Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 47 (1883)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1883)
- Date
- 1883-10-01
- Page
- Seite 654 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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654 Prozesse, Moriz Scharf, der bisher im hiesigen israelitischen I Taubstnmmeninstitute verborgen gehalten wurde, hat in Begleitung seiner Eltern Pest verlosten und reist heute Abend, wie „Egyetertes" meldet, mit denselben nach Amsterdam, wo der Knabe in einem Industrie-Etablissement eine paffende Unterkunft und Beschäftigung gefunden. Auch seine Eltern werde« sich daselbst niederlaffen. Pest, 16. Sept. (Privatmitth.) Die Unruhen können im Großen und Ganzen als erloschen betrachtet werden. Die Untersuchung ist überall im Gange. Es ist nunmehr constatirt, daß an mehreren Orten Alles zu den Excesten vorbereitet war. In Söjtör, wo der Tumult am 29. v. M. ausbrach, sagte der Kleinrichter Tags zuvor in jedem Hause an, man möge Wasser bereit halten, denn es werde in der Nacht Feuer geben. Die Juden waren am 29. von den bevorstehenden Ereignissen avisirt und verließen resignirt ihre Häuser. Ein dortiger israelitischer Ingenieur, Namens Deutsch, dessen Familie seit hundert Jahren in der Ortschaft und in der Gegend populär und geschätzt ist, wurde von anonymer Seite gewarnt. Ein charakteristisches Merkmal, das in der Geschichte dieser Agitation immer wiederkehrt, ist, daß die Pfarrer, die Richter und Notäre, welche sich der verfolgten Juden angenommen haben, Drohbriefe erhalten, in welchen gedroht wird, daß sie aus der Welt geschafft werden sollen. Auch an komischen Episoden fehlte es bei den Tumulten nicht. In Mlinga (Militärgrenze) wohnt ein jüdischer Kaufmann Namens Spitzer. Als derselbe sich von Plünderung bedroht sah, versprach er, sofort zur griechisch-orientalischen Kirche übertreten zu wollen, aber selbst dieses Versprechen schützte ihn nicht vor Gewaltthat und Plünderung. ZalaEgerßeg, 13. Sept. Ober-Staatsanwalt Kozma empfing heute zehn hiesige, durch die Krawalle beschädigte jüdische Bürger. Herr v. Kozma ließ sich den Hergang der Dinge erzählen und fragte sie nach den Anführern der Plünderung, auf welche Frage die Leute, die zumeist geflüchtet lvarcn, nur geringe Auskunft zu geben wußten. Die Armen sagten, daß sie auf einen Ersatz ihrer Schäden nicht zählen und baten nur um ferneren Schutz für die Sicherheit des Lebens und Eigenthums. Kozma entließ sie getröstet. — Ein israelitischer Gutsbesitzer, Namens Steiner, verließ bei Ausbruch der Unruhen sein Gut Folniczka, seine Diener mit der Fortführung der Wirthschaft betrauend. Als er am letzten Freitag wieder zurückkehrte, thaten seine Diener ganz verwundert, sagten ihm, daß sie vermutheten, daß er längst nach Palästina übersiedelt sei. Die Diener forderten den Steiner auf, ihr Gut sofort zu verlassen. Als Steiner Miene machte, sein Recht geltend zu machen, überfielen sie ihn und schlugen ihn, so daß er eiligst nach Zala-Egerszeg entfloh. (Da-5 find Zustände in einem civilifirten Staate!) Agram, 18. September. Meldung der „Ung. Post": In der Gemeinde Bednja in Zagorien, wo die Bauern, durch Hetzer verleitet, das Haus eines dortigen jüdischen Bürgers verwüsteten, führen nun dieselben Bauern, als Beweis der friedlichen Eintracht, Steine, Ziegel, Kalk und Sand unentgeltlich zum Wiederaufbau des Hauses. Rußland. Petersburg, 15. Sept. Einen recht sonderbaren Vorfall, der noch sehr der Aufklärung bedarf, und beinah Anlaß zu einer abermaligen Judenhetze gegeben hätte, meldet man dem „Orelschen Boten* (Ortowski Weßnik) aus Tula. Daselbst vermißten am 2. September russische Eltern ihren 21!-, jährigen Sohn und nach langem Suchen, unter Zuhilfenahme vieler Personen, wurde der Knabe am Abend desselben Tages in dem Laden eines jüdischen Händlers unter einer Matte versteckt gefunden. Darauf hin gab es, wie die genannte Zeitung berichtet, großen Lärm, die russische Bevölkerung rottete sich zusammen und nahm eine äußerst bedrohliche Haltung an. Die Juden schlossen ihre Läden, aber die Nacht verlief ohne Ruhestörung. Die ganze Geschichte klingt ebenso sensationell als unglaublich. Petersburg, 17. Sept. In Nowanoskows im Gouvernement Jekaterinoslaw wurden gestern Nachmittag die Häuser und Läden jüdischer Besitzer geplündert. Zur Wiederherstellung der Ruhe wurden aus Jekaterinoslaw Kosaken abgesandt. Wie der „Pol. Corr." aus Petersburg, 13. Sept., gemeldet wird, ist seitens der Regierung den durch die jüngst in Jekaterinoslaw stattgefundenen Excesse ruinirten jüdischen Familien eine Unterstützung aus dem Staatsschätze in Aussicht gestellt worden. — In Simferopol, der Hauptstadt der südrussischen Halbinsel Krim, fand, wie man von dort der Petersburger „Nowoje Wremja" schreibt, dieser Tage ein ebenso blutiger als widerlicher Kampf zwischen mehreren Hunderten von christlichen und jüdischen Arbeiterinnen der Conserven-Fabrik der Söhne Abrikosoff statt, wobei viele Frauen von Blut überströmt und mit zerfleischten Gesichtern und Brüsten am Platze blieben. Es mußte eine starke Abtheilung Polizisten mit blanken Säbeln einschreiten, um die kämpfenden Frauen und Mädchen auseinanderzubringen. Biele Rädelsführerinnen wurden verhaftet. Als Ursache dieses Kampfes werden antisemitische Agitationen angegeben .... Krakau, 16. September. Bon hier wird der „N. fr. Pr." geschrieben: Die Hindernisse, welche Rußland dem österreichischen Handel bereitet, werden immer empfindlicher und haben zu wiederholten Beschwerden geführt, welche bei der Regierung von den in Mitleidenschaft gezogenen Kreisen erhoben worden sind. So hat die Handelskammer in Krakau