Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-09 · Heft 41 (9.10.1883) · p. Seite 663

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 41 (9.10.1883)
Date
1883-10-09
Page
Seite 663 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227447-3227489--41172-3309624
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

663 „Israels Heilung" allein in der Wiedererlangung Palästinas,! in der Einwanderung in diese alte Heimath Judas, in der Wiederherstellung des jüdisch -nationalen Staates. Dahin sollten und müßten alle Bestrebungen aller Juden gerichtet sein, und er verlangt, daß alle geistigen und materiellen Kräste sür dieses Ziel verwendet werden. Es versteht sich, daß der Vers, dieses Conclusum aus bestimmten Prämissen ziehen muß, daß er mit einem Worte seinen Gedanken als eine Schlußfolgerung aus bestimmten Voraussetzungen begründen muß. Hier findet sich nun auch die schwache Seite. Der Vers, kann zu seinem Schlüsse nur durch Uebertreibungen und Widersprüche gelangen. Uebertrieben ist es, wenn er wiederholt die emancipirten'Juden nur als einen „kleinen Druchtheil" der Gesammtheit der Juden hinstellt. Es leben in den Staaten, in welchen die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen zu einem Fundamentalsatze der Verfassung geworden, über 2l > Millionen Juden, während in Rußland, Rumänien, Persien und Marokko höchstens 31 2 Millionen Juden existiren. Jene machen also fast die Hälfte aus. Uebertrieben ist cs ferner, wenn er diese Gleichstellung heruntersetzt in ihrem Werthe, als ob sie nur „auf dem Papiere" stände, und jeden Tag zurückgenommen werden könnte. Die Gleichstellung hat den Juden Rechte verschafft, die ihnen in keiner Weife bcfchränkt werden. Die Freizügigkeit, der unbedingte Antheil an jeder gewerblichen Freiheit, das aktive und passive Wahlrecht, die unbedingte Theilnahme au dem öffentlichen und geistigen Leben, dies sind Errungnisse von höchstem Werthe. Wenn selbst für den Eintritt in Staatsämter, so weit die Verwaltung darüber disponirt, von dieser noch Schwierigkeiten erhoben werden, so braucht man sich nur umzusehen, um zu erkennen, daß dies in Bezug auf die Juden nur theilweise stattfindet, und daß in dieser Beziehung auch ganze Claffcn von Nichtjuden auf Schwierigkeiten stoßen, z. B-, daß es noch jetzt Staatscarrieren giebt, welche nur den Söhnen wohlhabender Eltern zugänglich find. Deshalb die Gleichstellung als nur auf dem Papiere cxistirend oder sür die Juden illusorisch zu erklären, ist eine arge Uebertreibung. Niemand, welcher die Geschichte der Emancipation miterlebt oder studiert hat, konnte sich der Besorgniß entschlagen, daß selbst nach Erreichung dieses Zieles der Kamps um das Festhalten und die vollständige Verwirklichung desselben, noch lange dauern werde, daß die Gegner immer von Neuem versuchen würden, sie wieder rückgängig zu machen, oder wenigstens einige Momente derselben wieder;u beseitigen. Diese Versuche der Gegner traten ja oft genug zu Tage, hielten die Verwirklichung bisweilen auf, scheiterten aber zuletzt sämmtlich. Ebenso übertrieben sind seine Schilderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse der Juden. Nach dem Vers, stehen wir Juden allesammt bei aller Welt in einer Verachtung, die uns zum „Knechte der Knechte, zum Sklaven der Sklaven" stempelt. Wir sind, glauben wir, weder Optimisten noch Pessimisten, und ohne deshalb die vielen Nachtheile zu verkennen, die noch auf uns drücken, erscheinen uns doch die Farben, mit welchen Herr Rülf sein Bild ausstattet, viel zu dunkel, viel zu dick aufgetragen. Wenn irgend ein dummer Teufel von Knecht sich verächtlich über die Juden äußert, so sind diese deshalb noch lange nicht dessen Knechte. Es kommt vielmehr darauf an, ob uns diejenigen achten, die wir achten und zu achten haben. Doch wir wollen einfach unsere Meinung noch einmal sagen. Wenn man gegenwärtig so oft vom 19. Jahrhundert als vom Jahrhundert der Aufklärung, des Rechts und der Humanität sprechen hört, so ist dies im Grunde nur eine hohle Phrase. Wir leben in einem Jahrhundert des Kampfes, eines schweren und erbitterten Kampfes, in welchem noch nichts zum vollen Ausgleich und zur unentwegten Herrschaft gekommen ist, in welchem vielmehr die Principien der alten mit denen der neuen Zeit und Gesellschaft aufs heftigste ringen, in welchem die Gegensätze in schroffster Weise mit einander im Streite liegen, und Aufklärung, Recht und Humanität vom alten Aberglauben, Un- und Vorrecht, Unduldsamkeit und Verfolgungssucht angegriffen, angefeindet und möglichst zu Falle gebracht werden sollen. Können wir da verlangen, daß gerade die Verhältnisse der Juden unbestritten und für sie die Zeiten des Friedens und der Sicherheit angebrochen sein sollen? Dazu ist die Gleichberechtigung, die Achtung des Menschenrechts und der Menschenwürde, noch mehr die Werthschätzung jedes Verdienstes und jeder Tüchtigkeit,, in welchem Individuum sie auch vorhanden sind, noch zu jungen Datums, und die Feinde der Aufklärung, des Rechts und der Humanität noch zu mächtig. Fallen daher noch Ausbrüche dieser Gegensätze in Wort und Thal vor, so können sich darüber nur die verwundern, so können deshalb nur die an dem Fortschritt und an dem einstigen Siege der Wahrheit und des Rechts verzweifeln, welche die Einsicht in den geschichtlichen Gang der Menschheit, in den geschichtlichen! Gang der Entwickelung außer Augen setzten und sich in die? Träume vollendeter Sicherheit wiegten. Daß unser geehrter j Verf. zu den letzteren gehört, wird uns die Erinnerung lehren, daß er noch vor drei Jahren in seiner Schrift: „Ter Einheitsi gedanke" (vgl. Jahrg. 1880, S, 667) für die Einheit aller Religionen und Nationen schwärmte, die durch den Monismus, d. i. durch die Anschauung, daß alles Bestehende, Gott! und Welt, Geist und Körper u. s. w. Eines sei, herbeigeführt werden sollte. Jetzt hingegen gewahrt er nichts als unausj löschliche Gegensätze, Widersprüche und Verschiedenheiten, die!er durch keine Entwickelung und in aller Zukunst nicht ausgleichbar glaubt. Wenn er deshalb den Fortschritt des Rechts ' und der Humanität und die Wirkungen derselben verneint, :: und die in seinen drei Capiteln besprochenen Golus, Rischus

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.