt worden. Die letzteren sind noch mehr aus der im Pöbel geweckten Raub- und Plünderungssucht. denen man die Juden als wohlfeile Beute zeigte, erklärlich, als aus wirklichem Judenhasse. Das hat sich namentlich in Ungarn unwiderleglich gezeigt, wo die Tumulte gerade in den Gegenden stattgefunden, in welchen bis dahin Christen und Juden im besten Frieden und Einverständniß gelebt, und wohin die Plünderer wohlvorbereitet mit Wagen und Karren anmarschirt kamen. Diese Excesie haben das Ziel und die Folgen jener Ausschreitungen hinreichend gezeigt, so daß die Regierungen alle Energie anwcnden müssen, sie zu unterdrücken. — Jndeß unser Vers, mußte, um zu seiner Schlußfolgerung zu kommen, sich dieser von uns bestrittenen Argumente bedienen: Die Juden stehen durch ihre psychologischen Eigenthümlichkeiten im unausgleichbaren Gegensatz zu den anderen Nationen, der Haß und die Vorurtheile der letzteren gegen sie sind deshalb unvertilgbar, und darum müsien wir au ein anderes Hülfsmittcl denken, nämlich den Wiedererwerb Palästinas, die Wicdcrbesetzung desselben durch Juden und die Wiedererrichtung des jüdisch - nationalen Staates. Mit seinen Prämissen fällt natürlich auch diese Schlußfolgerung. Wenden wir uns jedoch nun zur Prüfung dreses Gedankens. Es ist nicht allzu schwer, irgend eine Idee auszusprechen und als einziges Rettungsmittel anzupreisen, noch dazu, wenn dieselbe nicht neu, sondern nur aus der Vergangenheit hervorzuhvlen ist, in welcher sie traditionell vorhanden und die nur in der Neuzeit abgeblaßt war. Anders steht aber die Sache, wenn die Frage nach der Möglichkeit und nach der Ersprießlichkeit erhoben wird. Die erste Frage beantwortet der Verf. naiv: man solle nur an die Ausführung gehen, über das Wie? müsse man berathcn. Tie Schwäche dieser Antwort selbst fühlend, meint er, nicht alle Juden brauchten nach Palästina zu gehen; diejenigen, welche, emancipirt, in den Culturländern sich wohl fühlen, könnten Zurückbleiben; er rechnet daher nur auf die etwa I', 2 Millionen polnisch-russischer Juden, die sehnsüchtig verlangten, dahin zu gehen. Meint nun der Verfasier wirklich, daß mit 11 2 Millionen polnischrussischer Juden ein Nationalstaat in Palästina aufzurichten sei? Glaubt er, daß auf dem Boden des Schulchan Aruch, auf welchem diese in ihrer größten Mehrzahl stehen, ein Staat im modernen Sinne, und ein solcher allein kann in der Reihe der Nationen Bestand haben, möglich ist, und würde nicht um dieses Gesetzbuch und seine Geltung sofort der heftigste Streit und die tiefstgehende Spaltung ei »treten? Andere, nicht minder gewichtige Schwierigkeiten übergehen wir. Mit dem Wiedererwerb ist der Verf. auch schnell fertig: man kauft der Türkei Palästina ab. Die hohe Pforte wird schwerlich in diesen Kauf willigen, da sie hiermit so ziemlich auf ihre Herrschaft in Syrien verzichtete, und ein schlimmes Präjudiz geben würde. Woher das Geld nehmen, läßt er unerörtert. Und was will der Verf. mit den Türken, Christen, Arabern, Beduinen u. s. w., die jetzt in diesem Lande wohnen, anfangen? Will er sie, wie einst die Canaanitcr durch Josua aus dem Lande treiben und wo nicht, wird dann für die Million Juden Platz sein, sich darin zu nähren und mit diesen Bewohnern in Frieden zu leben? Wenn wir allein