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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1883-10-09 · Heft 41 (9.10.1883) · p. Seite 662

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
47 (1883)
Issue
Heft 41 (9.10.1883)
Date
1883-10-09
Page
Seite 662 (sequence 4)
Language
German
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662 Bewegung, gegen diese, .gleich einer gefährlichen Epidemie sich verbreitende Strömung, und Ihren Bemühungen, unsere edcldenkenden Glaubensgenossen von dieser ekelerregenden Ansteckung zu bewahren, gelesen. Ihr Vorgehen ist menschlich, christlich und würdig eines protestantischen Priesters. Der Verkündiger der Lehren jenes Jesus, der die allgemeine menschliche Liebe empfahl, der selbst für seine Feinde betete, erhebt sich auf die Höhe seines Berufes, wenn er so eifrig, so erfolgreich dafür wirkt, daß die Lehren Jesus zum Siege gelangen, daß die Nächstenliebe zur herrschenden Macht werde, daß der Antisemitismus, der dies verhindert, von den Mitgliedern seiner Gemeinde fernbleibe, wie dies Ew. Hochwürden in Nagy-Bajom gethan haben. Als Ungar schäme ich mich, daß diese unglückselige Bewegung in Ungarn so ekelerregende Orgien hervorgerufen, als ungarisch-protestantischer Priester bin ich stolz, daß diese Bewegung noch keine protestantischen Gemeinden insizirt hat, daß das Licht des nüchternen, natürlichen Verstandes unserer Glaubensgenossen vom Sturm der aufgepeitschten Leidenschaften nirgends verlöscht werden konnte und sie daher auch nicht zu unedlen Thaten hingerisien wurden, welche den Grundgesetzen der Menschheit widerstreiten. Und wenn unsere Seelsorger überall im Lande das weise, humane und christliche Vorgehen Ew. Hochwürden nachahmen, dann werden die Mitglieder unserer Konfession vor der Schande der Theilnahme an den Orgien bewahrt bleiben und diese Schande ist niederdrückender als die Gefahr, welche den Theilnehmern gerechterweise droht, niederdrückender, denn sie erniedrigt den Menschen, sie beraubt ihn der Würde, die er erlangt, wenn er sich von den edleren Regungen des Verstandes und des Gemüthes leiten läßt. Unsere Kirche ging stets mit der Fackel der Aufklärung voran, sic ließ das Banner des Fortschritts wehen, sie verurtheilte und verdammte das fluchwürdige Wirken der Inquisition, sie jätete das Unkraut des Raffen- und Religions- Haffes aus der Saat der allgemeinen Nächstenliebe und verkündete die Freiheit des Gewissens. Auch jetzt kann sie nicht anders thun, will sie ihr lebenspendendes Prinzip nicht verleugnen. (Und Stöcker und Genossen!?) Sie muß gegenüber der antisemitischen Bewegung entschieden Stellung nehmen und den Eroberungszug der Hetzer aufhalten. Ew. Hochwürden haben dies gethan. Sie haben dies in Ihrer Gemeinde von Erfolg gekrönt gethan. Sie haben dadurch in den Kranz Ihrer Verdienste eine werthvolle Blume eiugeflochten und sich des Dankes der Kirche verdient gemacht. Und im Namen der Kirche reiche ich Ihnen den Lorbeer dieser Anerkennung. Empfangen Sie für Ihr 1 Wirken meinen aus dem Herzen stammenden Dank! Mit ausgezeichneter Achtung, auf das ganze Haus Ahron's Gottes Segen herabflehend, bin ich in Liebe und Achtung Ew. Hochwürden Bruder Gabriel Pap, Bischof." Ko morn, 6. September 1683. „Israels Heilung." Als in Rußland die scheußlichen Judenverfolgungen begonnen hatten, erstand in einer Anzahl begabter Köpfe, namentlich jugendlicher, der Gedanke, daß das einzige Heil für die Juden in der Wiedererlangung Palästinas, in der Wiederherstellung des jüdischen Staates bestehe, und man nannte dies das Wiedererwachen der nationalen Idee. Das nächste Mittel schien ihnen die Colonisation in Palästina. Einige Tausend polnisch-russischer Juden wanderten dahin aus; aber in welche Zustände sie in diesem, mit geringer Ausnahme nur von den ärmsten Juden bewohnten Lande geriethen, ist bekannt. Dieser Gedanke faßte in ernsten und für das Wohl ihrer Glaubensgenossen tief empsindenden Geistern Wurzel, und als ein Ausfluß dessen wurde die Broschüre eines russischen Arztes „Die Autoemancipation" veröffentlicht, eine Schrift, in welcher sehr lebhaft für die „nationale Idee" plaidirt, aber der „religiösen Idee", die doch das ganze Lebenselement des jüdischen Stammes ausmacht, mit keinem Worte gedacht wurde. Vor Kurzem ist nun eine neue Bearbeitung dieses Gedankens vom Rabbiner Dr. I. Rülf zu Memel unter dem Titel: Amclnis Bas-Ammi. Israels Heilung. Ein ernstes Wort an Glaubensunv Nichtglaubensgenoffeu. (Frankfurt a. M. Kauffmann 1683.) i) erschienen, und wir fühlen uns deshalb verpflichtet, etwas näher darauf einzugehen. Rülf ist ein Mann von tiefem Empfinden, von reicher Geistesbegabung, zu lebhaftem Enthusiasmus geneigt, und besitzt eine ungewöhnliche Sprachgewandtheit. Fühlen wir erklärlich, daß jener Gedanke unter den furchtbaren Leiden, denen die russischen Juden unterworfen waren, erstand und sich verbreitete, so können wir dies auch von Rülf begreifen, der das düstere Geschick schuldloser Glaubensgenoffen in der Nähe gesehen und unermüdlich seine Kräfte anstrengte, um Hülfe zu spenden, so viel er es vermochte, oder besser gesagt, so gering dies sein konnte gegen das maßlose Elend, in das er täglich hineinzuschaucn gezwungen war. Jede Fiber seiner Seele erzitterte; vergebens sah er nach Hülfe und Heil aus, und so griff seine Hand nach diesem scheinbaren Rettungsanker. Anders aber ist etwas empfinden, vor seiner Phantasie einen Lichtschein von Hoffnung aufblitzen zu sehen, anders die Wirklichkeit zu bemessen und die Folgen zu erwägen. Auch Rülf sieht 1) Das Motto aus dem Titclblatte ist irrig citirt; nicht Jerem. 8, 2t., sondern 22 stehen die Worte, und „sondern" kann nicht intransitiv gebraucht werden.

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